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Sechs Monate nach der Katastrophe in Japan: Veteranen für Fukushima

Die Aufräumarbeiten in Fukushima dauern an. Mehrere Hundert Pensionäre wollen sich als Arbeiter im havarierten Kraftwerk verdingen. Japans Katastrophenminister sieht die Aktion mit Skepsis.

Am Sonntag gedachte Japan der Opfer.
Am Sonntag gedachte Japan der Opfer.
Foto: dpa
Tokio –  

Nein, er sei wahrlich nicht lebensmüde, sagt Yasuteru Yamada. Der Gedanke, sich zu opfern, liege ihm sehr fern. Dennoch drängt er sich nach einer Arbeit, die schmutzig ist, schwierig und am Ende sogar lebensgefährlich. Der 72-Jährige hat über das Internet, seinen Blog, über Twitter, aber vornehmlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda eine Vereinigung von Pensionären zusammengebracht, die bereit sind, vor Ort in den Reaktorgebäuden von Fukushima gegen die schwerste Nuklearkatastrophe zu kämpfen, die Japan seit dem zweiten Weltkrieg heimgesucht hat.

Mehr als 500 Mitstreiter, darunter viele ehemalige Beschäftigte aus der Atomindustrie, habe er für sein Projekt „Veteranen für Fukushima“ bereits gefunden, erzählt Yamada in seinem winzig kleinen Büro im Norden Tokios. „Wir sind zwar alle schon über 60, aber physisch voll auf der Höhe“, versichert er. Dem drahtigen Mann mit dem zerfurchten Gesicht nimmt man sofort ab, das er zäh ist und durchhalten kann.

Fukushima - sechs Monate danach

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Die Idee für seine Initiative sei ihm beim Fernsehen gekommen, sagt er. Täglich werde gezeigt, wie Arbeiter kämpfen, um die Situation in dem havarierten Kraftwerk in den Griff zu bekommen. Tepco, die Betreiberfirma des Kernkraftwerkes von Fukushima sucht ständig neue, qualifizierte Kräfte, um niemanden einem tödlichen Risiko in den verstrahlten Gebäuden auszusetzen. Anfangs war Tepco vorgeworfen worden, ungelernte Billigarbeitskräfte extremen Strahlungsdosen ausgesetzt zu haben. „Als ich sah, dass vor allem junge Leute in der Nähe der beschädigten Reaktoren arbeiten, habe ich mir gesagt, dass jetzt die Stunden meiner Generation gekommen ist“, sagt Yamado. Bei älteren Menschen sei die Krebsanfälligkeit nachweislich niedriger, hat er gelesen.

„Wir haben eine bessere Chance davonzukommen“, behauptet der Maschinenbau-Ingenieur, der sich in seiner beruflichen Laufbahn lange mit Recycling beschäftigt hat. Und eine Art „Recycling“ seien die anstehenden Arbeiten in Fukushima ja auch.

Japans Katastrophenminister Goshi Hosono, gerade gemeinsam mit der neuen Regierung ins Amt gekommen, sieht die Aktion der Pensionäre skeptisch. „Wir sind natürlich dankbar, dass sie einen Beitrag leisten wollen“, sagt er. Fügt jedoch gleich hinzu: „Die alten Leute überschätzen sich.“

Höllische Bedingungen

Hosono, der mit seinen 40 Jahren nach japanischen Maßstäben extrem jung für ein so hohes Amt ist, hat sein Büro gegenüber dem Amtssitz des neuen japanischen Ministerpräsidenten Yoshihiko Noda gerade erst bezogen. Bei ihm laufen alle Fäden des Krisenmanagements schon seit Monaten zusammen. Unter Nodas Vorgänger Naoto Kan war er allerdings nur „Berater des Premiers“.

Die Arbeitsbedingungen in der Nähe der Reaktoren sind immer noch höllisch, weiß Hosono: Lufttemperaturen um die 30 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit seien in schweren Schutzanzügen und unter Atemschutzmasken zu ertragen. „Fachliche Kompetenz allein genügt nicht, sondern es sind auch außerordentliche physische Fähigkeiten erforderlich. Manche dieser älteren Herrschaften sind jedoch ihrem 80. Geburtstag nahe.“

Schwere Störfälle

Das Atomkraftwerk Fukushima bestand aus sechs Reaktorblöcken mit je einem Siedewasserreaktor. Neben dem eigentlichen Reaktor befand sich in allen Gebäuden auch ein Abklingbecken zur Zwischenlagerung von Brennelementen.

Bei dem schweren Erdbeben und nachfolgenden Tsunami am 11. März liefen nur die Reaktorblöcke 1 bis 3. In diesen Reaktoren und in mehreren Abklingbecken kam es zu schweren Störfällen. Block 4 wurde stark beschädigt. Radioaktivität belastete die Umgebung, mehr als 100 000 Menschen mussten umgesiedelt werden.

Es sei unrealistisch, sie unter solch extremen Bedingungen arbeiten zu lassen. Doch so leicht lassen sich Yamadas Freunde nicht entmutigen. Das letzte Wort sei noch längst nicht gesprochen, glauben sie. Schließlich würden immer wieder neue Leute gebraucht und irgendwann seien die Reserven an Arbeitskräften erschöpft. Inzwischen, so sagt er, habe es eine Hand voll von ihnen tatsächlich in die Kurse geschafft, in denen Tepco die Arbeiter für die Tätigkeit in verstrahlten Räumen vorbereitet. Ihm selbst sei es vor wenigen Wochen sogar gelungen, das Gelände zu besichtigen.

105 Millionen Liter verseuchtes Wasser

Was er dort sah, habe ihn gleichzeitig beeindruckt und beunruhigt. „Bisher ist zweifellos beinahe Unmögliches geleistet worden“, räumt Yamada ein. Trümmer sind weggeräumt worden, die Zufahrtsstraßen sind frei. Auch die Notstromversorgung arbeitet kontinuierlich. Die Situation sei zwar noch immer sehr gefährlich, aber inzwischen stehe man nicht mehr am Abgrund. Vor allem, weil die Reaktoren inzwischen wieder kontinuierlich gekühlt werden können.

Tepco gibt an, dass die Temperatur zeitweise schon unter 100 Grad gesunken sei. Bleibt die Temperatur stetig darunter, gilt der Reaktor als unter Kontrolle. Derzeit trifft das noch auf keinen der Fukushima-Reaktoren zu. Vor allem muss jetzt aber das radioaktiv verseuchte Wasser entsorgt werden, rund 105 Millionen Liter. Der Boden ist in einem Umkreis von fast 200 Kilometern verseucht. Auch dieses Problem muss jetzt angegangen werden.

Aber, so Yamada, alle Fortschritte seien mit Provisorien erreicht worden, die ihm Angst machten. Die Kühlungen für die Reaktoren seien nichts anderes als überdimensionierte Duschen, ihre Wasserzufuhr bestehe aus Plastikschläuchen. Lediglich beschichtetet Plastikplanen würden derzeit verhindern, dass noch mehr Radioaktivität aus den Kraftwerksgebäuden austrete. Und auch was aus dem radioaktiven Schrott wird, weiß niemand. „Es wird eine lange Reise“, sagt der Veteran.

Autor:  Frank Herold
Datum:  12 | 9 | 2011
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