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Videogame: Vom Spieler zum Schauspieler

Scham, Trauer, Glück - das Videogame "Heavy Rain" lässt Spieler mitfühlen wie nie zuvor. Doch es ist kein Versuch, Spiel und Film zu verschmelzen. Von Sven Stillich ( mit Trailer)

Auch Scott Shelby, dicklicher Privatdetektiv, gehört zum Personal des Spieles, dessen düstere Szenerie an einen Film Noir erinnert.
Auch Scott Shelby, dicklicher Privatdetektiv, gehört zum Personal des Spieles, dessen düstere Szenerie an einen Film Noir erinnert.
Foto: sony computer ent.

Es ist Abend, draußen regnet es. Zeit, schlafen zu gehen. Der kleine Sean liegt in seinem Bett, neben ihm sitzt sein Vater. Er küsst seinen Sohn auf die Wange. "Papa, warum bist du so traurig?", fragt das Kind plötzlich, "du bist doch nicht schuld an dem, was geschehen ist." Ethan Mars senkt seinen Blick. Es ist zwei Jahre her, dass er seinen zweiten Sohn Jason für ein paar Minuten aus den Augen verlor - und ihn vor einem Auto liegend wiederfand. Tot. Und daran soll er nicht schuld sein? Langsam deckt Mars seinen Sohn zu.

Um Geschichten zu beschreiben, die in Videospielen erzählt werden, genügen meist ein paar Stichworte: Soldat wird zum Helden, Superheld rettet die Welt, Fantasywesen bekämpfen eine dunkle Macht. Die Story ist meist nur die Schmiere, die das Spiel zusammen und den Spieler bei der Stange hält. Im neuen Videospiel "Heavy Rain" ist das völlig anders. Dieses Spiel versucht einzig und alleine, eine spannende und vielschichtige Geschichte zu erzählen - und das über Gefühle auf und vor dem Bildschirm. Dass ihm das gelingt, liegt an seinen Figuren, die keine Überhelden sind, sondern menschlich: verletzlich und manchmal verzweifelt mutig.

Die Geschichte zu beschreiben, die "Heavy Rain" erzählen will, ist schwer. Weil es "die Geschichte" nicht gibt. Der Spieler trifft immer wieder kleine und große Entscheidungen - und je nachdem, wie diese ausfallen, ändert sich der Verlauf der Story. Im Kern ist "Heavy Rain" ein Krimi, ein interaktiver Film Noir. Der spielt in den Straßen, Appartements und auf den Müllhalden einer heruntergekommenen Großstadt, in der es immerzu regnet. Es geht um die Jagd auf einen Serienmörder. Dabei wechselt das Spiel in den einzelnen Kapiteln immer wieder die Perspektive.

Der Spieler schlüpft episodenhaft in die Haut von vier Figuren: Er ist Ethan Mars, der Vater, der alles tun würde, um seinen einzigen Sohn zu beschützen. Er wird zu Madison Paige, einer Fotografin, die nur in Motels Schlaf finden kann. Er spielt Scott Shelby, einen dicklichen Privatdetektiv, der stets wirkt, als würde er schwitzen. Und er übernimmt die Rolle von Norman Jayden, einem FBI-Agenten, der den "Origami Mörder" verfolgt. Die Figuren können im Verlauf des Spiels verrückt werden, sich ineinander verlieben und sterben. Auch dann spielt der Spieler die Geschichte weiter, bis zu einem schlüssigen Ende. Das bedeutet: Wer "Heavy Rain" zum zweiten Mal spielt, kann alles anders machen und eine andere Geschichte durchleben.

David Cage, der Erfinder, will mit "Heavy Rain" die Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums erweitern. "Videospiele haben bislang meist auf zwei Gefühle gesetzt: Wut oder Angst", sagt Cage, "dabei gibt es so viele andere Emotionen, die im Theater und im Kino angesprochen werden, in Gedichten und Gemälden - und ich sehe keinen Grund darin, dass sich ausgerechnet Spiele selbst beschränken sollten."

Erwachsene Form des Videospiels

Nur: Wie lassen sich Gefühle wie Scham, Trauer, Glück oder gar Empathie beim Spieler wecken? Cage hat einige Kniffe verwandt, um die nötige Nähe herzustellen zwischen Spieler und Spielfigur. Zum Beispiel kann der Spieler jederzeit in seine Figuren hineinhören und ihren Gedanken als innerem Monolog lauschen. Zusätzlich hat der Erfinder dem Spieler die Möglichkeit gegeben, vieles in "Heavy Rain" zu tun oder zu unterlassen, das die eigentliche Handlung nicht vorantreibt, aber die Persönlichkeit der Figuren im Kopf des Spielers wachsen lässt. Wenn dieser in der Rolle des Ethan Mars seiner Ehefrau einen Kuss gibt (oder nicht) oder seinem Sohn bei den Hausaufgaben hilft (oder nicht), bringt das den Plot nicht weiter, vertieft aber die Beziehung des Spielers zu den Figuren. Er füllt beim Spielen die charakterlichen Leerstellen der Figuren aus. Er spielt also auch mit seiner Rolle. Seine Entscheidungen machen aus Ethan Mars einen fürsorglichen oder einen überforderten Vater; die subtilen Aktionen wirken wie Adjektive in einem Text. Solch einen wieten psychologischen Möglichkeitsraum zu erschaffen, ist Spielen noch nie gelungen.

Das Ganze funktioniert so gut, weil sich David Cage dazu entschieden hat, auf realistische Darstellung zu setzen. Jede einzelne Bewegung aller Haupt- und Nebenpersonen wurde von mehr als 70 Schauspielern eingespielt und digitalisiert auf die Figuren im Spiel übertragen - inklusive aller Nuancen ihrer Mimik und Augenbewegungen. Der Aufwand hat sich gelohnt: Der Spieler merkt sogar, wenn jemand lügt in "Heavy Rain", es muss nicht gesagt werden.

"Heavy Rain" ist ein Meilenstein, eine neue, erwachsene Form von Videospiel. Es ist ein Spiel, das den Spieler zum Schauspieler macht und dabei wirkt wie ein guter Film, mit klugen Schnitten und mit schnellen und langsamen Passagen. Doch es ist kein Versuch, Spiel und Film zu verschmelzen - es will einen eigenen Weg finden, Geschichten zu erzählen. Mit der Ausdruckskraft von Büchern kann "Heavy Rain" nicht mithalten, aber es schafft - wie ein gutes Buch - dass im Kopf des Spielers mehr ankommt als das, was er sieht. Vielleicht ist die Geschichte, die "Heavy Rain" erzählt, nicht einmal besonders brillant. Aber sie ist besser als die Story der meisten Hollywoodfilme, und sie fesselt den Spieler bis zum Schluss. Dass sie in all ihrer Tiefe überhaupt erzählt werden kann in einem Videospiel, ist dabei das größte Wunder.

Heavy Rain, von Sony Computer Entertainment, für Playstation 3, freigegeben ab 16 Jahren, ca. 65 Euro.

Autor:  Sven Stillich
Datum:  25 | 2 | 2010
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