Als könnten ihn die Verzweifelten in den Trümmern von Port-au-Prince hören, wandte sich Barack Obama direkt an sie: "Sie werden nicht im Stich gelassen. Sie werden nicht vergessen. In dieser Stunde der größten Not steht Amerika Ihnen bei."
Als der Präsident vor die Mikrofone trat, lief die Hilfsmaschinerie der Weltmacht längst auf Hochtouren. Auf dem Flughafen der haitianischen Hauptstadt sichern und koordinieren US-Soldaten rund um die Uhr Hilfsflüge. Angeführt von Flugzeugträger Carl Vinson, der am Freitag vor Haitis Küste eintraf, bewegt sich geradezu eine US-Armada auf das geschundene Karibik-Eiland zu.
Obama schickt 5000 Soldaten, ein schwimmendes Krankenhaus, schweres Räumgerät, zivile Helfer. Die USA haben 100 Millionen Dollar Soforthilfe zugesagt, mehr soll folgen. Außenministerin Hillary Clinton und Pentagon-Chef Robert Gates sagten Reisen ab, die Ex-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush sollen langfristige Hilfe koordinieren.
Mit dem größten humanitären Einsatz seit dem Tsunami in Südostasien 2004 haben sich die USA an die Spitze der internationalen Hilfen gestellt. Die Gründe sind vielfältig. Zum einen verfügt der mächtige Nachbar im Norden schlicht über die größten Ressourcen. Auch leben rund 45000 US-Bürger in Haiti. Bricht vollends Chaos aus, könnte sich zudem eine Flüchtlingswelle Richtung Florida aufmachen.
Neubeginn für Süd-Politik
Geopolitische Erwägungen mögen ebenfalls eine Rolle spielen. Das von Obama angestrebte bessere Verhältnis zu den südlichen Nachbarn von Mexiko bis Feuerland läuft zäh an; die humanitäre Mega-Hilfe könnte einen Neubeginn markieren.
Zumal die US-Politik im "Hinterhof" Haiti kein Ruhmesblatt ist. Lange unterstützte Washington die brutale Duvalier-Diktatur, intervenierte 1994, um den gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide wieder einzusetzen. Als das dem bettelarmen Inselstaat weder Stabilität noch Demokratie brachte, verloren die USA das Interesse und überließen die Stabilisierungsversuche der von Brasilien geführten UN-Truppe.
Man muss den USA freilich keine eigennützige Interessenpolitik unterstellen. Die erschütternden Bilder vom Beben vor der Haustür laufen auf allen TV-Sendern. CNN-Arzt Sanjay Gupta behandelt in Port-au-Prince blutende Babys; der hartgesottene Fox-News-Korrespondent Steve Harrison bricht vor der Kamera in Tränen aus. Das bewegt die Nation. Allein in den ersten 48 Stunden nach dem Beben spendeten US-Bürger 35 Millionen Dollar.
Obama will die Fehler von Vorgänger Bush nicht wiederholen, der nach dem Tsunami und nach Hurrikan Katrina zögerte. "Hilfe trifft ein", versprach Obama, "viel, viel mehr Hilfe kommt."
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