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Verkehr: Jagdszenen in Moskau

Die Unfallstatistik in Russland ist der blanke Horror. Vorfahrt hat, wer mehr Hubraum hat. Ausgerechnet in Moskau findet nun die erste UN-Konferenz zur Verkehrssicherheit statt. Von Stefan Scholl Neu: Pendlerblog der FR

Stau in Moskau.
Stau in Moskau.
Foto: dpa

Moskau. Am heutigen Donnerstag beginnt in Moskau die erste UN-Konferenz zur Verkehrssicherheit. Die Teilnehmer sollten besser mit der U-Bahn kommen. Auf Russlands Straßen tobt eine Dauerschlacht. "Das Verhalten auf den Straßen spiegelt unser Leben, unsere Mentalität", erklärte Sergej Mironow, Sprecher des Föderationsrates, Anfang des Monats auf einer Jugendkonferenz. "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Straßenverkehrsordnung mit Blut geschrieben worden ist, deshalb müssen wir sie unbedingt einhalten."

Nach Angaben der Verkehrspolizei sterben in Russland bei jährlich mindestens 200.000 registrierten Verkehrsunfällen 30.000 Menschen, mehr als 270.000 werden verletzt. Seit 1997 verloren fast 400.000 Russen ihr Leben im Verkehr, wobei diese Zahl noch geschönt ist: Die offizielle Statistik zählt jene Opfer nur als Verletzte, die nicht am Unfallort sterben, sondern erst im Krankenhaus.

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Tod auf der Straße

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Weltweit sterben nach Angaben des Roten Kreuzes etwa 3000 Menschen durch Verkehrsunfälle - pro Tag. Konzepte für mehr Sicherheit im Straßenverkehr will die Organisation auf einer UN-Konferenz in Moskau an diesem Donnerstag und Freitag vorstellen.

Das Rote Kreuz verlangt schärfere Gesetze, um die Zahl der Unfälle zu senken. Alkohol am Steuer müsse verboten werden. Zudem auf der Liste der Forderungen: Sicherheitsgurte in Autos und Helme für Motorradfahrer verpflichtend in allen Ländern der Welt sowie besseres Fahrtraining für junge Leute. (epd)

Gründe dafür sind miserable Straßen, verkehrsuntaugliche Fahrzeuge und Fahrer. In Moskau kann man besonders leicht Führerscheine und TÜV-Zeugnisse ohne jeden Test kaufen - auf dem Schmiergeldmarkt. Aber vor allem herrscht in Russland eine sehr simple Hackordnung, die die Straßenverkehrsordnung immer wieder außer Kraft setzt.

Ganz oben in der Hierarchie stehen die gepanzerten Pullman-Limousinen Dmitri Medwedews und Wladimir Putins. Für sie und ihre Eskorte wird der Verkehr zwischen ihren Datschen westlich von Moskau und dem Kreml mehrmals täglich komplett gesperrt. Aber auch Gouverneure, Minister und Topbeamte jagen mit Blaulicht, eskortiert von teuren Importjeeps, über gesperrte Straßen, Mittelstreifen und Gegenfahrbahnen, provozieren schwerste Unfälle. "Unsere Beamten werden immer mehr zu Agenten mit der Lizenz zum Töten", schimpfte der Verkehrsexperte Alexander Pikulenko im Fernsehsender NTW: "Ihnen ist es erlaubt, gegen jede Verkehrsregel zu verstoßen."

Wer Geld und Kontakte zu den Behörden hat, kopiert den vom Vorfahrtsprivileg geprägten Raserstil der Mächtigen, rempelt sich in schweren Parkettjeeps mit getönten Scheiben und oft ohne Nummernschild durch den Straßenverkehr. Je mehr Hubraum, je teurer die Karosserie, desto höher ist der Rang in der Hackordnung, in der Fahrradfahrer und Fußgänger ganz unten stehen. "Ich bin völlig überrascht, wie viele Fahrer mir die Vorfahrt lassen", sagte die 34-jährige Psychologin Ira Bojtenko der FR, nachdem sie zum ersten Mal am Steuer eines Lexus LX-Jeeps gesessen hat. Die oberste Regel im russischen Straßenverkehr lautet: Vorfahrt hat der Stärkere.

Am 11. November, wenige Tage nach seinem Appell an die Jugend, die Straßenverkehrsordnung einzuhalten, war Föderationsratsvorsitzender Mironow mit einer Eskorte von mehreren Geländewagen in Sankt Petersburg unterwegs. "Erst jagten zwei Polizeiwagen vorbei, dann kam ein Mercedes-Jeep. Als er mich überholte, stieß er mit seinem Bug seitlich gegen meinen Wagen", berichtete die Petersburgerin Jewgenija Sender später.

Ein unbeteiligter Unfallzeuge sagte der Zeitung Gazeta, der Mercedes-Jeep sei ihm schon vor dem Zusammenstoß durch aggressive Fahrweise aufgefallen. Kein einziger Fahrer des Konvois hielt es für nötig, zu stoppen. Ein Mitarbeiter Mironows versicherte später der Zeitung Kommersant, die Karambolage sei nötig gewesen, weil Sender ihren Toyota sehr unsicher gelenkt habe. "Am Steuer des Jeeps saß ein Profi, der verpflichtet war, ein Schutzmanöver durchzuführen." Jewgenija Sender und ihr zehn Monate altes Söhnchen Sascha kamen mit dem Schrecken davon.

Autor:  Stefan Scholl
Datum:  18 | 11 | 2009
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