Karl May erfand Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Und noch viel mehr, er besaß eine unglaubliche Fantasie. Sein gedrucktes Gesamtwerk umfasst 42 324 Seiten. Gut ein Jahr vor seinem 100. Todestag (30. März 2012) hat die Fachhochschule Mittweida das Vorhaben gestartet, etwa 3300 Leser zu finden, die sein Gesamtwerk – ohne Briefe – in sieben Wochen an einem besonderen Ort vorlesen. Nämlich in der Zelle, in der Karl May vom 14. März bis zum 3. Mai 1870 genau 51 Tage in Untersuchungshaft saß. Die Doppelholztür und der Eisenriegel des sieben Quadratmeter kleinen Raums im einstigen Bezirksgefängnis sind original erhalten.
Der 28-Jährige, der aus einfachsten Verhältnissen im Erzgebirge stammte, soll in diesem Verschlag auf die Idee gekommen sein, seine Abenteuerbücher zu schreiben, die ihn zum meistgelesenen deutschen Schriftsteller gemacht haben. Darum heißt der Lesemarathon „Karl May – gefangene Visionen“. Eingesperrt hatte man ihn wegen Diebstahls und Betrügereien, das Urteil lautete auf vier Jahre, die er im benachbarten Waldheim im Zuchthaus absaß. Zuvor hatte er schon dreieinhalb Jahre im Zuchthaus von Zwickau verbracht.
Mit dem Projekt „Karl May – gefangene Visionen“ will die Fachhochschule Mittweida ins Guinness Buch der Rekorde. Vom 14. März bis 3. Mai – genau so lang wie Karl May im Jahr 1870 in Mittweida in Untersuchungshaft saß - soll das Werk des sächsischen Schriftstellers in dessen einstiger Zelle gelesen werden.
Etwa 3300 Vorleser werden für den Lesemarathon rund um die Uhr benötigt. Bis zu 1000 Lesewillige werden für einen jeweils 20-minütigen Einsatz noch gesucht. Bewerbungsformulare unter: www.gefangene -visionen.de. (hitz)
Sechs Seiten in 20 Minuten
May-Kenner wissen: In Mittweida, als dem Kleinganoven mit vielen Vorstrafen seine Situation klar wurde, wollte er das Leben zum Besseren wenden. Seine Fantasie sollte sich künftig nicht mehr bei Betrügereien entfalten, sondern in Büchern. In Waldheim machte er sich ans Werk. Er schrieb Geschichten über Länder, die er nie bereist, und erfand Helden, die es nie gegeben hatte. Nach dem Zuchthaus begann die Großproduktion, ein Verlag war nach einigen Anlaufschwierigkeiten gefunden. Die Karriere fasziniert noch heute.
Mehrere Promis haben sich bisher an dem Lesemarathon beteiligt. Susanne von Borsody ließ sich als Schirmherrin anheuern, Tagesschau-Sprecher Jan Hofer las aus dem zweiten Winnetou-Band und gestand danach, dass er eigentlich Old Shatterhand immer besser gefunden habe. Auch Moderatoren und Schauspieler wie Barbara Dieckmann, Peter Sodann, Hanno Friedrich und Peter Escher sind dabei.
Projektleiter Marc Simon, 26, sagt, er habe mit einer Kollegin „ein Team aus Studenten zusammengestellt“. Diese lernen an der Fakultät Medien der Hochschule Mittweida, das Städtchen befindet sich in der Nähe von Chemnitz. Die Aktivisten suchten und fanden ihre Mitleser im Netz, über ein Online-Formular kann sich bis heute jeder anmelden. Die Teilnehmer kommen bislang aus fast allen Bundesländern und müssen auf eigene Kosten anreisen.
„Normalerweise schafft eine Leserin oder ein Leser in 20 Minuten sechs Seiten“, erklärt Marc Simon. „Jüngere Leute sind oft schneller, ältere langsamer, manche brauchen auch mal eine Verschnaufpause. Das klingt sehr unterschiedlich, auch lustig.“
Live im Internet
Zu hören ist das Ganze live im Internet, es wird aber auch aufgenommen. „Vielleicht schaffen wir einen Kulturweltrekord und kommen ins Guinness Buch der Rekorde“, hofft Simon. Der Redaktion will man jedenfalls etwa 1224 gelesene Stunden „als ganzes Material zur Verfügung stellen“. Es ist strittig, ob der Eintrag gelingt, denn der bisherige Weltrekord im Dauerlesen liegt bei zehn Tagen, an denen nur sechs Leser vortrugen.
Nach einem Drittel des Lesemarathons wirkt das Vorhaben allein schon wegen der ausgeklügelten Logistik so anspruchsvoll, dass es weltmeisterlich ist. „Allerdings werden wir am Ende keine 3300 Leser haben, bis Anfang Mai werden vermutlich etwas über 2000 Leute gelesen haben. Einige der 500, die bisher lasen, taten es doppelt“, so Simon. Grob gerechnet werden noch zwischen 500 und 1000 Vorleser gesucht.
Jeder Leser muss in den winzigen Raum, in Mays ehemalige Zelle. Dort steht ein Laptop, auf dem alle Texte des Schriftstellers – von Band 1 „Durch die Wüste“ bis Band 88 „Deadly Dust“ – gespeichert sind. Die Leser können aber auch vom Papier, aus den Büchern, lesen.
Das Wichtigste ist, die Zeiten einzuhalten. Vor der ständig laufenden Kamera soll es zu keiner Unterbrechung kommen. Selbst als am ersten Tag ein Brandmelder im Fehlalarm losheulte, wurde im allgemeinen Wirrwarr und trotz zeitweiser Evakuierung weitergelesen. Nachtlesern merkt man mitunter die späten Stunden an, ihre Stimmen klingen schlaftrunken. „Das Beste ist eigentlich schon eingetreten“, sagt Marc Simon. „Viele junge Leute in der Region und bundesweit, die in unser Projekt hineingeschaut haben, fangen wieder zu lesen an.“ Das würde Karl May zweifelsfrei gefallen.
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