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11. Juli 2014

Unterelbe Hamburg: Protest gegen XXL-Containerschiffe

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Blick auf die Elbe und Teile des Hamburger Hafens. Die umstrittene Elbvertiefung verhandelt nun das Bundesverwaltungsgericht.  Foto: dpa

Containerschiffe werden immer gigantischer, deshalb fordern Reedereien, die Unterelbe bis Hamburg weiter auszubaggern. Umweltschützer und Anwohner protestieren.

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"Es ist ein Quatsch“, sagt Inge Massow. Sie hat gerade ihr Haus in Grünendeich an der Unterelbe verlassen, ist über die Straße gegangen, steht auf dem Deich an der Unterelbe. Ein Schäfer ist mit einigen Hundert Schafen unterwegs. Es geht ein frischer Wind. Träge zieht der breite Fluss dahin. Inge Massow, 58, ist stellvertretende Bürgermeisterin des Dorfes im Alten Land bei Hamburg. Außerdem ist sie Deichgeschworene und muss ein Auge darauf haben, dass nichts passiert am großen Fluss „Müssen denn diese richtig großen Seeschiffe wirklich mehr als hundert Kilometer landeinwärts fahren?“

Inge Massow kennt sich mittlerweile aus mit den richtig großen Schiffen. Ende Juni, erzählt sie, war so ein „ganz dicker Happen“ hier, die „Marco Polo“, ein Riesenfrachter, unterwegs zwischen Asien und Europa, 396 Meter lang, bis 16 Meter Tiefgang, 54 Meter breit, über 16000 Container Tragfähigkeit, ein Motor mit 108000 PS treibt die Schraube an. „So etwas geht eigentlich nicht mehr“, meint die Deichgeschworene. Ein Schiff dieser Klasse könne nur noch bei maximaler Fluthöhe und auch dann nicht vollständig beladen nach Hamburg fahren. Kurz vor dem Hafen müsse der Riese gedreht, rückwärts reingezogen und dann entladen werden. Nur so, meint Inge Massow, gehe es überhaupt noch.

Kommenden Dienstag wird die Deichgeschworene aus dem Alten Land in Leipzig sein, wo das Bundesverwaltungsgericht über die Klage von Umweltverbänden gegen ein weiteres Ausbaggern der Unterelbe befinden wird. Sechs Verhandlungstage sind angesetzt, die Angelegenheit ist kompliziert.

Im Kern geht es um den uralten Streit: Passt man den Fluss auf Teufel komm raus den immer größer werdenden Schiffen an und macht ihn tiefer und breiter? Oder ist irgendwann das Ende, technisch, finanziell, ökologisch, erreicht, der Schaden höher als der Nutzen?

Seit 1844 wird die Elbe ausgebaggert. Hamburg hat Deutschlands größten Hafen und nach Ansicht der Reeder und des SPD-geführten Senats soll sich daran auch nichts ändern. Hamburg, argumentieren Reeder, ist entscheidend für Deutschlands Exportwirtschaft. Pro Jahr werden rund zehn Millionen Container in der Hansestadt umgeschlagen, bundesweit, so rechnen die Hanseaten, hingen bis zu 260 000 Arbeitsplätze daran.

Für Hamburgs Senat entscheidet das Gericht in Leipzig also über eine „Schicksalsfrage“: „Wenn die Fahrrinnenanpassung der Elbe nicht kommt, wird der Hamburger Hafen unweigerlich an Bedeutung verlieren“, warnt der parteilose Wirtschaftssenator Frank Horch.

Die Elbe, argumentiert der frühere Werftmanager, brauche die geplante neue Vertiefung der Fahrrinne um bis zu 1,50 Meter auf 14,5 Meter auf der gesamten Länge von 130 Kilometern zwischen Hamburg und der Mündung, außerdem noch eine Verbreiterung an einigen Stellen. Komme es nicht dazu, werde Deutschlands wichtigster Hafen im weltweiten Rennen um immer größere Container-Megafrachter abgehängt.

