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Erinnerungen: Unser Zappa

Drei Wegbegleiter - Fritz Rau, Rumi Ogawa und Cal Schenkel - erinnern an den revolutionären amerikanischen Komponisten.

Plattencover von The Yellow Shark. Ensemble Modern.
Plattencover von "The Yellow Shark. Ensemble Modern".

Fritz Rau über politische happenings mit Zappa

Für die antiautoritäre Bewegung war Frank Zappa mit seinem „total music theatre“ nicht nur ein Bürgerschreck, sondern auch ein Symbol des Aufstands. So kam es 1968 in Berlin zu einem denkwürdigen Konzert im damaligen Sportpalast. Schon am Nachmittag kam eine Delegation der Kommune 1 in das Hotel Kempinski, um Zappa aufzufordern, bei seinem Konzert die achttausend Besucher im Sportpalast zum Sturm auf das Gefängnis Moabit aufzurufen. Dort sollte der Politclown Fritz Teufel befreit werden. Zappa lehnte dieses Ansinnen mit dem Hinweis ab, dass momentan die Zeit für Revolution nicht gegeben sei und wir durch eine solche Aktion nur mehr Gefängnisinsassen bekommen würden, aber keine Befreiung von Fritz Teufel.
Als das Konzert im Sportpalast begann, war die Terrorkommune 1 mit vielen Anhängern erschienen und störte den Auftritt schon sehr früh mit Sprechchören wie „Mothers of Reaction“ und „Revolution“. Frank Zappa entgegnete von der Bühne, dass die Zeichen der Zeit nicht auf Revolution stünden, sondern auf Evolution und einen Marsch durch die Institutionen, wie er dann später tatsächlich stattfand – bis ins deutsche Außenministerium hinein. Dann wurde die Bühne von den Demonstranten besetzt, und es drohte ein Konzertabbruch noch vor der Pause, sodass wir die Eintrittsgelder hätten zurückerstatten müssen. Die Demonstranten, an Musik und Performance der Mothers of Invention anscheinend kaum interessiert, verlangten eine öffentliche Diskussion. Ich konnte den Anführern klarmachen, dass eine solche Programmänderung der weitaus größeren Zahl der Konzertbesucher überhaupt nicht gefallen würde, und versprach, die Diskussion nach Beendigung des Konzerts auf der Bühne auszurufen. Gleichzeitig gelang es mir, die hinter der Bühne versammelte Polizei in ihrem Tatendrang zu bremsen, indem ich darauf hinwies, dass bei einem Polizeieinsatz ein ungeheurer Schaden entstehen würde.
Das Konzert ging weiter, wir verzichteten natürlich auf eine Pause, und umgeben von Demonstranten spielte Frank Zappa mit seiner Band eine ungeheure Musik, die alle beeindruckte. Es war wie eine Art Götterdämmerung. Ich begann derweil, die Tonanlage auf der Bühne Stück für Stück abzubauen, um sie vor der Zerstörung zu retten, schließlich hatten wir am Tag darauf schon das nächste Konzert.
Zum Schluss spielte nur noch Zappa allein auf seiner Gitarre und seinem Verstärker. Nach dem Ende der Veranstaltung versuchte ich, zum Mikrofon zu gelangen, um eine Diskussion über weiß der Teufel was zu beginnen, aber in diesem Moment ertönte eine Stimme über den Saallautsprecher. „Hier spricht die Polizei. Wir fordern Sie auf, sofort den Sportpalast zu räumen.“ Es war wie ein Wunder, aber die Leute gingen tatsächlich hinaus, und die Revolutionäre verzichteten schließlich darauf, ein Gewaltspielchen zu starten.
Frank Zappa und seine Musiker waren von diesem Vorfall so mitgenommen, dass der Künstler immer wieder daran erinnerte und zugab, vor Angst in die Hosen geschissen zu haben. Ich muss gestehen, dass auch meine Unterhose an diesem Abend nicht sauber blieb.

Aus dem Buch „Fritz Rau – 50 Jahre Backstage. Erinnerungen eines Konzertveranstalters“ (Palmyra-Verlag) mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Rumi Ogawa über Ihre Aufnahmen mit Zappa

Draußen waren Los Angeles, die Wüste, die Hitze. Drinnen waren die Klimaanlage und wir in Frank Zappas kühlem Studio und warteten. Wir, das Ensemble Modern, waren 1991 auf eigenes Risiko nach Los Angeles gereist, weil Frank Zappa an einigen unserer CDs Gefallen gefunden und gemeint hatte: Für diese Musiker zu komponieren, das könnte sich lohnen. Wir produzierten zusammen das Album „The Yellow Shark“, aber zuvor mussten wir ihm alle etwas vorspielen. Einige von uns waren erregt von dem Gedanken, Frank Zappa leibhaftig gegenüber zu stehen. Ich kam aus einem anderen musikalischen Kontext und sowieso aus einer anderen Kultur und spürte diese Ehrfurcht nicht in dem Maße.
Die meisten von uns sollten improvisieren über eine sehr simple Vierertakt-Figur, die ständig zu hören war und mir schon nach kurzer Zeit auf die Nerven ging. Als ich endlich an die Reihe kam, sang Frank mir etwas vor und sagte: Spiel das nach. Nun ist es so, dass sich, sobald ich etwas höre, sofort mein inneres Metronom in Gang setzt und ich das, was ich spielen soll, darin möglichst genau verorte. Aber bei dem, was er mir vorsang, hatten mein Metronom und ich Schwierigkeiten. Ich spielte es so nach, wie ich es gehört hatte, und Frank sah mich erstaunt an. Er sang es noch einmal vor, es klang für mich anders, und ich spielte ihm die neue Version vor. Frank verstand nicht, was ich tat. Wir machten einen dritten Versuch, kamen uns aber nicht näher. Und irgendwann merkte ich, dass er einfach ungenau gesungen hatte und dass ich seinen Groove und seine Lässigkeit nicht berücksichtigt, sondern alles viel zu genau genommen hatte.
Frank war sehr amüsiert, als er verstand, was geschehen war. Kurze Zeit später schrieb er ein Stück, das auf unserer zweiten Zappa-CD, „Greggery Peccary & Other Persuasions“ zu hören ist, in dem verschiedene Metren durch Schichtung einen komplizierten Eindruck hervorrufen. Er nannte das Stück „What Will Rumi Do?“.

