Midyat. Ein schneidend kalter Wind fegt über den Tur Abdin. Der Sturm treibt den Staub vor sich her und pfeift durch die dürren Sträucher dieser kargen Hügellandschaft. Der Bergrücken Tur Abdin erstreckt sich von der südostanatolischen Stadt Mardin entlang der syrischen Grenze nach Osten. Wie eine Trutzburg erhebt sich in dieser Einöde auf einer Anhöhe Mor Gabriel, eines der ältesten christlichen Klöster der Welt. Doch über der Abtei mit ihren Mauern und Glockentürmen aus gelbem Sandstein braut sich Bedrohlicheres zusammen als jener Sturm, der an diesem düsteren Februartag über den Südosten der Türkei hinwegfegt. Drei umliegende kurdische Dörfer und der türkische Staat machen dem Kloster große Teile seines Landes streitig.
Und weitere Vorwürfe stehen im Raum: die Anklage, das Kloster betreibe unerlaubte Missionstätigkeiten; oder die Behauptung, Mor Gabriel sei auf einer zerstörten Moschee errichtet worden - dabei stand das Kloster bereits seit 200 Jahren, als Mohammed den Islam begründete. Es gehe um mehr als die Ländereien, glauben denn auch die Geistlichen von Mor Gabriel. Die Existenz eines der letzten christlichen Klöster in der Türkei stehe auf dem Spiel - und damit die Zukunft der bedrängten syrisch-orthodoxen Gemeinde.
"Sie wollen alles: erst unser Land, dann unser Kloster", sagt der Abt des Klosters, Bischof Thimotheus Samuel Aktas. "Die Muslime und der Staat, sie wollen uns vertreiben." Der Geistliche ist besorgt. Seine Hände finden keine Ruhe. Nervös fahren die Fingerspitzen über die Tischplatte. Rund ein Dutzend Besucher haben sich in dem kleinen weißgetünchten Raum im Kloster versammelt. Ein eiserner Ofen spendet etwas Wärme, während der Sturm an Türen und Fenstern rüttelt. Syrisch-orthodoxe Christen aus vielen Ländern der Diaspora sind ins Kloster gekommen. Der nächste Tag wird wichtig: Vor dem Amtsgericht der nahegelegenen Kreisstadt Midyat soll über die Gebietsansprüche verhandelt werden. "Der Streit um die Grundstücke ist nur ein Vorwand", sagt Kyriakos Ergün, der Klostervorsteher. "Die syrisch-orthodoxen Christen sollen eingeschüchtert werden." In Sorge sind sie ohnehin. Jeder im Kloster denkt an die Ermordung des katholischen Priesters Andrea Santoro 2006 in Trabzon. Und an den Foltertod der drei evangelischen Missionare in Malatya im Jahr darauf.
Mor (Sankt) Gabriel, gegründet im Jahr 397, ist ein Relikt aus der Zeit, als in diesem Teil der Südosttürkei Hunderttausende Christen lebten. Tur Abdin bedeutet übersetzt "Berg der Gottesknechte". Mehr als 80 christliche Klöster gab es hier einmal. Davon sind nur noch sechs erhalten. Mor Gabriel ist das größte und bedeutendste. Die Mönche von Mor Gabriel singen und beten wie seit 1600 Jahren auf Aramäisch, in der Sprache, die Christus gesprochen haben soll. Syrisch-orthodoxe Christen nennen sich deshalb auch Aramäer. In der Blütezeit des Christentums auf dem Tur Abdin beherbergte Mor Gabriel 2000 Mönche und Nonnen. Heute sind es 17, dazu etwa zwei Dutzend Bedienstete und ihre Familienmitglieder sowie 30 Klosterschüler, die hier unterrichtet werden.
Wie das Land, so hat auch das Kloster eine wechselvolle Geschichte: Römer, Byzantiner, Kreuzfahrer, Mongolen und islamische Armeen eroberten den Tur Abdin, Mor Gabriel erlebte Plünderungen und Zerstörungen. Wie die christlichen Armenier wurden auch die syrisch-Orthodoxen im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs Opfer von Verfolgung und Vertreibung. Dennoch lebten noch Anfang der 1970er Jahre etwa 250 000 syrisch-orthodoxe Christen in der Region. Die meisten wanderten seither aus nach Westeuropa - teils aus wirtschaftlicher Not, teils wegen zunehmender Übergriffe fanatischer Muslime, auch wegen des Kurdenkrieges, der hier in den 90er Jahren wütete. Nach dem Abflauen der Kämpfe setzte ab 2002 eine Rückkehrbewegung ein. Einige Dutzend syrisch-orthodoxe Familien kehrten aus der Diaspora auf den Tur Abdin zurück, ermutigt auch durch die türkische EU-Perspektive, von der sich die Christen mehr Sicherheit versprachen.
Dank der Rückkehrer lebte das Kloster Mor Gabriel wieder auf. Aber ausgerechnet jetzt gerät die Existenz des "zweiten Jerusalem", wie die syrisch-Orthodoxen Mor Gabriel nennen, in Gefahr. Die Dorfvorsteher der drei umliegenden Ortschaften Yayvantepe, Eglence und Candarli machen dem Kloster sein Land streitig, ziehen die seit vielen Jahrhunderten anerkannten Grenzen in Zweifel. Die Dörfer reklamieren die Flächen als Weideland. Weiteres Klosterland hat der Staat als "Wald" deklariert. Das heißt Enteignung.
Mehr als hundert Menschen drängen sich vor dem Gerichtsgebäude von Midyat, wo die Klagen heute verhandelt werden sollen. Es ist bereits der dritte Termin. Nicht nur aus den drei Dörfern sind Menschen zum Gericht geströmt, auch viele ausländische Beobachter sind da. Die EU-Staaten sind durch drei Diplomatinnen aus Schweden, Finnland und den Niederlanden vertreten. Das zeigt: Das Verfahren um das Klosterland ist ein Prüfstein für die europäischen Ambitionen der Türkei. In Midyat geht es auch um Minderheitenschutz und Religionsfreiheit im EU-Bewerberland.
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