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01. Mai 2014

USA Todesstrafe: Grausame Panne bei Hinrichtung

 Von 
Todeszelle in den USA (Symbolbild).  Foto: dpa

Zum zweiten Mal in diesem Jahr missglückt eine Hinrichtung in den USA. Ein möglicher Grund ist der Mangel an geeigneten Chemikalien. Viele ausländische Pharmakonzerne weigern sich aus Sorge um ihr Image, den US-Behörden die tödlichen Cocktails zu verkaufen.

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Washington –  

Die Gegner der Todesstrafe in den USA hoffen, dass der jüngste Fall einer grausam verlaufenen Hinrichtung Bewegung in die Debatte um die allgemeine Abschaffung von Exekutionen bringt. Im US-Bundesstaat Oklahoma war zuvor dem verurteilten Mörder Clayton Derrell Lockett ein Giftcocktail injiziert worden, der nicht wirkte. Der Mann starb nach einem fast 45 Minuten langen, qualvollen Todeskampf an einem Herzinfarkt. Selbst das Weiße Haus in Washington hat sich inzwischen eingeschaltet und die Hinrichtung als unmenschlich angeprangert.

Locketts Todeskampf, der wegen des Mordes an einer 19 Jahre alten Frau 1999 in der Todeszelle saß, begann nach Augenzeugenberichten 13 Minuten, nachdem er das Gift gespritzt bekommen hatte. Der Körper des Mannes verkrampfte und schüttelte sich. Der Todeskandidat hob mehrfach den Kopf und gab unverständliche Worte von sich. Locketts Anwalt erklärte später, er habe kaum zusehen können, wie sich sein Mandat quälte. Reporter der Zeitung „Tulsa World“, die aus einem Nebenraum die Hinrichtung beobachteten, notierten: „18.38 Uhr. Lockett verzieht das Gesicht, er stöhnt (...) Er versucht sich aufzurichten. Er scheint Schmerzen zu haben.“ Kurz darauf schlossen Mitarbeiter des Gefängnisses die Jalousien vor dem Fenster zum Zuschauerraum.

Nach exakt 43 Minuten sagte Gefängnisdirektor Robert Patton, dass die Hinrichtung gestoppt worden sei. „Wir hatten ein Venenversagen, deswegen konnten die Chemikalien nicht in den Straftäter gelangen.“ Dass Lockett inzwischen tot war, sagte Patton jedoch offenbar nicht. Erst später wurde bekannt, dass der Mörder einem Herzinfarkt erlegen war. David Autry, der Anwalt Locketts, zog in Zweifel, dass die Giftmischung eine ausreichende Menge des Betäubungsmittels Midazolam enthielt. Außerdem sagte er, er traue den Angaben der Gefängnisverwaltung nicht, wonach eine Vene im Körper seines Mandanten geplatzt sei.

Lockett ist der zweite Todeskandidat, der in diesem Jahr in den USA auf qualvolle Weise gestorben ist. Im Januar wurde Dennis McGuire in Ohio erst eine halbe Stunde nach der Giftinjektion für tot erklärt.

Ein Grund für die missglückten Hinrichtungen ist der Mangel an geeigneten Chemikalien. Viele ausländische Pharmakonzerne weigern sich aus Sorge um ihr Image, den US-Behörden die tödlichen Cocktails zu verkaufen. Gefängnisse müssen sich deshalb offenbar zweifelhafter Quellen bedienen. Besonders brisant ist, dass einzelne Bundesstaaten sogar verschweigen dürfen, woher sie den Cocktail für die Exekutionen beziehen.

Die Bürgerrechtsorganisation ACLU mutmaßt, in US-Gefängnissen würden wissenschaftliche Experimente mit unzureichend getesteten Wirkstoffen an Todeskandidaten vorgenommen. Es gehe dabei nicht um die Frage, ob die Verurteilten schuldig seien oder nicht, sagte Ryan Kiesel, ACLU-Direktor für Oklahoma. Es gehe ausschließlich darum, „ob wir genügend Vertrauen zu den Behörden haben, um ihnen zu erlauben, ihre Bürger – auch die Schuldigen – mit einem Geheimverfahren zu töten“.

Angesichts der internationalen Empörung über den Fall Lockett hoffen die Gegner der Todesstrafe nun auf eine Debatte über das Ende von Hinrichtungen in den USA. Der Jura-Professor Richard Garnett etwa sagte, nun müssten sich die Amerikaner Gedanken darüber machen, ob die Todesstrafe weise und moralisch vertretbar sei.

Bis die Todesstrafe, die noch in 32 US-Staaten gilt, jedoch im ganzen Land abgeschafft ist, werden voraussichtlich noch viele Jahre vergehen. Vorerst denken die Gefängnisbehörden offenbar eher darüber nach, ob sie anstelle der Giftspritzen wieder auf Exekutionsmethoden wie den elektrischen Stuhl, den Galgen oder das Erschießungspeloton zurückgreifen.

Selbst die Bundesregierung in Washington will vorerst an der Todesstrafe festhalten. Der Sprecher des US-Präsidenten verurteilte die Hinrichtung Locketts zwar als unmenschlich. Sie habe nicht den Standards der US-Verfassung entsprochen. Diese verbietet grausamen Strafvollzug. Jedoch glaube Präsident Barack Obama, dass die Todesstrafe bei einigen „abscheulichen Straftaten“ angemessen sei. Dazu zähle Obama den von Lockett verübten Mord. Der hatte sein Opfer erst angeschossen und dann zugesehen, wie die junge Frau von Mittätern in einem Wald verscharrt wurde, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch lebte.

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