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27. Februar 2016

Türkisch-Syrische Grenze: Das Niemandsland an der türkischen Grenze

 Von 
Bis zu 100 000 Menschen sollen sich in den Camps aufhalten.  Foto: REUTERS

Tausende Flüchtlinge campieren an der syrischen Grenze. Sie dürften nicht in die Türkei einreisen. Trotz Forderungen der UN will Erdogan die Grenze nicht öffnen. Stattdessen ist die türkische Regierung dabei, eine Sicherheitszone zu errichten.

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Das staatliche Krankenhaus in der südtürkischen Grenzstadt Kilis ist wieder zum Feldlazarett geworden. Hierher wurden seit dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien unzählige verletzte Kämpfer gebracht; vielen retteten türkische Ärzte das Leben. Jetzt sitzen erneut bärtige Kämpfer mit Bandagen im Gesicht und am Körper auf den Bänken vor dem Eingang der Klinik. Ihre Wunden stammen von den Kämpfen in und um die 60 Kilometer entfernte syrische Großstadt Aleppo, wo die russische Luftwaffe und das Regime des syrischen Gewaltherrschers Baschar al-Assad seit vier Wochen eine gnadenlose Offensive gegen die Rebellen führen.

Die Lage ist eskaliert, seit sich auch die türkische Armee in den Krieg im Nachbarland eingemischt hat. Sie feuert seit Kurzem mit schwerer Artillerie auf kurdische Milizen, die entlang der Grenze vorrücken. Russland, Syrien und die Türkei beschuldigen sich inzwischen gegenseitig, im Grenzgebiet einen großen Krieg anzufachen. Die Region ist zum Brandherd geworden. Und die verletzten Kämpfer im Krankenhaus von Kilis wissen genau, was drüben in Syrien vor sich geht.

Der 20-jährige Cetin ist gerade dem Grauen in der syrischen Kleinstadt Tel Rifaat entkommen. Sechs Tage zuvor hat eine Kugel sein rechtes Bein getroffen, laufen kann er nur unter Schmerzen und mit einer Krücke. Er ist mittelgroß, schlank, trägt einen schwarzen Trainingsanzug und wie seine ebenfalls verwundeten Freunde lange Haare und Vollbart nach Art der Salafisten. „Zuerst kamen die russischen Jets und haben unsere Stadt bombardiert“, erzählt Cetin. Er hat ein Video auf seinem Handy, das die kreisenden Suchoi-Bomber in der Luft zeigt. Noch nie habe er so starke Explosionen miterlebt, sagt der junge Turkmene. „Viele Freunde ließen ihr Leben, viele wurden verwundet.“

Cetin stammt aus Tel Rifaat und ist trotz seiner Jugend bereits ein Kriegsveteran, der seit vier Jahren an vielen Fronten kämpfte. Er gehört zu einer Miliz der Freien Syrischen Armee (FSA), die sich Al-Jabha Al-Shamieh, auf Deutsch „Damaskus-Front“ nennt. „Nach den russischen Bomben kam die PKK“, erzählt er, und meint damit die syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräfte (YPG), die von der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK aus der Türkei aufgebaut und trainiert wurden. Falls die Kurden jemals gegen Assad gewesen seien, so hätten sie jetzt die Seiten gewechselt, glaubt er.

Tel Rifaat liegt nördlich von Aleppo und südlich von der strategisch bedeutsamen Stadt Azaz, die wiederum nur sechs Kilometer von der türkischen Grenze entfernt ist. Cetin berichtet, dass die arabische und turkmenische Bevölkerung Tel Rifaats in Panik geflohen sei – rund 40 000 Menschen, die sich derzeit im Niemandsland vor der türkischen Grenze in improvisierten Flüchtlingslagern oder auf freiem Feld sammeln. Er versteht nicht, warum die Türkei die Menschen nicht einreisen lässt; nur schwer Verletzte wie er selbst dürfen passieren.

