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Ulrich Tukur im FR-Interview: Das Geheimnis des Monsieur Tukur

Die fragen gerne, was die deutschen von den französischen Schauspielern unterscheidet. Ich muss dabei immer an einen Ausspruch von Peter Zadek denken - Gott hab ihn selig. Es gab mal eine Zadek-Hommage im Centre Pompidou in Paris. Da wurde dem Meister genau diese Frage gestellt und er sagte: "Französische Schauspieler sind so virtuos, und das geht mir auf die Nerven, ich kann virtuose Schauspieler nicht leiden, die können alles und nichts. Deutsche Schauspieler sind nicht so begabt, aber wenn sie etwas können, dann können sie es ganz und gar."

Hatte er Recht damit?

Ich glaube schon, dass wir sehr gute Schauspieler haben, es gibt ja bei uns viel zu sublimieren. Ich lebe seit zehn Jahren in Italien. Italienische Schauspieler sind auf der Theaterbühne erstaunlich blass und konventionell; Italiener spielen im Leben, zu Hause, am Mittagstisch, im Büro, auf dem Marktplatz, was brauchen die noch das Theater. Als ich vor Jahren Deutschland verlassen wollte, lehnte meine Frau den Umzug nach Frankreich mit dem Argument ab, dass die Franzosen wie Deutsche seien, die Italiener spielten. Damit hatte sie nicht ganz Inrecht. Und so zogen wir nach Venedig.

Die deutschen Medien reduzieren Sie gerne auf den begnadeten Darsteller der fiesesten Schurken. Fühlen Sie sich wohl in dieser Festlegung?

Ich würde sagen, ich spiele gerne Menschen mit Brüchen. Denn die machen das Leben aus. Ich würde schon gerne mal in einer Komödie spielen, es wird mir nur nicht angeboten, weil ich eben eher auf das düstere Fach abonniert bin.

Der neue "Tatort"-Kommissar aus Hessen, dessen ersten Fall Sie vor kurzem abgedreht haben, hat ja auch nicht gerade ein sonniges Gemüt. Sie haben ihn selbst kreiert: Einen Einzelgänger und Eigenbrötler, der unter einem lebensbedrohlichen Tumor leidet und sich bei der Untersuchung eines Mordes am Edersee mit ehemaligen RAF-Kreisen konfrontiert sieht.

Ich wollte jemanden spielen, der am Rande des Todes steht. Es ist ein melancholischer Film geworden, gedreht in einer düsteren Landschaft, in "Hessisch-Sibirien", am Edersee. Es ist ein eigenartiger "Tatort", eigentlich eine Liebesgeschichte zwischen einer Frau, die ihrer RAF-Vergangenheit davonläuft, und einem LKA-Mann, der vor seinem Leben davonläuft. Ich habe eben eine erste Fassung gesehen und mir gefällt das sehr. Der Film ist so traurig wie eine herbstliche Landschaft und so leicht wie ein Wind, der sie durchzieht. Ich weiß nur nicht, ob man den Zuschauern diese Figur öfter zumuten kann.

Warum nicht? Der von Hennig Mankell erdachte Kommissar Wallander ist ja auch eine eher lebensmüde Gestalt, die ständig an sich und ihren Mitmenschen verzweifelt - und dennoch ein Publikumsliebling.

Wir werden sehen.

Herr Tukur, für die Rolle des SS-Obersts Landa in Quentin Tarantinos Farce "Inglourious Basterds" waren Sie ja auch im Gespräch. Die Rolle bekam dann Christoph Waltz und wurde für seine Darstellung mit Preisen überhäuft. Haben Sie den Film inzwischen gesehen?

Bislang noch nicht. Ich hatte Tarantino damals ja getroffen, da ging es um die Rolle, die Christoph dann gespielt hat. Ich hatte nur genau zu der Zeit, als die Dreharbeiten begannen, einen Tourneevertrag mit meiner Tanzkapelle. Die hatte ich schon zweimal wegen anderer Filme abgesagt. Ich konnte es mir einfach nicht leisten, zum dritten Mal eine Tour abzusagen, ohne meinen Ruf in der Musikbranche komplett zu verlieren. Das habe ich Tarantino eingangs unseres Gespräches gesagt, was kontraproduktiv war.

Bereuen Sie das im Nachhinein?

Ach was. Man kann nicht alles haben. Ich glaube, Christoph hat Tarantino einfach auch gefallen, der ist ein toller Schauspieler, ein unheimlich sympathischer Mensch. Ich gönne ihm das von Herzen. Ich gucke mir den Film in einem halben Jahr an.

Die Liste der deutschen Schauspieler, die voller Enthusiasmus nach Hollywood gegangen und doch wieder enttäuscht zurückgekehrt sind, ist lang. Sie haben mit Steven Soderbergh und George Clooney in der Neuverfilmung von "Solaris" zusammengearbeitet, haben danach aber nie wieder in großen US-Produktionen mitgewirkt. Warum nicht?

Sehen Sie, ich bin froh, wenn ich in Frankreich drehen kann. Ich bin jetzt wieder im Gespräch mit einem französischen Regisseur für einen Film in Tanger. Der Film mit Soderbergh hat sich eher zufällig ergeben. Das amerikanische Kino hat mich nie sonderlich interessiert, ich war immer zuerst Theaterschauspieler und Musiker. Soderbergh kannte ich zwar, "Sex, Lügen und Video" ist ein wunderbarer Film. Dann kam die Anfrage für "Solaris". Ich wusste, ich war einer unter fünfhundert, die da ihre Bewerbungsfilmchen hinschickten. Statt eines Castings wollte Soderbergh, dass man ihm auf Videobändern vorsprach. Ich habe mich dann aus einer Laune heraus entschlossen, so ein Videoband herzustellen, und habe es bewusst so bescheuert inszeniert, dass ich von vornherein mit einer Absage rechnete, aber auch wusste, daß er hinsehen würde.

Was haben Sie gemacht?

Ich habe die Vorsprechtexte umgewandelt. Aus dem einen habe ich einen Tango gemacht, den ich in meiner Wohnung in Venedig nachts auf meinem Flügel spielte. Den anderen las ich meinem Hund vor, der mir aufmerksam zuhörte. Und beim dritten war ich angetrunken, posierte vor einem Totenkopf, Kerzenleuchtern, einer Hitler-Biografie und Sigmund Freud-Ausgabe und im Hintergrund mein morbides Mobiliar. Eine Woche später kam ein Fax aus Los Angeles: "Wir gratulieren Ihnen, Herr Tukur, Sie haben einen sehr talentierten Hund, und Herr Soderbergh würde gern mit Ihnen arbeiten." Es wurde dann ja auch eine sehr schöne Zusammenarbeit. Ich hatte nur sieben Drehtage, war aber für zwei Monate eingekauft und in Beschlag genommen. Man verkauft sich diesen Studios mit Haut und Haar. Das ist nicht mein Ding. Es geht nur um Geld. Und das will ich nicht, da drehe ich lieber mit ein paar netten Franzosen und trinke einen guten Rotwein.

Interview: Martin Scholz

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Datum:  17 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
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