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Umwälzung in New York: Harlem wird weiß

Manning behauptet, er sei kein schwarzer Rassist, auch, wenn er in seinen zornigen Predigten bisweilen unumwunden gegen den weißen Mann wettert. Manning erreichte zweifelhafte Prominenz, als er Obama wegen dessen angeblicher Leisetreterei in der Rassenfrage und seiner Angepasstheit, als "Haus-Nigger" beschimpfte. Doch das ist die Show in der Kanzel, die zum schwarzen Gottesdienst gehört. Jenes Dampf-Ablassen, wenn man unter sich ist, von dem Obama in seiner Grundsatzrede zur Rassenfrage in Philadelphia gesprochen hat.

Im persönlichen Gespräch beteuert der sehr freundliche Manning jedoch überzeugend, dass es ihm nicht darum geht, Harlem rassisch rein zu halten. In erster Linie gehe es ihm darum, die Verdrängung der Menschen mit niedrigen Einkommen zu verhindern. Aber die sind in Harlem nun einmal schwarz. Und so lassen sich die Themen Rasse und Klasse hier noch weniger als anderswo entwirren.

Im Grunde ist die schwarze Bevölkerung von Harlem gegen die Rassentrennung. Das schwarze Getto war schließlich historisch immer ein Ort des Elends und ein Mittel der Unterdrückung, und das proklamierte Ziel der Bürgerrechtsbewegung heißt schließlich Gleichstellung. Andererseits haben viele Schwarze Angst davor, ihren eigenen Raum aufzugeben, ihr Refugium, den Ort, an dem sie unter sich sind, und wo schwarze Kultur unbeeinträchtigt existieren kann.

Es wäre leichter, dafür zu plädieren, dass Harlem ein gemischter Stadtteil wird, wie viele andere, wenn Harlem ein klassisches Getto gewesen wäre. Aber Harlem war in seinem Ursprung der Gegenentwurf zu einem Getto. Es war kein Ort an den die Schwarzen verbannt wurden, damit sie ausgegrenzt bleiben sollten, sondern einer, den sie sich erobert haben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich die New Yorker Grundstücksmogule entlang der neugebauten U-Bahn Linie in Richtung Harlem massiv verspekuliert. Es gab einen Crash auf dem Harlemer Wohnungsmarkt, auf dem wie in der gesamten Stadt Schwarze nicht gerne gesehen waren. Der schwarze Hausmeister Philip Payton erkannte die Chance und mietete in großem Stil Wohnungen an, die er dann an schwarze Familien untervermietete. Bislang von Ecke zu Ecke durch die Stadt geschubst, waren diese nicht nur dankbar eine Heimat gefunden zu haben. Es war das erste Mal in den USA, dass Schwarze in eleganten, gut ausgestatteten Apartmenthäusern wohnen konnten.

Ein neues, befreites, schwarzes Lebensgefühl machte sich breit. Erstmals war für Amerikas Schwarze ein bürgerliches urbanes Leben möglich. Und so wurde Harlem zur goldenen Stadt für Schwarze aus dem ganzen Land. Bis zu 200 000 schwarze Amerikaner lebten in den 1920er und 1930er Jahren hier. Die Epoche nennt man heute "Harlem Renaissance".

Es herrschten eine einzigartige Aufbruchstimmung und eine unvergleichliche kreative Energie. Die legendären Jazzclubs wie Minton´s und Tanzsäle wie der Savoy Ballroom entstanden, schwarze Literaten wie Zora Neal Hurston und Langston Hughes schafften ihren Durchbruch und machten die afro-amerikanische Literatur zum etablierten Genre. Auch unter weißen New Yorkern war Harlem das Interessanteste und Schickste, was die Stadt zu bieten hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verkam Harlem wegen Überfüllung und Mangel an gut bezahlten Jobs. Das Selbstverständnis aus den 1930er Jahren konnte nicht überleben. Die Sehenswürdigkeiten, an denen die Rundgänge durch das Viertel heute vorbeiführen, sind meistens Denkmäler aus jener Zeit - die Wohnung von Duke Ellington, der ehemalige Cotton Club, das Hotel Theresa, wo alle großen Jazzer abgestiegen sind, wenn sie in Harlem gastiert haben. Als es Harlem in den 1990er Jahren wieder besser ging, eröffneten als erstes wieder Institutionen, die an jene Zeit anknüpften: Das Minton´s, die Lenox Lounge.So hofft der Soziologe Andrew Beveridge vom Queens College, dass diese Zeit auch als Modell für die Zukunft dienen kann. "Es war eine Zeit, in der Harlem schwarz geprägt war. Aber es haben auch andere hier gelebt und sind regelmäßig gekommen, um die Nachtclubs zu bevölkern." Harlem war das Biotop schwarzen Lebens und dennoch offen. Die Zeit, in der man als Weißer Angst hatte, in der U-Bahn einzuschlafen und an der 145. Straße in Harlem aufzuwachen, kam später.

Es gibt noch immer viel Furcht - auf beiden Seiten. Die Angst vor der Verdrängung und vor dem Identitätsverlust auf der einen Seite. Die Befürchtung, als Eindringling gesehen zu werden, nicht willkommen zu sein auf der anderen Seite. Schwarzer Zorn und weißes schlechtes Gewissen, hat Obama die Dinge genannt, die einer offenen Begegnung im Weg stehen. Manchmal wirkt die Mauer unüberwindbar. Wenn man etwa die 125. Straße entlang läuft und Eiferer der "Nation of Islam" mit dem Finger auf einen zeigen und als weißen Teufel beschimpfen.

Aber es gibt auch das: An der 132. Straße hat im Keller eines klassischen New Yorker Townhouses der Veteranenclub einer schwarzen US-Army-Einheit sein Vereinsheim. Zwei Mal pro Woche wird dort Jazz gespielt, vor den höchstens 30 Leuten, die in den kleinen Raum passen. Der Termin hat sich herumgesprochen unter Jazzliebhabern und Musikern, die nach ihren gut bezahlten Gigs in Clubs Downtown hierher kommen, um zu jammen.

Es ist eine durch und durch schwarze Umgebung. Beim ersten Besuch hat man das Gefühl, in eine Familienfeier, in die man nicht gehört, hineinzuplatzen. Bis Randy, der "Kommandant" des Clubs - ein Veteran aus dem Koreakrieg - sich an den Tisch setzt, den Gast persönlich willkommen heißt und beinahe jedem im Raum vorstellt.

Es dauert nicht lange und man vergisst sowohl seine eigene Hautfarbe, als auch die, aller anderen im Raum. Und dann fragt man sich, warum das nicht immer so sein kann.

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Datum:  8 | 1 | 2010
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