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16. April 2013

US-Soldat: Ein Kämpfer gibt auf

 Von Sebastian Moll
Kämpfender Veteran: Tomas Young im September 2007.  Foto: Reuters

Tomas Young wurde zum Gesicht eines sinnlosen Kriegs. Schwer verletzt kehrte er als junger Mann aus dem Irak zurück. Nun will er sterben.

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Tomas Young wurde zum Gesicht eines sinnlosen Kriegs. Schwer verletzt kehrte er als junger Mann aus dem Irak zurück. Nun will er sterben.

Tomas Young war ein Kämpfer, er setzte sich mit aller Kraft für seine Überzeugungen ein – bis an die Grenze seiner Kräfte. Vor sechs Jahren noch, in den letzten Monaten der Bush-Administration, fuhr der kriegsversehrte Irak-Veteran kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten Amerikas und erzählte den Menschen seine Geschichte: die Geschichte eines in einem sinnlosen Krieg verpfuschten Lebens. „Ich wollte nach dem 11. September gegen die kämpfen, die uns das angetan haben“, sagte er damals seinem Publikum. „Stattdessen bin ich in ein Land geschickt worden, das nichts damit zu tun hatte.“

In der Zwischenzeit ist Young die Kraft zum Kämpfen abhanden gekommen. Der 33-Jährige liegt in diesen Tagen nur noch in sich zusammengesunken in seinem Bett. Seine Augen sind müde, das Reden fällt ihm schwer, Jahre der Schmerzen und des Leidens haben ihn gezeichnet. „Ich kann nicht mehr“, sagte er in seiner letzten Videobotschaft in der vergangenen Woche der Welt mit schwerer Zunge. Young hat sich entschlossen aufzugeben. In dieser Woche wird er darum bitten, dass er nicht mehr künstlich ernährt wird. Sich selbst umbringen kann er nicht, er kann seine Arme nicht mehr benutzen. Und er möchte nicht, dass seine Angehörigen sich strafbar machen. Deshalb wird Young wohl in den nächsten Wochen verhungern.

Widerstand als Lebensaufgabe

Nach offiziellen Statistiken sind 33.000 Amerikaner schwer verwundet aus dem Irak zurückgekehrt. Nicht gezählt werden dabei die Zehntausende, die unheilbare psychische Schäden erlitten haben. Tomas Young ist in den vergangenen Jahren zu ihrem Gesicht geworden. Er ist das Opfer, das keine Ruhe geben will, sein Schicksal ist die personifizierte Anklage an diejenigen, die leichtfertig diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben. „Ich hoffe, dass sie noch zu Lebzeiten für ihre Verbrechen vor Gericht gestellt werden“, sagt er.

Zur Person

Tomas Young wurde am 30. November 1979 in Kansas City im US-Bundesstaat Missouri geboren.

Wenige Tage nach den Terroranschlägen des 11. September 2013 meldete er sich freiwillig bei der US-Armee. Bei seinem Einsatz im Irak-Krieg wurde er 2004 bei einem Rebellenangriff in Sadr City in einem ungepanzerten Fahrzeug schwer verwundet. Eine Kugel verletzte seine Wirbelsäule und Young war danach ab Brusthöhe an abwärts gelähmt.

Er kehrte zurück nach Kansas City und wurde Mitglied einer Vereinigung von Veteranen, die im Irak-Krieg gedient hatten. Seitdem verschlimmerte sich seine gesundheitliche Situation. Er wird durch Sonden künstlich ernährt und mit Schmerzmitteln versorgt. Zurzeit lebt er in einem Sterbehospiz.

Im März 2013 führte die Journalistin Chris Hedges von Truthdig ein Interview mit Young über seine Ansichten und seine Lebensumstände. Zum zehnten Jahrestag des Dritten Golfkriegs veröffentlichte Truthdig einen offenen Brief von Young an George W. Bush und Dick Cheney, in dem der ehemalige Soldat seinen Freitod ab dem 20. April 2013 ankündigte. Das Datum ist bewusst gewählt: Mit seiner Frau Claudia, die ihn pflegt, möchte er noch den letzten gemeinsamen Hochzeitstag feiern.

