Heute ist es in Frankfurt geplant. Wo genau, das würden wir noch erfahren.
"Die Chancen stehen fifty-fifty, dass es überhaupt dazu kommt", sagt Jan. Das sei der Nachteil an einem Kampf in der Stadt. Es gebe zu viele unkalkulierbare Faktoren. "Wenn die grünen Männchen kommen, ist es aus." Deswegen findet er Wald oder Wiese besser. "Da kann man sicher sein, dass es knallt."
Fußball und Gewalt: Bei diesem Thema schaltet sich zumeist die Polizei in Nordrhein-Westfalen ein. Beim Landeskriminalamt in Düsseldorf ist die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) angesiedelt; dort laufen Erkenntnisse über Straftaten zusammenlaufen. In drei Kategorien teilen die Fachleute der ZIS die Fans ein. Hooligans gehören der Kategorie C an. Laut Definition der Polizei gelten sie als "gewaltsuchende Fans". Im Umfeld der ersten und der zweiten Bundesliga schätzt man ihre Zahl auf rund 2300. Manch einer ist auf die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe mächtig stolz. T-Shirts mit der Aufschrift "Kategorie C" haben in der Szene Kultstatus.
Die Ultras sind von den Hooligans zu unterscheiden. Sie sind eine Gruppe, die in letzter Zeit großen Zuwachs erfahren hat. In Bundesliga-Städten wie Frankfurt und Nürnberg gehören bis zu 1000 Fans zu den Ultras. Experten streiten darüber, wie sie einzuordnen sind. Die Grenze zwischen Hooligans und Ultras ist mitunter fließend. Die meisten Ultras gehören zu den 6100 Fans der Kategorie B. Sie gelten damit nicht als gewaltsuchend, aber als gewaltbereit.
Stadionverbot haben derzeit knapp 3200 Personen. Diese Verbote sprechen die Vereine aus, die dabei von ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Dass sich die meisten Hooligans nicht für Fußball interessieren, ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Viele von ihnen gehen zu jedem Spiel, sofern sie kein Verbot abhält.
Vor und nach dem Spiel steht für Hooligans jedoch die Gewalt im Mittelpunkt. Bei den Kämpfen gelten zwar ungeschriebene Regeln (keine Waffen, keine Tritte auf Kontrahenten, die am Boden liegen). Die Polizei hat aber festgestellt, dass gegen diese Absprachen immer öfter verstoßen wird. Einigen können sich die Hooligans nur auf einen Grundsatz: Keine Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz.
Im Kino läuft am Donnerstag der Film "66/67" über Braunschweiger Hooligans an. (geo)
Punkt elf Uhr vormittags holen wir Tino an einer Aral-Tankstelle ab. Schwarze kurz geschorene Haare, schwarzer Pulli, auf dem "Hatebreed" steht. Er trinkt noch einen Schluck Wasser, bevor er zu uns in den Geländewagen steigt. Jan ist ein großer schlanker Typ mit grüner Bomberjacke, kurzen Haaren und einer langen Narbe über der Oberlippe. Im Kofferraum fiept Jim, sein Rednose-Pitbullterrier. Heute ist Bundesliga. Frankfurt gegen Bremen. Die Bremer kommen. Die Frankfurter warten. Im Stadion geht´s elf gegen elf. In der Stadt sollen es ungefähr 20 gegen 20 werden. Jan hatte am Telefon gesagt: "Da sind Kampfsportler dabei, Leute aus der Fußballszene und dem Milieu. Die wissen, auf was die sich einlassen." Vorher wollen sie mir bei sich zu Hause erklären, wie das heute Nachmittag genau laufen soll.
Jan ist 28 Jahre alt, hat Betriebswirtschaft studiert und führt ein Transportunternehmen mit mehr als 20 Angestellten. Tino ist 32 und arbeitet als Layouter. Beide boxen im Verein. In Jans Wohnung im Frankfurter Umland läuft Pitbull Jim zu seinem Napf. Daneben liegt eine Hantel. An den Wänden hängen mehrere selbst gemalte Aquarellbilder. Auf der breiten Armlehne des schwarzen Ledersofas liegen Farben und Pinsel. Auf dem Schreibtisch steht ein Terrarium. Jan knipst das Licht darüber an. Eine kleine braune Schlange, die zusammengerollt auf einem Stein liegt, hebt den Kopf.