Als Cetin vom Vormarsch der Kurden und der Flucht seiner 800 Mann starken Truppe erzählt, kommt sein Kommandant hinzu, ein glatt rasierter Mittvierziger in brauner Lederjacke. „Tel Rifaat ist zu 40 bis 45 Prozent zerstört“, sagt der Kommandant. „Als erstes haben die Russen die Krankenhäuser angegriffen. Sie haben Streubomben eingesetzt, die international geächtet sind. Gegen die Bomben hatten wir keine Mittel und mussten uns zurückziehen.“ An einem einzigen Tag seien 30 seiner Männer gefallen und 200 verletzt worden. Der Kommandant lobt die kostenlose medizinische Hilfe in der Türkei, klagt aber, dass seine Truppe weder Waffen noch Munition vom Nachbarland bekäme. „In Tel Rifaat sind viele Zivilisten immer noch in zerstörten Häusern gefangen. Sie können wegen der Bomben nicht fliehen.“

Noch vor wenigen Wochen kamen Tausende Flüchtlinge in Öcinapur über die Grenze. Jetzt herrscht am Kontrollpunkt gähnende Leere.  Foto: REUTERS

Der Kommandant und seine Truppe wirken tief demoralisiert. Tatsächlich sind die Kämpfer der FSA die Verlierer des geopolitischen Strategiespiels, das gerade in Nordsyrien ausgetragen wird. Gewinner sind dagegen die syrischen Kurden. Sie haben sich mit den Amerikanern und den Russen verbündet und erhalten von beiden Großmächten Waffen und Luftunterstützung. Im Windschatten der russischen Bomben rücken sie immer weiter entlang der türkischen Grenze vor. Jetzt stehen sie in jenem Korridor vom türkischen Grenzübergang Öncüpinar über Azaz bis Aleppo, den bisher die sogenannten moderaten Rebellen der FSA hielten. Über diese Verbindung entlang einer wichtigen Straße hat die Türkei seit Jahren nicht nur die Aufständischen versorgt, sondern auch rund 500 000 Zivilisten in und um Aleppo. Sie war die entscheidende Lebensader für die oppositionellen Kräfte.

Nachdem zunächst die Regimetruppen Mitte Januar zwei Dörfer an der Straße eroberten und damit die Versorgungsroute erstmals unterbrachen, nahm die YPG vor zwei Wochen Tel Rifaat und deren Nachbarstadt Marea ein und hat damit die Sperre weiter zementiert. Dort stehen die Kurdenkämpfer jetzt der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) direkt gegenüber. Die Kurden sind fest entschlossen, weiter nach Osten vorzurücken. Ihr offizielles Ziel ist es, den IS aus der gesamten Region bis zum Euphrat zu vertreiben. Aber es geht auch darum, ihren westlich von Tel Rifaat gelegenen Kanton Afrin mit dem Rest des kurdischen Territoriums östlich des Euphrats zu vereinen. Dann nämlich wäre „Rojava“ (Westen) komplett, der zweite kurdische Quasistaat an der türkischen Grenze nach dem Nordirak. Dass sie es ernst meinen mit der Unabhängigkeit, bewiesen die syrischen Kurden, als sie Mitte Februar eine diplomatische Vertretung in Moskau eröffneten.

Mit ihrem Vormarsch reizen sie die türkische Führung in Ankara bis aufs Blut. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und die Regierung in Ankara befürchten, dass ein unabhängiges Rojava den Separatismus der Kurden in der Türkei weiter anfachen könnte. Deshalb ergriffen sie die Chance, militärisch gegen die YPG vorzugehen, als der türkische Geheimdienst nur vier Stunden nach dem Anschlag auf einen Militärkonvoi in Ankara am 17. Februar einen syrischen YPG-Kämpfer als den Attentäter identifizierte – fälschlicherweise, wie sich inzwischen herausstellte. Es ändert aber nichts daran, dass Ankara noch immer gegen die YPG „zurückschießt“.

Während des Gesprächs im Krankenhaus von Kilis dröhnt ein dumpfes Grollen von der Grenzregion her: türkisches Artilleriefeuer. Mit seinen Granaten will das Militär verhindern, dass die YPG die Verbindung zum kurdischen Kanton Kobani schafft.

