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10. Mai 2011

Urban Gardening: Der Kürbis vom Mittelstreifen

 Von Stephan Börnecke
"Urban Gardening" in Hamburg. Foto: dpa

Kein Fleckchen zu klein, kein Pflaster zu hart: Das Gärtnern in der Stadt hat Konjunktur und ist Ausdruck der Freude am Säen, wachsen sehen und manchmal selbst ernten.

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Urban Gardening in Hamburg.
"Urban Gardening" in Hamburg.
Foto: dpa

Ganz verschwunden war das Hobby-Gärtnern natürlich nie. Es ist wie mit dem Landleben überhaupt: Alle paar Dekaden wird die Flucht aufs Land neu erfunden. Vor fast 100 Jahren flohen die jungen Stadtmenschen auf die Kuppen der Rhön. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckten sie den Schwarzwald, und heute scheint die Uckermark nördlich Berlins das Ziel der Wünsche zu sein.

In ähnlichem Rhythmus wird auch der Garten wieder entdeckt. Und sei es der auf dem Balkon, denn viele Kleingärten wurden den ausufernden Wohnungs-, Reihenhaus- und Straßenbauten geopfert. Zubetoniert und nur an wenigen Stellen neu erschaffen. Und wo das Gärtnern illegal auf landwirtschaftlichen Flächen geschah, da reißen einem die Behörden Zäune und Hütten gleich wieder ein.

Gärtnern wird den Menschen nicht leicht gemacht. Doch die Saat keimt stets aufs Neue. Und zwar heute auch an Stellen und Örtchen, auf die zuvor allenfalls steril denkende Landschaftsarchitekten gekommen waren, die ihr Heil im Pflanzen von Thuja- und Kirschlorbeer-Einheitsgrün zu sehen scheinen.

Eigentlich, so schrieb jüngst auch FR-Autorin Andrea-Maria Streb, gehörte Gärtnern stets zu den beliebtesten Hobbys in Deutschland. Heute seien gar die „Gartenzwerge gesellschaftsfähig geworden“. Recht hat sie, nur die Methoden haben sich geändert. Wenigstens örtlich.

Es gibt Buchautoren, die behaupten, dass das Ende des Ölzeitalters die Grenzen zwischen Stadt und Land aufbrechen werde: Urban Gardening, Guerilla Gardening, Community Gardening, das sind die neuen Stichworte. Alles sehr unterschiedliche Ausprägungen gärtnerischen Tuns, die aber alle von einer Idee geprägt sind: Lebende, lebendige Pflanzen säen, wachsen sehen und manchmal auch noch ernten.

Wiederbelebung des Selbermachens

Der Oekom-Verlag kündigt sein von Christa Müller herausgegebenes Buch zum Urban Gardening, also zum Gärtnern in der Stadt, so an: „Beim Anbau von Tomaten und Karotten suchen die Akteure der neuen Gartenbewegung die Begegnung mit der Natur – und mit Gleichgesinnten. Sie gestalten gemeinschaftlich einen innerstädtischen Naturerfahrungsraum, beleben die Nachbarschaft, essen zusammen und empfehlen sich der Kommunalpolitik als kompetentes Gegenüber in Sachen Stadtplanung.“

Da keimt also die Wiederbelebung des Selbermachens, wenn eine witzige Art von Landleben in die Städte einzieht, ob in Berlin, München, Köln oder Wien. Aber ums Säen, Pflanzen und Ernten von Gemüse und Obst geht es nicht allein. Am deutlichsten wird dies im Internet auf der Ur-Site der Bewegung, der Hompage www.guerillagardening.org, erkennbar. Da werden, etwa in London, zigtausende Sonnenblumen überall in der Stadt gesetzt, und es werden vor allem alle möglichen und (fast) unmöglichen Orte erkoren, um dröges Gras durch bunte Blumen zu ersetzen.

Keine von Hunden verunzierte Baumscheibe scheint zu klein oder dreckig, um nicht doch noch ein paar Krokusse oder Tulpen unterzubringen, kein Mittelstreifen zu verkehrsumtobt, um nicht doch von einem vertrockneten Rasen in ein buntes Beet verwandelt zu werden (Northampton). Keine Pflasterung, zum Beispiel in San Diego, USA, gilt als zu widerstandsfähig, um nicht nach und nach heimlich aufgebrochen und mit allerlei Grünzeug bepflanzt zu werden.

Im schwedischen Lund schnappten sich zwei Kinder zwei Dutzend Stiefmütterchen und pflanzten sie entlang einer Hecke auf dem Spielplatz: „Das Ganze hat 30 Minuten gedauert, und keiner hielt an und fragte uns, was wir da tun“, lautete der Kommentar zu einer Arbeit, getan allein in der Hoffnung, „auch andere hätten Spaß am Anblick der Pflanzen“.

Eher protzig trieben es ein paar Italiener, die auf einer Mittelinsel am Stadteingang im italienischen Pezzano einen Kürbis heranreifen ließen, der, an einem kalten Oktobertag vor eineinhalb Jahren, in einer Nacht- und Nebelaktion, geerntet und gewogen wurde: Das „Symbol von Pezzano“ brachte 46 Kilo auf die Waage

Lust am zwinkernden Aufbegehren

Mit den Klein- und späteren Schrebergärten, die vor fast 200 Jahren gegründet wurden, hat das wenig zu tun. Oft als Armengärten oder Gärten für Fabrikarbeiter gegründet, trugen sie zum Lebensunterhalt bei. Heute mischt sich, wenigstens beim Guerilla Gardening, eher eine Lust am zwinkernden Aufbegehren darunter, wie die 71-jährige Elise aus Paris meint: Es entspreche schlicht ihrer Natur, unabhängig und gegen jede Form von Konformismus zu handeln. Also eine stille, aktive Revolte gegen staatliches, verordnetes Planen und Handeln?

Heute „generiert der Garten neue Wohlstandsmodelle, aber auch neue Formen der Politik“, schreibt Christa Müller. Sie verweist auf die Gattin des US-Präsidenten, auf Michelle Obama. Sie plauderte in einer Videoansprache zur Eröffnung der Jahreskonferenz 2010 der American Community Gardening Association aus, dass sie bei jedem Staatsbesuch zuallererst nach dem Stand der Dinge im Gemüsegarten des Weißen Hauses gefragt wird. Michelle Obama hat dort Gemüse Marke Eigenanbau samt den angedockten Themenfeldern wie Gesundheit, Gemeinschaft und Local Food auf die Agenda gesetzt.

Kehrt aber deshalb gleich die Landwirtschaft in die Städte zurück?

Tatsächlich besteht eine wachsende Vielfalt von neuen urbanen Gartenaktivitäten, ebenso wie ihre begeisterte mediale Rezeption, meint Müller. Bis vor kurzem noch galt der Gemüsegarten – zumal in den Großstädten – lediglich als Relikt längst vergangener Zeiten. Und plötzlich verkaufen sich Nutzpflanzen besser als Ziersträucher, entdecken immer mehr Städterinnen und Städter „die neue Lust am Gärtnern“, wie auch der Titel eines Beitrags im ZDF-Magazin aspekte lautete.

Genau in dieser Lust liege eine Chance, glaubt Agrarexperte Frieder Thomas zu erkennen: Diese Art urbaner Landwirtschaft könne nämlich einen Beitrag leisten für eine andere Kultur unserer Wertschätzung von Landwirtschaft und Ernährung.

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