Wer Hüseyin Ekici, den neuen „bösen Türkenbuben“ aus der „Lindenstraße“ auf dem WDR-Set in Köln-Bocklemünd beobachtet, hat das Bedürfnis, eine Polaroidkamera zu zücken. Der will ihn festhalten oder zumindest den, der er gerade zu sein scheint. Raufbold. Schulabbrecher. Gentleman. Scherzkeks. Grübler. Aufreißer. Einer, den man liebt oder hasst, einer, der nervt. Mit finsterer Miene fläzt er sich auf einem Sofa, einen Wimpernschlag später gibt er den Clown, lacht.
Ekici ist 20 Jahre alt und in der „Lindenstraße“ spielt er seit Jahresanfang Orkan Kurtoglu, aber auch ein bisschen sich selbst. Junge aus Berlin, halbstark, gutes Herz, Diebstahl, Gewalt, eine Mutter, die ihn nicht im Griff hat. So ähnlich steht es in der Rollenbiografie. In Wirklichkeit ist Ekici von der ehemaligen Rütli-Schule in Berlin-Neukölln geflogen, er war kaum da. Falsche Freunde. Sachbeschädigung. So richtig will er nicht reden über seine Vergangenheit. Er streitet auch nichts ab. Er ist verurteilt worden von der inzwischen verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. „Das Kapitel ist abgeschlossen.“ Die nachdenklichen Falten verschwinden. Glattes Jungengesicht mit Grübchen.
Hüseyin Ekici spielt in der „Lindenstraße“ seit Folge 1310 Orkan Kurtoglu. Der Deutsch-Türke, 1990 in Berlin-Kreuzberg geboren, wuchs in Neukölln auf. Im Jahr 2008 wurde Ekici wegen Körperverletzung von der inzwischen verstorbenen Richterin Kirsten Heisig zu Sozialstunden verurteilt. Seit 2006 schauspielert er und spielte etwa im Bushido-Film „Zeiten ändern dich“ mit. prsm
Ekici muss zurück aufs Sofa. Eingerollt mit einem Kissen in den Armen soll er den schlafenden Orkan mimen, der mit seinem Cousin auf dessen Baby aufpasst. Eine rührende Szene. Nächtliche Familienharmonie. Der Aggro-Türke, der Hyperaktive, friedlich neben dem Kind. Ekici sieht harmlos aus, wenn er da so liegt. Der Kopf überstreckt, entspanntes Gesicht, der Körper schmiegt sich um das Sofakissen. „Zwei Babys, wie süß“, ruft ein Mitglied der Filmcrew zwischen zwei Schnitten. Ekici bleibt in diesem Moment eine gefühlte Ewigkeit derselbe.
Zwischen zwei Drehs gibt es ein kurzes Gerangel mit seinem Fernsehcousin Murat. Links, rechts, parierte Hiebe. Dann wieder dieses Grinsen und Ekici sagt den Spruch, der auf Internet-Fan-Seiten vielfach zitiert wird und dessen Intonation sie am Set amüsiert nachmachen: „Nur Spaaaß.“ Ekici, der Fisch, der immer dann entschlüpft, wenn man ihn schon im Netz zu haben glaubte.
Er wohnt noch bei Mama
Ihm gefällt es, immer wieder ein anderer zu sein. Vielleicht, weil er dadurch denen entkommt, die ihn in diese Schublade stecken: Migrationshintergrund, Moslem, männlich und kriminell, steht da drauf. Aber Ekici darf alles sein. Als Türke. Als Kurde. Als Deutscher. „Eine Nationalität ist wie eine Rebe mit großen und kleinen Trauben. Du kannst alles sein. Gut und schlecht. Groß und klein.“ Ekici mag solche Sätze. Gleichnissätze, weise Sätze.
Meistens hängt er an diese Sätze nach einer Pause an, dass er sie von seiner Mutter hat. Sie ist sein Vorbild. Seine Liebe. Er wohnt noch immer bei ihr in der Neuköllner Sonnenallee. Dort ist er aufgewachsen. Dort weiß er, wie sich Zuhausesein anfühlt. Seinen ersten Auftritt in der „Lindenstraße“ hat er zu Hause mit seiner Mutter im Fernsehen verfolgt. Sie ist diejenige, die das Recht hat auf die Premieren seines Lebens.
Integration. Er ist einer, der sich anpassen kann. Er kann Talkshows besuchen und in akzentfreiem Deutsch über die Multikutigesellschaft reden. Er kann mit seinen Jungs vor einer Wasserpfeife sitzen, zwischen Deutsch, Türkisch und Arabisch hin und her springen und dabei wenig Gehaltvolles sagen. „Chillen. Alter. Ich schwöör.“
Meistens wählt einer wie Ekici aber den entgegengesetzten Weg. Er bricht aus, ist ein anderer, als er gerade sein soll. Ein Deutscher in Antalya, der Heimat seiner Mutter. Ein Türke in Deutschland. Ein Rapper, der seit sieben Jahren seinen Frust, seine Wut, seinen Liebeskummer in rhythmische Texte verpackt, aber selbst nie in die Disco geht. „Ich war da erst einmal in meinem Leben.“ Die Debatte um Integration, sie gefällt ihm nicht. Das Erste, was ihm dazu einfällt: „Ich muss mich nicht integrieren. Ich bin Berliner.“ Empörung liegt in seiner Stimme, Wut, wenn er über Sarrazin redet. „Wer ist dieser Mann, dass er behauptet, ich und die anderen mit Migranteneltern seien die mit den hängengebliebenen Genen?“
Aggressive Migrantensöhne
Keine Schubladen. Überall gibt es solche und solche. Auf dieser augenscheinlich banale Weisheit beharrt Ekici. Natürlich gebe es in Neukölln viele aggressive junge Migrantensöhne. „Weil die nicht anerkannt werden. Und sich sagen: Dann scheiß ich drauf und mach nur noch, was ich will.“ Bei Ekici ist die Wut in Ehrgeiz umgeschlagen. „Ich arbeite wie verrückt. Ich will was erreichen, ich will nicht mehr träumen. Ich will was umsetzen.“ Er plustert sich auf, will imponieren. „Was willst du?“, fragt seine Haltung.
Dann legt er den Schalter wieder um, lächelt gewinnend und ist derjenige, mit dem man verhandeln kann. Wenn er eine deutsche Freundin hätte, eine Christin? „Würde ich akzeptieren, dass mein Sohn katholisch wird und aushandeln, dass er trotzdem beschnitten wird.“ Kompromisse schließen, er will es versuchen.
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