Er fährt den Rechner hoch, um ein paar Szenen von ihren Kämpfen im Wald zu zeigen. Es sind mehrere selbst gedrehte Filme, die Städtenamen tragen. Denn es treten immer Gruppen aus Städten gegeneinander an. Jede von ihnen in einer bestimmten Hemdenfarbe. Die Gruppen vereinbaren ihre Treffen per Handy. Nicht jedes Wochenende. "Das halten die Knochen nicht aus", sagt Jan.
Auf dem Bildschirm formieren sich zwei Gruppen in einem Waldstück: Rot gegen Weiß, Frankfurt gegen Köln. Etwa 20 Mann auf jeder Seite. Sie bewegen sich auf einem Forstweg langsam aufeinander zu. Rot von links, Weiß von rechts. Vögel zwitschern. Einige Männer klatschen, brüllen. Ein Roter in der ersten Reihe reckt die Arme in die Luft. Kurze Schreie, die immer schneller aufeinander folgen. Nur noch drei Meter zwischen den Fronten.
Freunde filmen den Kampf
Ein Weißer tänzelt mit geballten Fäusten nach vorne. Für den Bruchteil einer Sekunde Stillstand. Dann stürmen sie aufeinander los.
Ein Roter springt mit gestrecktem Bein in einen Weißen. Einige schlagen wild um sich. Andere zucken zurück. Einige ducken sich weg. Einer taumelt von einem Schlag getroffen und landet im Gestrüpp. Die anderen stürzen über ihn hinweg. Ein Roter in der zweiten Reihe ist jetzt in der ersten. Einige schubsen von hinten. Zwei auf einen, drei auf einen. Einer gegen alle. Alle gegen einen.
"Das bin ich", sagt Jan und zeigt auf einen Roten, der gerade einen stämmigen Weißen überrannt hat, sich über ihn beugt und mit Fäusten weiter auf dessen Kopf einschlägt. "Das ist ein Viech, gleich steht der wieder." Tatsächlich, der Mann steht wieder auf. Eine Minute geht der Kampf noch, dann ist alles vorbei. Rote und Weiße liegen ausgestreckt auf dem Weg. "Ey, der liegt! Ruhig!", schreit einer, als zwei Rote noch auf einen Weißen losgehen, der am Boden liegt. "Sauber!" Sie lassen von ihm ab.
Es gibt Regeln, erklärt Jan. Wer liegt, ist tabu. Doch Liegen ist ein dehnbarer Begriff für die Schläger. Wer beim Rückwärtsgehen stolpert, liegt nicht unbedingt. Und wer sich einfach fallen lässt, liegt schon gar nicht. Den Mann muss es schon richtig umgehauen haben. Aber wenn eine Gruppe nach dem Kampf sagt: Schluss - dann ist Schluss. Es gibt keinen zweiten Durchgang. Die Gruppe, die zu Boden geht, verliert.
Andi will in die erste Reihe
"Es ist eher eine Sportveranstaltung", sagt Jan. Allerdings würden manche auch austicken, wenn der Kampf schon vorbei ist. "Das sind dann oft die schlimmsten Verletzungen, so ist es halt." Eine Handvoll Zuschauer gebe es meist auch. Freunde, die den Kampf filmen oder fotografieren. Allerdings: "Wenn du einmal mitgemacht hast, willst du nicht einfach Zuschauer sein", sagt Tino.
In der Stadt laufe die Sache anders. Das Zusammentreffen sei schwerer kontrollierbar. Straße, Spielplatz, Parkplatz: Man weiß es vorher nicht. Keiner trägt klare Farben, sondern Alltagskleidung. Woher weiß man, wann und wo es losgeht, wer zu wem gehört, wer nur Zuschauer, wer Kämpfer ist? Jan zuckt die Achseln. "Plötzlich knallt´s halt."
Was sind schlimme Verletzungen und was nicht? Ansichtssache! "Gestorben ist dabei noch keiner", sagt Jan und lacht kurz. Aber zertrümmerte Nasenbeine, Platzwunden, ausgeschlagene Zähne, gebrochene Arme oder Beine. Viele aus Jans Gruppe hat es schon mehrfach erwischt. Tino zeigt auf seinen krummen Nasenrücken. "Hätte wohl doch besser zum Arzt gehen sollen", sagt er und grinst. "Jan hatte Pech. Dem haben sie einen Frontzahn rausgeschlagen", sagt Tino. Aber sonst nichts Wildes. Kein Schädelbruch oder so. Einem der Frankfurter ist der Unterschenkel zweifach gebrochen worden. Alle Sehnen waren gerissen.
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