Aufgezeichnet von Hans-Jürgen Linke

Cal Schenkel über den Satiriker Frank Zappa

Ich war 20, hatte das Kunst-College nach einem Semester abgebrochen und trampte mit einem Freund von Pennsylvania nach Kalifornien, als ich Frank zum ersten Mal traf. 1968 war das. Einmal nahm mich eine Gruppe Frauen mit in die Stadt, die auf dem Weg zu einer Aufnahmesession war. Ich ging einfach mit rein und geriet gleich in eine Schrei-Orgie hinein: Das war, wie wir erfuhren, der Hintergrund-Chor für den Song „Return of the Son of Monster Magnet“, und Zappa stand da im Studio und dirigierte die Schreihälse. Die Nummer war für das Debütalbum „Freak Out“ gedacht. Er war damals nur eine lokale Berühmtheit in L.A. Aber schon damals hatte ich den Eindruck: Das ist ein Mann, der sich seiner Sache sehr sicher ist, der alles unter Kontrolle hat. Musiker beschreiben ihn heute gern als Kontroll-Freak. Aber mir hat er immer eine Menge Freiheit gelassen, wenn ich an den Entwürfen für seine Albumcover arbeitete.
indruck: Das ist ein Mann, der sich seiner Sache sehr sicher ist, der alles unter Kontrolle hat. Musiker beschreiben ihn heute gern als Kontroll-Freak. Aber mir hat er immer eine Menge Freiheit gelassen, wenn ich an den Entwürfen für seine Albumcover arbeitete.
Er hat mir einen unglaublichen Vorschuss an Vertrauen entgegen gebracht. Für mich war das natürlich eine Riesenchance, obwohl ich das damals gar nicht so sehr realisierte. Ich hatte ja keinerlei Erfahrung, aber es ging eben definitiv ums Experimentieren, in der Musik wie in der Kunst.

Frank Zappas legendäre Plattencover

Bildergalerie ( 9 Bilder )


Das ging schon mit dem ersten Cover los, einer Riesenarbeit: „We’re Only in it for the Money“ war eine Parodie des Sergeant-Pepper-Covers der Beatles, das im Jahr vorher rausgekommen und natürlich schon Teil der Popkultur war. Frank war bereits dabei, das Musikgeschäft satirisch zu kommentieren, und so war es auch Franks Idee, diese Ikone zu veralbern. Wie konnte er dieser Vorlage widerstehen?
Auf diesem Level trafen wir uns. Wir hatten dieselbe Vorliebe fürs Parodistische. Comics, Untergrund-Magazine, vor allem das Satireheft Mad – wir waren begeistert von solchen Sachen. Aber keiner hatte eine Ahnung, welche Arbeit so ein Cover bedeuten würde. Einige Wochen bastelte ich an der Vorlage, formte Figuren, malte, zeichnete und collagierte die Hintergründe. Und das alles ohne Photoshop! Heute würde man eine Stunde dafür brauchen.
Wenn mich an Frank erinnere, dann sehe ich dieses Genie vor mir. Diese unglaubliche Energie, diese unerschöpfliche Kreativität und diese unbändige Arbeitswut. Das klingt vielleicht nicht sehr persönlich, ist es aber. Denn die Arbeit war Franks Leben. Darum drehte sich bei ihm alles.
Es gab seltene Ausnahmen. Manchmal kam er zu mir rauf in mein Studio, als wir eine Weile in L.A. in der berühmten „Log Cabin“ lebten, Musiker und Künstler. Er setzte sich dann zu mir, wir tranken einen Kaffee, plauderten – für ein paar Minuten. Dann ging er wieder an die Arbeit.

Aufgezeichnet von Thomas Wolff

Neben Zappa-Alben gestaltete Schenkel auch Cover für Captain Beefheart und Tom Waits. Simpsons-Erfinder Matt Groening zählt Schenkels Kunst zu seinen frühen Einflüssen. Die Repliken der Original-Bilder bietet er auf seiner Website an, www.ralf.com. Im neuen Bildband „Grand Zappa“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf“, Hg.: Frank Wonneberg), sind alle Schenkel-Artworks für die Cover reproduziert.

Datum:  21 | 12 | 2010
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