Young meldete sich eine Woche nach dem 11. September freiwillig zum Militär. 22 Jahre alt war er damals. Doch anstatt wie erhofft nach Afghanistan geschickt zu werden, landete er in Irak. Gerade mal fünf Tage war er dort, als ihm am 4. April 2004 eine Kugel das Rückenmark durchtrennte. Zusammen mit zwanzig anderen Soldaten rollte Young an jenem Tag auf einem offenen Truppentransporter durch Sadr City, als Aufständische das Feuer eröffneten. „Wir waren für sie wie Fische in einer Tonne“, sagte er später. „Sie mussten nicht einmal zielen.“ Ein Projektil traf ihn unmittelbar unter dem Schlüsselbein, ein anderes zerschmetterte ihm das Knie. „Ich wollte mein Gewehr aufheben, doch ich konnte mich nicht bewegen“, sagte er später. „Da wurde mir klar, dass etwas fürchterlich schief gelaufen ist.“

Am liebsten wäre er schon damals auf der Stelle gestorben. Doch er fand sich nach Monaten in Militär-Krankenhäusern in Kuwait, Deutschland und Washington nach und nach mit seinem Schicksal ab. Noch in der Klinik entschloss er sich, den Widerstand gegen Bush und gegen diesen Krieg zu seiner Lebensaufgabe zu machen. Er kontaktierte den unabhängigen Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader, einen der erbittertsten Gegner des Irak-Kriegs. Nader kam an sein Bett und brachte den preisgekrönten TV-Journalisten Phil Donahue mit, der eine Dokumentation über Young drehte.

Unerträgliche Schmerzen

Nach dem Film „Body of War“ wurde Young überall in den USA als Redner eingeladen. Young nutzte die Plattform, um unermüdlich die Bush-Regierung anzuklagen und gegen den Krieg zu protestieren. Doch seine Gesundheit verfiel rapide. In dem Film, der 2006 gedreht wurde, sieht man, wie er mit Schwindelanfällen ringt und damit, seine Körpertemperatur zu regulieren. Die Kamera zeigt schonungslos die schmerzhafte Prozedur des Kathederwechsels durch seine Mutter und die Pein der ständigen Harnleiterentzündungen. Und er zeigt, wie sehr der junge Mann darunter leidet, dass er keinen Sex mehr haben kann.

Wenn Young heute den Film sieht, wünscht er sich trotzdem, dass es ihm noch so gut ginge wie damals. Ein Blutgerinnsel im Hirn hat ihm seitdem das Sprechen fast unmöglich gemacht. Seine Lunge ist mehrfach kollabiert, sein Darm musste amputiert werden. Heute schafft er es noch nicht mal mehr in den Rollstuhl. Die permanenten Schmerzen sind unerträglich geworden. „Ich muss dabei zusehen, wie mein Körper einfach zerfällt“, sagte er unter großen Anstrengungen in seinem letzten Video, das er veröffentlicht hat.

Young hat genug, doch er hat nicht vor, still zu gehen. Nachdem er sich im März dazu entschlossen hatte, sein Leben zu beenden, schrieb Young einen offenen Brief an George W. Bush und Dick Cheney. „Ich schreibe diesen Brief, weil ich klarmachen will“, steht darin, „dass ich sowie Hunderttausende anderer Veteranen und Millionen meiner Mitbürger genau weiß, wer ihr seid und was ihr getan habt. Vielleicht entgeht ihr der Justiz aber in unseren Augen seid ihr an unaussprechlichen Kriegsverbrechen, Plünderungen, sowie dem Mord an Tausenden junger Amerikaner schuldig.“

Young will, dass diejenigen, die für sein Schicksal verantwortlich sind, hinsehen. Man kann nur hoffen, dass sie das auch tun.

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