Der Pförtner am Eingang blickt argwöhnisch, als ich ihm, etwas außer Atem und mit Schweißperlen auf der Stirn, sage, dass ich bitte zu Philip Roth möchte. Die letzten zwei Kilometer bin ich gerannt. Musste ich rennen, weil Roth den ursprünglichen Interview-Termin in den Räumen seiner Agentur in der 57. Straße von Manhattan nun eine halbe Stunde vorverlegt hat, in sein Apartment in der Upper West Side. „Das können Sie in 15 Minuten schaffen“, hatte seine Assistentin behauptet.
Aber nicht, wenn man in der Eile dummerweise in die falsche U-Bahn springt, die an der eigentlichen Haltestelle vorbeirauscht. Jetzt stehe ich hier, 20 Minuten zu spät und schwitze immer noch. Der Pförtner hat sich inzwischen den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Ohne mich aus den Augen zu lassen, tippt er eine Nummer in sein Telefon, kündigt den Besucher an – und reicht mir dann den Hörer. Am anderen Ende meldet sich Philip Roth. Ob er verärgert ist, weil ich mich verspätet habe? Nein. Er fragt, ob ich ihm seine Post mit hochbringen könne. Der Pförtner reicht mir einen DIN-A-3-Umschlag und weist mir den Weg zum Fahrstuhl. Oben angekommen, begrüßt mich ein hochgewachsener, netter, älterer Herr in Hausschuhen. „Nett von Ihnen, mir meine Post raufzubringen“, sagt Philip Roth. Dann geht er mit gemächlichen Schritten voran, bittet mich in sein Appartement.
Ein kurzer Flur führt direkt in ein großes Wohn- und Esszimmer, ein Panorama- Fenster bietet einen beeindruckenden Blick auf die Skyline von Downtown Manhattan. Roth bewegt sich langsam, redet dabei aber sehr bestimmt und kommt schnell auf den Punkt. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihre Schuhe auszuziehen?“, fragt er und lächelt. „Ihr Jackett können Sie im Schrank aufhängen, hier bitte. Aber setzen Sie sich doch erst mal. Mögen Sie was trinken?“ Ja, ein Wasser, bitte. Für einen Moment frage ich mich, ob dieses „Interview-in-letzter-Minute-Verlegen“ Teil eines Ablaufs ist, den der verehrte Autor erdacht hat, um Fragesteller ein bisschen zu zermürben. Schließlich eilt Roth der Ruf voraus, nicht besonders gerne Interviews zu geben.
Roth setzt sich in seinen Sessel, schaut mich mit dunklen Augen an, freundlich, aber auch abwartend, unergründlich. Er habe heute viel Zeit, sagt er, wir müssten uns also nicht hetzen. Wir machen ein bisschen Smalltalk. Dann klingelt es. Roth entschuldigt sich, geht zur Tür. Ein Lieferant bringt ihm zwei braune Tüten mit Lebensmitteln. Roth packt alles sorgfältig in den Kühlschrank, setzt sich wieder.
Roth: Ich bestelle inzwischen alle meine Einkäufe online. Das ist so viel bequemer. Das Gleiche gilt übrigens auch für meine Bucheinkäufe. Sehen Sie den Stapel Bücher auf dem Tisch dort?
Scholz: Der ist ja nicht zu übersehen.
Die habe ich alle online geordert. Das war alles Recherchematerial für meinen neuen Roman „Nemesis“. Er handelt von einer Polio-Epidemie in New Jersey im Jahr 1944. Ich habe viel recherchiert, viel über Polio gelesen. Alle Bücher auf dem Tisch dort habe ich über eine Website für gebrauchte Bücher bestellt. Diesen technischen Vorsprung des Internets finde ich wundervoll, ich kann von meinem Schreibtisch aus alles recherchieren, ich muss nur das Stichwort „Polio“ eingeben und bekomme sofort 50 Buchtitel genannt. Das war früher unendlich mühseliger. Nur E-Mails mag ich nicht. Ich schreibe keine und will auch keine bekommen.
Warum nicht?
Ich bekomme schon so genug Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter und mit der Post. Das reicht mir. Auf gewisse Weise schließe ich mich damit natürlich aus dem aktuellen Geschehen aus.
Klingt, als würde Sie das ärgern.
Da haben Sie Recht. Es gefällt mir gar nicht, nicht mehr Teil des aktuellen Lebens zu sein – obwohl ich doch noch lebe. Das ist seltsam. Aber die Kommunikations-Technologie hat sich so unglaublich schnell entwickelt, dass sie mich nur noch überwältigt. Ich halte das einfach nicht aus.
