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12. Januar 2016

Unwort "Gutmensch" : „Das ist ein sehr dreister Vorwurf“

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Das „Unwort des Jahres“ 2015: „Gutmensch“.  Foto: FR-Grafik

Kabarettist Georg Schramm hat das Unwort des Jahres mit ausgewählt. Im Gespräch sagt er, wie die Diskussion ablief - und weshalb sich die Jury am Ende für einen ziemlich alten Begriff entschieden hat.

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Das „Unwort des Jahres“ 2015 lautet „Gutmensch“: Ein Begriff, mit dem vor allem Flüchtlingshelfer nach Ansicht der sprachkritischen Jury beschimpft werden. Der Kabarettist Georg Schramm war als Gastjuror an der Entscheidung beteiligt.

Herr Schramm, sind Sie schon einmal als Gutmensch bezeichnet worden?
Nein. Ich glaube, dafür sind meine Bühnenfiguren zu pampig gewesen.

Hätte eine Ihrer Figuren den Begriff in den Mund genommen?
Ich glaube Oberstleutnant Sanftleben. Dem hätte ich es zugetraut, dass er sich über die Gutmenschen lustig gemacht hätte, die glauben, dass man ohne Waffe in der Hand irgendetwas regeln kann. Er hätte ihn natürlich selbst witzig gefunden und es nicht böse gemeint. Das ist ja das schöne an dem Wort. Man kann es auch lächelnd sagen.

In der Bedeutung, in den Sie den Begriff als Unwort ausgezeichnet haben, ist er aber nicht witzig gemeint. Wieso wurde er dieses Jahr gewählt, obwohl seine Karriere nicht erst jetzt begonnen hat?
Der „Gutmensch“ ist im letzten Jahr wieder aufgekommen als Bezeichnung für Flüchtlingshelfer, die jetzt plötzlich als Gutmenschen diffamiert werden. Das ist natürlich besonders impertinent und hat letztlich den Ausschlag gegeben.

Was macht den Begriff „Gutmensch“ für Sie zum Unwort?
Das perfide ist, dass es dem einfachen Zuhörer nicht sofort auffällt. Gesagt wird ja nicht „Das sind gute Menschen“, sondern ein „Gutmensch“ ist ja einer, der angeblich weltfremd ist. In dem Sinne: „Die baden darin Gutes zu tun und glauben, damit wird die Welt automatisch gut.“ Das ist ein sehr dreister Vorwurf. Beim längeren Nachdenken bin ich darauf gekommen, dass die Gutmensch-Diffamierung vielleicht damit zu tun hat, dass die Konfrontation mit Leuten, die so etwas tun, wie Flüchtlingen zu helfen, einen innerlich in Zugzwang bringen.

Er dient als eine Form der Abwehr?
Ja, wenn man Menschen, die helfen abqualifiziert, schwächt man deren Vorbildwirkung ab. Dann muss man nicht selbst etwas tun, wenn man denen etwas anhängt und sagt: „Das sind halt Gutmenschen, die haben sonst nichts zu tun und stricken für Flüchtlinge Kaffeewärmer.“ Am diffamierendsten fand ich einen Artikel im „Handelsblatt“, in dem es darum geht, was das für merkwürdige und skurrile Menschen sind. Das ist eine Frechheit.

Zur Person
Georg Schramm.

Georg Schramm, Jahrgang 1949, war dieses Jahr Gastjuror in der Jury, die das „Unwort des Jahres“ wählt.

Der Kabarettist war jahrzehntelang auf Bühnen und im Fernsehen zu sehen: Etwa beim „Scheibenwischer“ in der ARD oder bei der ZDF-Politsatire „Neues aus der Anstalt“. Seine prominentesten Figuren sind der Rentner Lothar Dombrowski (Foto), der hessische Sozialdemokrat August und Oberstleutnant Sanftleben.
Das „Unwort des Jahres“ soll Begriffe hervorheben, die „gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen“. Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern, FR-Autor Stephan Hebel und einem Gastmitglied. Außer „Gutmensch“ wurden 2015 auch „Hausaufgaben“ und „Verschwulung“ gerügt.

Ausgewählt wird aus eingesendeten Vorschlägen. mas

War sich die Jury schnell einig, angesichts der aufgeheizten Debatte um Flucht und Asyl?
Es war eine relativ lange Diskussion. Für mich als Gast war das neu und äußerst interessant – mit Linguisten diskutiert man ja nicht unbedingt freiwillig. Wir haben alles, was mit der Flüchtlingsproblematik zu tun hat, auf einer Liste zusammengefasst und die dann durchforstet.

Wie kann man sich da einigen?
Jeder hat fünf Vorschläge aus den Einreichungen ausgewählt, die einer nach dem anderen durchgegangen wurden. Wir waren uns einig, dass das Unwort ein Wort sein muss und dass auf der Stelle klar sein muss, warum es ein Unwort ist. Es gibt aber auch gute Vorschläge, die diese Kriterien nicht erfüllen. Einer war „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Das hat mir sehr gut gefallen. Es wäre ein schönes Unwort, aber es ist eben kein Wort.

