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15. November 2012

Überschwemmung: Zu viel Beton in Italien

 Von Regina Kerner
Nur noch mit Hilfe von Rettern und Schlauchbooten können die Bewohner von Albinia ihr Dorf verlassen.  Foto: dapd

Unwetter richten in Italien Millionenschäden an. Experten sehen in der zunehmenden Versiegelung der Flächen einen Grund für die enormen Schäden durch die Wassermassen. Katastrophen dieser Art werden künftig wahrscheinlich sogar zunehmen.

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Rom –  

Als der Tiber seinen höchsten Pegelstand mit 13,5 Metern erreicht, stehen Tausende Römer auf den Brücken der Stadt und fotografieren mit ihren Handys. Viele machen am Mittwochnachmittag auf dem Heimweg von der Arbeit Halt, um einen Blick auf die graubraunen reißenden Fluten zu werfen, in denen Trümmerteile und Baumstämme schwimmen.

Während weite Teile der Toskana und Umbriens durch die Unwetter und starken Regenfälle vom Wochenbeginn verwüstet worden sind, ist die italienische Hauptstadt glimpflich davongekommen. Zwar wurden Teile der Vorstädte im Norden überschwemmt, doch der Schaden hält sich in Grenzen.

Vier Todesopfer

Anders in der südlichen Toskana, in Umbrien und der Region Latium. Dort fließt das Wasser langsam ab – seit Dienstag hat es nicht mehr geregnet – doch zurück bleibt der Schlamm. Bis zu 30 Zentimeter hoch ist die zähe Schicht, die Felder, Straßen und Häuser bedeckt.

Vier Menschen starben in den vergangenen Tagen in der Region Maremma, darunter drei Mitarbeiter der staatlichen Stromgesellschaft Enel. Ihr Auto fiel am Dienstagabend 15 Meter in die Tiefe, als ein Brückensegment durch die Wassermassen einstürzte. Hunderte Menschen sind nach wie vor in Notunterkünften untergebracht. Der Schaden allein in der Toskana beläuft sich nach Schätzungen der Regionalregierung auf mindestens 300 Millionen Euro.

Besonders die Bauern in den wichtigen toskanischen und umbrischen Agrargebieten leiden unter den Folgen der Überschwemmungen. Sie werden ihre Felder im kommenden Frühjahr nicht bestellen können, Hunderttausende Tonnen von Tomaten, Zwiebeln, Weizen und Erdbeeren werden auf den internationalen Märkten fehlen. Allein in der Provinz um die Stadt Orvieto sind bis zu 70 Prozent der Obst- und Gemüseplantagen zerstört. Auch die Weinanbauflächen in den tiefer gelegenen Regionen sind betroffen. Dagegen verzeichneten die Winzer in den Hügeln nur geringe Schäden, sagte der Direktor des Antinori-Weinguts in Orvieto.
Der Verkehr hat sich inzwischen weitgehend normalisiert, nachdem wichtige Straßen und Bahnstrecken tagelang unterbrochen waren. Zwischen den Ortschaften Chiusi und Orte wurde die vorübergehende Sperrung der Autostrada del Sole, der Nord-Süd-Hauptverbindung, am Mittwoch aufgehoben.

Tourismus nicht betroffen

Für den Tourismus in der Toskana und Umbrien seien keine Auswirkungen zu befürchten, sagte eine Sprecherin der staatlichen Tourismusbehörde Enit. Hauptattraktionen wie etwa Siena oder San Gimignano seien gar nicht betroffen.
Während staatliche und freiwillige Helfer im Großeinsatz Schutt und Schlamm räumen, wird nun über die Lehren debattiert, die man aus den Überschwemmungen ziehen muss. Experten verweisen darauf, dass Italien zunehmend verstädtert, industrialisiert und verbaut wird und der Boden dadurch immer mehr mit Zement und Beton versiegelt wird.

Jedes Jahr wachse der Anteil bebauter Flächen um das Zweifache der Stadt Rom, obwohl gleichzeitig zehn Millionen Häuser leer stünden. Flüsse werden begradigt und eingezwängt und entwickeln so bei starkem Regen verheerende Kräfte. Die Folgen sind dramatisch: Zwischen 2005 und 2011 gab es mehr als 120 Erdrutsche und Überschwemmungen mit mehr als 200 Toten. Diese Naturkatastrophen kosten Italien pro Jahr eine Milliarde Euro. Umweltexperten warnen, dass die Regenfälle im Mittelmeerraum durch den Klimawandel noch zunehmen werden. Und nach Angaben des Umweltministeriums in Rom sind schon jetzt 45,3 Prozent der italienischen Gemeinden potenziell von Überschwemmungen bedroht.

Umweltminister Corrado Clini will in den kommenden Tagen einen Sonderplan zur Beseitigung der „hydrogeologischen Misswirtschaft“ präsentieren. Die intensive Flächennutzung müsse beendet werden. Er erwägt ein generelles Bauverbot in gefährdeten Gebieten. Die Abwassersysteme der Städte müssten erweitert, neue Abflusskanäle geschaffen werden. Dafür bräuchte Clini allerdings mehrere Milliarden Euro, die in Zeiten der strikten Sparpolitik schwer aufzutreiben sind.

Die Umweltorganisation Legambiente rechnete ihm vor, das Geld sei schnell zusammen, wenn Italien auf fünf Mega-Bauprojekte verzichte, darunter die geplante Brücke vom Festland nach Sizilien und drei neue Autobahnen.

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