Der 77-jährige Philip Roth gilt nach dem Tod von John Updike, Norman Mailer und Arthur Miller als größte lebende Ikone des literarischen Establishments in den USA. Ein Dinosaurier des Kulturbetriebs, mit einer Vorliebe für die schweren Themen: Sex, Tod und immer wieder die Geschichte der Juden in der US-Diaspora.
Sein neuer Roman „Nemesis“ erscheint am 7. Februar bei Hanser. Darin beschreibt Roth den Ausbruch einer fiktiven Polio-Epidemie im Jahr 1944 in jenem jüdischen Viertel in Newark, in dem der Autor selbst aufgewachsen ist.
An einer Stelle der Geschichte fragt ein Vater, dessen Sohn an Polio gestorben ist: „Man macht immer alles richtig, immer und immer, von Anfang an, man versucht, ein vernünftiger Mensch zu sein, ein hilfsbereiter Mensch – und dann das! Wo ist der Sinn in diesem Leben?“ – „Es scheint keinen zu geben“, antwortet ihm die Hauptfigur des Romans, der Sportlehrer Bucky Cantor.
Der Kampf gegen die Sinnlosigkeit der Existenz – ein Thema, das Roth immer wieder bearbeitet hat. (art)
Was genau missfällt Ihnen denn an den E-Books oder Lesegeräten wie dem Amazon-kindle oder Apples iPad?
Haben Sie eins dabei?
Nein.
Schade. Ich sollte vielleicht trotzdem mal eines von den neuen Geräten in die Hand nehmen – nur um einen Eindruck davon zu bekommen, was es damit auf sich hat. Das werde ich bestimmt noch mal irgendwann tun. Grundsätzlich ist mir diese neue Technologie einfach zu übermächtig geworden. Sehen Sie, ich lese gerne abends im Bett – und zwar ein gedrucktes Buch. Warum sollte ich in meinem Alter noch mein Leseverhalten ändern? Wenn ich mich hinsetze oder -lege und ernsthaft ein Buch lesen möchte, brauche ich Ruhe und Einsamkeit. Ich muss mich konzentrieren können. Das ist in dem heutigen Medien-Umfeld immer seltener möglich. Als Leser wird man heute ständig abgelenkt, von all diesen Bildschirmen, die wiederum in weitere Bildschirme unterteilt werden. Überall Bildschirme um uns herum. Dagegen kommt man nicht mehr an. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ich mich abends mit so einem Ding im Bett lege.
Sind Sie fortschrittsmüde?
Natürlich hat diese Wahrnehmung auch mit dem Alter zu tun. Mit Ende 70 ist man nicht mehr erpicht darauf, in seinem Leben noch vieles zu verändern. Immerhin: Ich benutze eifrig das Internet, um Bücher zu kaufen.
Gehen Sie nicht mehr in Buchläden?
Nur noch sehr selten. Online kann ich viel effektiver recherchieren.
Wie sind Sie auf das Thema Polio gekommen?
In den 40er Jahren, in meiner Kindheit, war Polio noch eine große Bedrohung. Polio konnte dich zum Krüppel machen – oder dich umbringen. Und niemand wusste damals, wie diese Krankheit ausgelöst wurde. Vor allem Familien waren in Sorge, weil Polio vor allem Kinder befiel, sie waren am stärksten betroffen. Mein Buch erzählt, wie Polio eine Nachbarschaft in Newark heimsucht. Die Hauptfigur ist ein 23-jähriger Sportlehrer, der darin verwickelt wird, weil die Epidemie auch vor dem Sportplatz nicht Halt macht. Sein Job versetzt ihn direkt ins Zentrum der Epidemie. Die Kinder sind in diesen heißen Sommermonaten ständig um ihn herum, er trainiert sie nicht nur, er passt auf sie auf – aber er kann sie nicht vor der Krankheit schützen. Er leidet mit ihnen und den Eltern, die ihre toten Kinder betrauern. Denn all diese Kinder sind in gewisser Hinsicht auch seine Kinder.
Das erinnert an den Roman „Die Pest“ von Albert Camus, in dem ein Arzt gegen eine Epidemie ankämpft.
Interessant, dass Sie Camus ansprechen, ich habe ihn vor nicht allzu langer Zeit wieder gelesen, erst „Die Pest“, dann seine Tagebücher. Camus ist ein großartiger Schriftsteller. Ich hätte meine Geschichte sicher auch aus der Sicht eines Arztes schildern können, so wie es Camus in „Die Pest“ macht. Ich mache es aber anders: Der Sportlehrer ist zwar die tragende Figur, aber er erzählt die Geschichte nicht. Erzählt wird sie von einem der Jungen, die damals auf seinem Sportplatz spielten und der heute ein Mann ist.
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