Der Legende nach soll Barack Obama in seinen New Yorker Studienzeiten selbst öfters hier gewesen sein. Aber nicht nur deshalb ist es passend, dass hinter der Theke des St. Nick´s Pub, zwischen all den Gin- und Whiskeyflaschen ein signiertes Konterfei des heutigen US-Präsidenten hängt. An einem Freitag- oder Samstagabend ist die schmale niedrige Kellerkneipe am Sugar Hill, im Herzen Harlems, so etwas wie die Verwirklichung von Obamas post-rassistischem Traum.
An der Theke sitzen ein paar ältere schwarze Männer, die so wirken, als kämen sie hierher, seit das Pub in den 1940er Jahren eröffnet hat. Dazwischen drängen sich junge elegante schwarze Paare. Unbefangen unterhalten sie sich mit den weißen Hipstern aus Downtown, welche die Abenteuerreise bis ganz hier herauf, an die 148. Straße gewagt haben. Um einen Tisch vor der Bühne scharen sich Japaner und Franzosen, die konzentriert dem Jam der Jazz-Combo lauschen. Deren wechselnde Spieler spiegeln das Publikum - ein junger weißer Trompeter, ein junger schwarzer Bassist, ein älterer schwarzer Mann an der Hammondorgel und ein schwarze Frau mit einer hinreißenden Stimme für die Gesangsnummern.
Doch die Harmonie im St. Nick´s ist nicht so stark, wie sie zunächst scheint. Als ein junger Weißer sich auf den Platz einer schwarzen Frau setzt, die nur aufgestanden war, um sich ein Getränk zu holen, zeigen sich die Spannungen unter der Oberfläche unvermittelt. "So ist das immer mit euch Weißen", fährt die Frau den jungen Mann an. "Ihr tut so, als würde euch alles gehören."
Diese Art von Spannungen sind heutzutage ständig gegenwärtig in Harlem und können jederzeit ausbrechen. Der New Yorker Stadtteil befindet sich im Umbau. Erstmals seit beinahe 70 Jahren ist die afro-amerikanische Bevölkerung in Harlem nicht mehr in der Mehrheit. In Central Harlem waren 2008 nur noch vier von zehn Einwohnern schwarz. Die Heimat von Billie Holiday und Duke Ellington, des Schriftstellers Langston Hughes und des Bürgerrechtlers Malcolm X, der Ort, wo Martin Luther King einige seiner bedeutendsten Predigten hielt und wo James Brown seine Karriere startete, das "schwarze Mekka" der USA, verliert seine Identität.Es ist ein schleichender Prozess, der schon vor rund 40 Jahren begonnen hat. Ende der 1960er Jahre war Harlem so heruntergekommen, dass die Stadt New York im großen Stil ausgebrannte Gebäude und leer stehende Grundstücke aufkaufte. Anders ließ sich die fortschreitende Verwahrlosung nicht mehr bremsen. Das war aber auch die Grundsteinlegung für eine soziale Umwälzung, die man heute Gentrifizierung nennt. In den 1990er Jahren kam sie so richtig ins Rollen. Die Grundstücke und Häuser waren an private Investoren verkauft worden und nachdem Bürgermeister Rudolph Giuliani die Straßen von Drogenhandel und Bandenkriegen rein gefegt hatte, war der Boden für eine neue Bevölkerung bereitet.
Die in der Stadt rasant ansteigenden Mieten drängten die weiße Mittelschicht nach Harlem, wo man eine komplette Stadtvilla mit Stuck und hohen Decken für unter einer Million US-Dollar kaufen konnte. Aber es kamen nicht nur Weiße. Es kam auch die mittlerweile rapide wachsende schwarze gehobene Mittelschicht zurück, die in den schlimmen Zeiten weggezogen war.
Annette Harris ist Assistentin bei einem Hedge-Fonds in Midtown Manhattan, sie hat sich vor sieben Jahren eine Wohnung an der 114. Straße gekauft. Das schicke, fünfstöckige Apartmenthaus, in dem sie auf der dritten Etage mit ihren beiden Töchtern lebt, ist in allerbestem Zustand. Auf der anderen Straßenseite liegt der Morningside Park, der Central Park ist nur wenige Fußminuten entfernt. Das frische Parkett des langen Flurs glänzt, die Küche hat Arbeitsplatten aus Marmor und einen Edelstahlherd. Im langen Flur, der die drei Zimmer verbindet, hängen handnummerierte Drucke von Salvador Dali und Pablo Picasso. Es ist eine Traumwohnung und das nur eine Viertelstunde U-Bahnfahrt vom Times Square entfernt.
Annette Harris ist eine der Schwarzen, die mit dem Zuzug der Weißen nicht das geringste Problem hat. "Wenn ihr hier rauf kommt", sagt sie, "dann bekommen wir wenigstens Geschäfte und Restaurants." Wie das französische Restaurant Lucienne am Malcolm X Boulevard, die italienische Trattoria Settepani an der Lenox Avenue oder der Feinkostladen Citarella an der 125. Straße. Annehmlichkeiten, für die Harris nicht mehr ins Taxi steigen muss.
Der Umbruch in Harlem, das wird an Leuten wie Annette Harris deutlich, lässt sich nicht allein an der Hautfarbe fest machen. Fest steht nur, dass die schwarze Mittel- und Unterschicht, diejenigen, die es hier über all die schlimmen Jahre hinweg ausgehalten haben, unter Druck geraten.
Der Baptistenprediger James Manning von der Atlah World Church an der 123. Straße predigt deshalb seit Jahren jeden Sonntag den Boykott aller Betriebe in Harlem - schwarzer wie weißer. Wenn es nach Mannings Willen geht, sollen sie alle zur Hölle gehen: die Cafés und Boutiquen, die Ketten wie Gap, Nike und Starbucks an der 125. Straße, die Kinos und die Gourmettempel. Die Wirtschaft des Viertels soll wieder in die Hand derer gelegt werden, denen Harlem seiner Meinung nach eigentlich gehört. Die Familienbetriebe sollen wieder her. Das Geld, das in der Gegend ausgegeben wird, soll auch hier bleiben.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.