Als Kabarettist haben Sie oft Phrasen und Floskeln auf- und angegriffen. Waren die „Unwörter“ eine Inspirationsquelle?
Immer. Das war auch der Grund, warum ich sofort zugesagt habe, bei der Jury mitzumachen. In den letzten Jahren habe ich mich in meinem Programm immer ein paar Minuten mit dem Unwort des Jahres herumgeschlagen – oder mit meinem dringenden Vorschlag, dass ein Begriff das unbedingt werden müsse. Das Unwort ist für mich eine echte Institution, weil es ein Kristallisationspunkt einer Diskussion ist.

Sie beobachten die politische Debatte seit Jahrzehnten. Nehmen Sie derzeit eine zunehmende Verrohung wahr?
Ich sehe mit großer Beunruhigung, dass nicht nur die sprachliche Verrohung zunimmt, sondern dass die Debatten mit verlogenen Begriffen besetzt und verfälscht werden. Auf dem zweiten Platz ist bei der Unwort-Wahl das Wort „Hausaufgaben“ gelandet – im Zusammenhang mit der Eurokrise und Griechenland. Ich fand es besonders miserabel, wie da fast durch die Bank weg Presse und Politik gebetsmühlenartig gesagt haben „Die Griechen müssen erstmal ihre Hausaufgaben machen, bevor wir weiterverhandeln.“ Das ging einher mit der Heuchelei, dass man auf Augenhöhe verhandeln würde. Das stimmt aber nicht, von Augenhöhe war nichts zu spüren.

Wie verfälscht der Begriff „Hausaufgaben“?
Der Lehrer hat ja normalerweise die Lösung, die Schüler geben ihre Hausaufgaben zur Kontrolle ab. Die Lösung für dieses Problem, das hatte der deutsche Oberlehrer aber gar nicht. Und es wird mittlerweile weltweit bestritten, dass der Weg der Bundesregierung überhaupt die Lösung ist. Umso schlimmer, dass sich im Bewusstsein festgesetzt hat: „Die Griechen haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht.“

Sie haben sich für einen Populismus von links ausgesprochen. Das ist auch ein Plädoyer für emotionale Begriffe. Sind die kein Problem?
Also hören Sie! Begriffe, die einen emotionalen Gehalt haben – da bin ich dafür. Deswegen müssen diese Begriffe doch nicht verlogen sein. Eine Diskussion emotional aufzuladen, dass ist ja im Prinzip die Beschäftigung meines Berufslebens. Die Hälfte des Programms habe ich versucht, emotional aufzuladen. Das war einer der Wirkmechanismen meines Programms, wenn ich ehrlich sein soll. Dazu musste ich aber nicht lügen, das war nicht nötig. Irgendjemand hat einmal gefragt, ob das nicht eine Form von Populismus ist. Als er sagte, dass der Begriff ursprünglich wertfrei war, habe ich mich damit angefreundet.

Wenn man emotional auflädt, bewegt man sich aber immer auf einem schmalen Grat.
Keine Frage, dass man da leicht abstürzen kann. Aber wenn man sich die Situation der Leute anschaut, die sich für tendenziell links halten, dazu würde ich mich tendenziell immer noch zählen, dann wird deutlich: Wir wandern ohnehin auf einem schmalen Grat und sind dauernd am Abstürzen – allzu wählerisch kann man nicht sein. Die Debatte ist sowieso aufgeheizt. Wenn man dann emotional aufgeladen dagegen halten kann, sollte man das nicht kategorisch ausschließen. Wenn man es kann, was nicht einfach ist. Man muss richtig dosieren, damit man nicht als Typ mit Schaum vor dem Mund gilt.

Als Ihre Figur Lothar Dombrowski sind Sie vor Stuttgart-21-Gegnern mit einer sehr emotionalen Rede aufgetreten. Sie haben einmal gesagt, der große Zuspruch hätte Ihnen auch Unbehagen bereitet.
Ja, das war ein außergewöhnliches Ereignis. Ich hatte noch nie vor so vielen Leute gesprochen. Außerdem sind die ja alle vorgekocht gewesen und waren eine eingeschworene Gemeinde. Zu merken, wie man „dem Affen Zucker geben“ kann, das war außergewöhnlich. Ich habe mit Urban Priol, der auch aufgetreten ist, danach lange diskutiert, zu was man die Leute dann bringen könnte. Das war einer der wenigen Momente, wo ich das Gefühl hatte, viele Menschen im Griff zu haben, auch wenn das vielleicht der falsche Begriff ist. An manchen Abenden bin ich auch auf der Bühne an so einen Punkt gekommen. Das ist großartig, es hat aber auch etwas Unheimliches.

Ist das linker Populismus?
Das ist, was ich damit meine. Was ich fabriziert habe, war nicht gelogen, nur ordentlich aufgeheizt. Ich habe den Begriff des Zorns in den Mittelpunkt gestellt und mich gegen ein Unwort gewehrt, das es nie geworden ist: Wutbürger. Das war eine Diffamierung durch die bürgerliche Presse. Ich habe die Bedeutung des Zorns für die Zivilgesellschaft hervorgehoben und das auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Das hat natürlich reingehauen.

Man sieht aber doch genau daran, wie zweischneidig das ist.
Natürlich. Aber ich bin kein wirklicher Pazifist. Ohne ein politisches Schwert, selbst ein zweischneidiges, sind wir noch schneller weg vom Fenster als ohnehin schon.

Interview: Martín Steinhagen

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