Herr Tukur, in Ihrem neuen Film "Séraphine" sprechen Sie fließend Französisch. So kannten wir Sie bisher noch gar nicht.
Ich weiß, es klingt nicht schlecht. Aber ich muss Ihnen gestehen, dass ich beim ersten Ansehen des Films die Hälfte von dem, was ich da sprach, gar nicht mehr verstanden habe.
Ulrich Tukur, 1957 in Viernheim geboren, ist einer der international gefragtesten deutschen Schauspieler. Er lebt seit zehn Jahren in Venedig. Wenn er nicht in Filmen oder Theaterstücken zu sehen ist, geht er immer wieder als Musiker mit seinen "Rhythmus Boys" auf Tournee.
Nach dem Ende seines Schauspielstudiums 1983 machte er sich zunächst auf der Theaterbühne einen Namen - vor allem in Inszenierungen von Peter Zadek. Auf der Leinwand fiel er immer wieder mit Rollen in brisanten politischen Stoffen auf, wie in Reinhard Hauffs "Stammheim" (1986) oder "Das Leben der anderen" (2005) - ein mit dem Oscar ausgezeichneter Film über ein von der Stasi bespitzeltes Künstlerpaar in Ostberlin. In Deutschland ist Tukur mit dem Grimme-Preis, dem deutschen wie dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet worden.
In seinem neuen Film, der französischsprachigen Produktion "Séraphine", spielt er den deutschen Kunstsammler Wilhelm Ude. Ude lebt e1912 in Frankreich und entdeckte dort, dass seine Putzfrau Séraphine faszinierende Bilder malt. Dank seiner Förderung wird sie zu einer festen Größe in der naiven Malerei.
Hatten Sie einen Sprach-Coach?
Nein, das nicht. Ich spreche eigentlich ganz passabel Französisch. Ich habe eine Weile lang im Elsaß gelebt. Aber mein Französisch ist nicht so perfekt, dass ich es fließend runterspulen könnte. Ich musste sehr stark am Text und meiner Aussprache arbeiten.
Sie spielen in "Séraphine" einen deutschen Mäzen, der 1912 in einer französischen Kleinstadt lebt und dort entdeckt, dass seine Haushälterin Séraphine Louis künstlerische Talent hat. Später wird sie als eine der wichtigsten Vertreterinnen der naiven Malerei gehandelt. Ein stiller Film nach einer einer wahren Geschichte. Glauben Sie, diese französische Produktion wäre überhaupt in die deutschen Kinos gekommen, wenn Sie nicht eine der Hauptrollen gespielt hätten?
Das hängt nicht so sehr an mir. Ich glaube, man hat sich dann doch entschieden, den Film in Deutschland zu zeigen, weil er in Frankreich so überaus erfolgreich war: 1,5 Millionen Zuschauer, sechs César-Auszeichnungen. In Deutschland läuft er mit 20 Kopien an, wenn ihn sich am Ende 30.000 Menschen ansehen, werden alle zufrieden sein.
Warum ist das Interesse an französischen Filmen in den letzten Jahren in Deutschland so stark zurückgegangen?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es in Frankreich ein ganz anderes cineastisches Niveau gibt. Die Franzosen sind bereit, auch für etwas anstrengendere Filme Schlange vor den Kinos zu stehen. "Séraphine" ist ein altmodischer Film mit langen Einstellungen.
Selbst französische Thriller wie "Vinyan" mit Emmanuelle Béart erscheinen hierzulande nur noch auf DVD.
Zwei Gründe, schätze ich, sind wohl ausschlaggebend. Die mächtige Film-Industrie der Nordamerikaner ist in der Lage, in unseren Kinos fast jede europäische oder außeramerikanische Produktion aus dem Feld zu werfen oder gar nicht erst erscheinen zu lassen. Und wir haben in der Breite Zuschauer, die über Jahre konditioniert worden sind, sich gängigen Brei anzusehen. Wer keine Zähne mehr hat, kann auch keine anstrengendere, substantiellere Kost mehr zu sich nehmen.
Sie haben bereits in sechs französischen Filmen mitgewirkt, was in Deutschland kaum jemand bemerkt hat. Was finden die Franzosen an Ihnen?
Es begann mit Costa Gavras" Film "Amen". In Deutschland hieß er "Der Stellvertreter", wie die literarische Vorlage, das Theaterstück von Rolf Hochhuth. Das hat mir in Frankreich Tür und Tor geöffnet. Viele deutsche Schauspieler sind stark auf den anglo-amerikanischen Film fixiert. Nur wenige sprechen Französisch. Und über die Jahre erspielte ich mir in Frankreich diesen Ruf: Das ist doch der deutsche Schauspieler, der Französisch spricht. Es ist ganz schön, eine geheime Identität im französischen Kino zu haben, von der in Deutschland niemand weiß. Die meisten dieser Filme sind ja nie bei uns gezeigt worden.
Arbeiten die Franzosen anders?
Die Arbeit mit Franzosen ist für mich immer ein großes Vergnügen. Filme sind dort auf einem anderen Niveau angesiedelt. Man bringt dort Schauspielern einen unglaublichen Respekt entgegen. Die Arbeit ist von großer Höflichkeit bestimmt. Rüpelhafte Szenen, dass etwa Regisseure ihre Humorlosigkeit an Schauspielern oder Technikern auslassen - das habe ich in Frankreich nie erlebt.
In Deutschland aber schon?
Immer wieder. Ich will das jetzt nicht übertreiben, ich habe auch mit wunderbaren deutschen Film- und Fernsehregisseuren zusammengearbeitet. Dennoch, es gibt hier einen anderen Druck. Es ist unhöflicher. Oder nehmen Sie das Catering in Frankreich: Da ist die Mittagspause sakrosankt, es gibt rote und weiße Weine, und man nimmt sich wirklich zwei Stunden mit dem ganzen Team Zeit, diese Pause zu zelebrieren.
Das klingt nun wie eine gängige Klischeevorstellung, die die Deutschen von den Franzosen haben.
Aber so ist es. Und es ist nicht schlecht. Denn nach dem Essen geht alles etwas langsamer und sehr entspannt weiter. Ich fühle mich in Frankreich wohl und gemocht. Es ist mir dort nie passiert, dass ich nach einer schwierigen Szene diese blasierte Skepsis erlebte hätte, die das Arbeiten oft anstrengend macht.
Was meinen Sie damit?
Dass man in Deutschland dann mit verschränkten Armen begutachtet wird, so nach dem Motto: "Mal sehen, ob der Kerl sein Geld wirklich wert ist." Als ich das erste Mal mit Gavras arbeitete, war ich ziemlich perplex, weil er mir keine Regieanweisungen gab. Er ließ mich einfach machen, weil er eine klare Vorstellung von meinen Fähigkeiten und meiner Rolle hatte. So kam ich zu einer gewissen Unabhängigkeit in meinem Spiel. Es war ganz anders als in diesem eingekastelten, durchorganisierten und auch hierarchischen deutschen Filmwesen. Bei Gavras war ich gut, weil er mir gar keine Möglichkeit gelassen hat, nicht gut zu sein.
Werden Sie von französischen Journalisten eigentlich grundsätzlich anders befragt als von deutschen?
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