Fährt man von Kilis aus durch die endlosen Olivenhaine entlang der Grenze nach Westen, so erreicht man nach etwa einer Viertelstunde das kleine Dorf Akcabaglar. Eine alte Moschee, 15 niedrige Häuser, freilaufende Hühner und Hunde. Bis zum Horizont erstrecken sich sanft rollende Hügel mit roter Erde, auf der schon frisches Frühlingsgrün keimt.

Die Armee schießt auf die YPG in Afrin“, sagt Hayrettin Yildirim, 67, ein großer, bedächtiger Bauer mit grauem Schnurrbart, der 150 alte Olivenbäume und einen Weinberg sein eigen nennt. Er weist mit dem Finger auf einen rund zwei Kilometer entfernten Hügel. „Immer nachts, 35 bis 40 Granaten.“ Erwidert werde das Feuer aus Syrien nie.

Mit dem Fernrohr kann man von Akcabaglar aus sehen, wie Granatwerfer etwa anderthalb Kilometer entfernt zwischen Olivenbäumen getarnt auf die syrische Grenze zielen. Auf die zweite Stellung stößt man nach einer scharfen Kurve bei der Einfahrt ins Nachbardorf Demirisik: acht Panzerhaubitzen unter Tarnnetzen in einer kleinen Baumgruppe versteckt. Auch ihre Rohre sind nach Syrien gerichtet. Die zugehörigen Soldaten und Techniker sitzen gelangweilt unter den Bäumen.

Verletzte FSA-Kämpfer im Krankenhaus von Kilis.  Foto: REUTERS

Doch obwohl türkische Spitzenpolitiker über einen Einmarsch mit Bodentruppen in Syrien spekuliert hatten und bei den Nato-Partnern deshalb alle roten Lichter aufleuchteten, ist bei Kilis, wo die Invasionsarmee sich sammeln müsste, von einem Truppenaufmarsch nichts zu sehen. Augenfällig sind dagegen andere Bewegungen: Laster, die schwere Betonteile in das Grenzdorf Akinci östlich von Kilis transportieren.

Der kleine Ort hat eine gewisse Prominenz erlangt, seit türkische Soldaten am Dorfrand ein Bauwerk in die Olivenhaine klotzen, das mit Stacheldraht, Wachtürmen, Sicherheitsstreifen, Graben und meterhoher Betonmauer verblüffend an die ehemalige DDR-Grenze erinnert. Vier Kilometer soll sie schon lang sein und Flüchtlinge davon abhalten, in die Türkei zu gelangen. „Für uns ist die Mauer schlecht“, sagt ein 35-jähriger, stoppelbärtiger Dorfbewohner namens Ahmet. „Hier wurde immer geschmuggelt, jetzt kommt keine Ware mehr rein.“

Hinter der Mauer, in westlicher Richtung zum Grenzübergang Öncüpinar, liegen die neuen Lager für die Menschen, die vor der russisch-syrischen Offensive auf Aleppo und den YPG-Angriffen auf den Azaz-Korridor fliehen. Bis zu 100 000 Menschen sollen sich zurzeit in den acht Camps auf der syrischen Seite aufhalten.

Am Grenzübergang, wo noch vor drei Wochen Tausende versuchten, in die Türkei zu gelangen, herrscht dagegen gähnende Leere. „Wir sehen keine Flüchtlinge“, sagt der 16-jährige syrische Flüchtlingsjunge Amir, der mit seinem Vater einen kleinen Verkaufsstand für Tee, Kekse und Zigaretten am Grenzposten betreibt. Auch von der Gefahr eines russisch-türkischen Krieges ist in Öncüpinar nichts zu spüren. „Manchmal hören wir Schüsse, aber von ganz weit weg“, sagt Amir. Zuweilen rast ein Krankenwagen von Syrien her über die Grenze, ab und an stoppt ein riesiger Truck der islamistischen Hilfsorganisation IHH aus der Türkei mit fauchenden Bremsen und kann dann hinüberfahren.