Naturschützerin Massow: "Diese Schiffe sind zu gefährlich"

Und das dürfe nicht passieren. Senat und Hafenwirtschaft argumentieren, es kämen immer mehr Megafrachter nach Hamburg: 2013 seien es 894 Schiffe gewesen, länger als 330 und breiter als 45 Meter. „Die Fahrrinnenanpassung ist wichtiger denn je“, meint Gunther Bonz, Präsident des Hamburger Unternehmerverbandes. Naturschützer und die Obstbauern im Alten Land sehen das ganz anders. „Diese Schiffe sind zu gefährlich“, meint Inge Massow. Nicht nur sie fürchtet um die Sicherheit der Deiche, wenn noch tiefer gebaggert wird, der Fluss dadurch schneller strömt und möglicherweise noch mehr am Deichfuß nagt. Die Obstbauern fürchten einen höheren Salzgehalt in der Unterelbe, der ihre Apfel- und Kirschbäume absterben lassen könnte. Die klagenden Umweltverbände Nabu und BUND erwarten durch die ständigen Baggerarbeiten mehr Sedimente im Fluss, dadurch einen geringeren Sauerstoffgehalt und letztlich weniger Leben. Laich- und Ruheplätze für Fische gingen verloren. Das stärkste Argument der Umweltschützer ist allerdings ein ökonomisches: Die rund 900 Millionen Euro teure Maßnahme werde gar nicht gebraucht. In den seltensten Fällen seien die Riesenschiffe auch vollbeladen und daher auf maximalen Tiefgang angewiesen. Außerdem habe Hamburgs Hafen auch ohne Elbausbaggerung „seit Jahren zweistellige Zuwachsraten im Containerumschlag“, meint BUND-Landesgeschäftsführer Manfred Braasch.
Umweltschützer halten zudem eine neu sortierte Zusammenarbeit deutscher Häfen für die beste Lösung: Warum Riesenschiffe mühevoll nach Hamburg bugsieren, wenn ganz in der Nähe bei Wilhelmshaven ein funkelnagelneuer eine Milliarde Euro teurer Tiefwasserhafen für die größten Schiffe der Welt seit 2012 brach liegt und von keinem Kapitän angesteuert wird? Warum nicht große Containerschiffe im dortigen Jade-Weser-Port entladen, die Container auf kleinerer Schiffe packen, die dann die Zielhäfen entlang der Nord- und Ostseeküste ansteuern?

Große Containerschiffe wie die "Emma Maersk" im Bild können den Hamburger Hafen nur mit Hilfe von Hafenschleppern ansteuern.  Foto: dpa

So schlägt es ein Gutachten der Umweltschutzorganisation WWF vor, ein Plan, dem sich großenteils auch die Landesregierung von Niedersachsen anschließen könnte. Niedersachsen sucht Hände ringend nach Reedern, die den Jade-Weser-Port, derzeit ein Geisterdorf, ansteuern. Die Hamburger Hafenwirtschaft wiederum hält nichts von derartigen Gedankenspielen. Reeder entscheiden, welcher Hafen angesteuert wird, nicht die Politik, heißt es beim Unternehmerverband.

Wie das Bundesverwaltungsgericht entscheiden wird, ist völlig offen. Kürzlich schickten die Richter einen ausführlichen Fragekatalog an alle Prozessbeteiligten. Den Hamburgern soll nach erstem Überfliegen der Fragen leicht mulmig geworden sein, heißt es im Rathaus der Hansestadt. Die Richter interessierten sich detailliert für gefährdete Vögel und Pflanzen, für den afro-sibirischen Knutt, einen Schnepfenvogel, der sich von Muscheln und Wattschnecken ernährt.

Er macht auf seinem Frühjahrszug von der Westküste Südafrikas zu seinen Nistplätzen in der sibirischen Tundra im Dithmarscher Watt Pause. Das Gericht will wissen, welche Auswirkungen die Elbvertiefung auf den Knutt und andere Vögel hat. Die Richter fragen, seit wann der Holzhafen südlich der Billwerder Bucht von Löffelenten, Krickenten und Brandgänsen als Rastplatz genutzt wird. Sie interessieren sich für die Laich- und Aufwuchsgebiete des Schnäpels oder dafür, ob trübes Wasser die Finte (einen Hering) stören könnte. Das Gericht will zudem wissen, ob die Wiebelschmiele (ein Sumpfgras) Schaden nehmen kann. Umweltschützer befürchten nämlich, dass sich durch das Ausbaggern Ebbe und Flut so verändern werden, dass es zu längeren Überflutungen im Watt kommen könnte. Ebenso soll geklärt werden, ob die Elbvertiefung die in Ufernähe nistenden Brutvögel bedroht.

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