„Sie bringen Decken, Lebensmittel, Zelte nach Syrien“, sagt Shaheenul Haque, aus Bangladesch stammender Projektleiter der Hilfsorganisation Malteser International in Kilis, die ebenfalls Flüchtlinge auf der syrischen Seite der Grenze versorgt. Er sagt, die Hilfe funktioniere. „Aber es gibt immer noch Tausende Menschen, die bei Kälte und Regen im Freien campieren müssen. Dazu kommen ständig neue Flüchtlinge.“

Der 48-jährige Helfer würde sich wünschen, dass die türkische Regierung die Grenze öffnet, wie es die Vereinten Nationen fordern. Doch das lehnt sie ab. Sie ist im Begriff, auf der syrischen Seite eine De-facto-Sicherheitszone zu errichten, um nicht noch mehr Flüchtlinge in die Türkei kommen zu lassen. Falls das syrische Regime den Belagerungsring um Aleppo weiter schließe, sei mit Hunderttausenden weiteren Flüchtlingen zu rechnen, sagt Shaheenul Haque. „Das kann sehr schnell gehen. Wie sich die Türkei dann verhält, ist eine rein politische Entscheidung.“

Türkische Zeitungen spekulieren bereits, dass Ankara im Gebiet zwischen der türkischen Grenze, Azaz und dem Kurdenkanton Afrin derzeit ein „syrisches Gaza“ schaffe. Ein riesiges Lagerland, um politischen Druck auszuüben – auf die EU in der Flüchtlingsfrage und auf die Amerikaner wegen der Kurden. So sieht die Dinge auch Mahmut Togrul aus der nahen türkischen Großstadt Gaziantep, der für die prokurdische Linkspartei HDP im türkischen Parlament sitzt und gut Bescheid weiß über die Kurden im Nachbarland.

Mit der Sicherheitszone wolle Erdogan den Vormarsch der YPG stoppen, sagt Togrul. „Aber das ist eine Illusion.“ Das türkische Granatfeuer habe „nur einige Steine getroffen“, es sei wohl mehr als psychologische Kriegsführung zu verstehen, habe keinen Einfluss auf die Kampfstärke der YPG. Der 48-jährige Kurdenpolitiker glaubt, dass die YPG die verbleibende Lücke zwischen den kurdischen Kantonen in drei bis vier Monaten schließen könne. „Mit ihren Granaten kann die Türkei daran nichts ändern.“ Den Vorwurf, die Kurden würden mit Assad zusammenarbeiten, weist der Abgeordnete zurück. Keinesfalls würden sie gegen die Freie Syrische Armee kämpfen, sondern nur gegen die Dschihadisten von Al-Nusra und dem IS.

Mahmut Togrul ist sich sicher, dass die YPG und ihre arabischen Verbündeten die Stadt Azaz nicht angreifen werden. „Das hat politische Gründe“, sagt er. Er meint wohl, dass US-Präsident Barack Obama sie mehrfach aufrief, sich zurückzuhalten. Obama will die türkische Regierung besänftigen, weil Washington die YPG nach wie vor als effektivste Bodentruppe im Kampf gegen den IS in Syrien ansieht. Doch die Türkei drängt die USA seit Wochen, die syrischen Kurden fallen zu lassen, sie als Teil der PKK und folglich als Terroristen einzustufen.

All die Machtinteressen und Winkelzüge der Welt- und Regionalmächte in Syrien führen zu hilfloser Wut bei jenen, die sich in ihrem schwersten Kampf von der ganzen Welt verraten und verkauft fühlen. „Jetzt bombardieren uns auch noch die Amerikaner“, behauptet der Kommandant der Damaskus-Front im Krankenhaus von Kilis. Das habe er am neuen Sound der Bomben erkannt. Dann beendet der Rebellenführer abrupt das Gespräch. Er ruft: „Ihr Deutschen habt euch auch mit den Kurden verbündet. Ihr habt Schuld an unserem Unglück. Ihr gebt uns keine Waffen, aber den Kurden! Ihr sollt verflucht sein!“

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