Jedes Mal, wenn der Zug ein wenig langsamer wird und ein Bahnhof in Sicht kommt, stürzen sie in den Gang. Sie reißen die Fenster auf, strecken erst die Faust, dann den Kopf heraus. Dampf quillt aus dem Zug, heiß und schwer vom Geruch nach Bier und Schweiß, vom Geruch von 750 jungen Männern. Gitarrenlärm unterlegt die Szene. Schnell, hoch, kreischend gellt er durch die Nacht. Wenn der Zug wieder anfährt, mischen sich die Gitarren mit dem Pfeifen des Fahrtwindes, der die Haare der Männer peitscht. Die variieren in Farbe und Grad der Gewaschenheit, haben aber fast alle die selbe Länge: deutlich über die Schulter. Die 750 Männer setzen fast synchron die Bierdosen an den Mund, als würden sie durch das Blech noch einmal tief Luft holen, und dann kommt er, der Schlachtruf, der das Ziel der Wallfahrt bezeichnet: "Wackööööööööön!".
Wacken, das ist ihr Mekka. Ein kleiner Ort nahe Itzehoe in Schleswig-Holstein, knapp 2000 Einwohner und ebenso viele Kühe. Ein Ort, den keiner kennen würde, wäre da nicht das Wacken Open Air, mit 65 000 zahlenden Zuschauern das größte Heavy Metal-Festival der Welt. Heute Abend wird es mit dem Auftritt von Machine Head seinen Höhepunkt finden.
Am Dienstag Abend reisten sie die Langhaarigen, die Nietenbewehrten, die Bärtigen mit der Bahn in den Norden. "Metal Train" nennen seine Veranstalter den Sonderzug. Den "lautesten Zug der Welt" tauften ihn die Fans, nur die Bahn ist da nüchterner: "Sonderzug 2220, Stuttgart-Itzehoe, Abfahrt 22:01 Uhr" steht auf der Anzeigetafel, am Hauptbahnhof Stuttgart, Gleis 1. Ankunft in Itzehoe 08:50 Uhr, Zwischenhalte in Mannheim, Mainz, Koblenz, Köln und Essen. An Bord: 750 Metal-Fans, vornehmlich schwarz gekleidet, zwei Bars mit 36 Flaschen Whisky und 2000 Litern Bier vom Fass, die selbe Menge Alkohol noch einmal in Dosen in den Rucksäcken.
Für das Inferno aus Bier, Schweiß und lauten Gitarren ist unter anderem Tom verantwortlich, nach Eigenauskunft Metaler von Geburt an. Tom ist 40 Jahre alt, rechts zwei Ohrringe, links vier, und wenn seine "Metal Train"-Baseballkappe etwas nach oben rutscht, sieht man, dass sich kurz über Haargummi schon ein paar lichte Stellen auftun. Er ist wie alle anderen Helfer auch in der Cannstadter Kurve im Gottlieb-Daimler-Stadion sozialisiert, jahrelang organisierten sie Sonderzüge zu den Auswärtsspielen des VfB Stuttgart. Und seit 2002 nun auch den Metal Train, weil sie alle die selbe Musik hören und sowieso jedes Jahr zum Wacken Open Air fahren.
Bei einem privaten Anbieter haben Tom und seine Crew 14 Waggons gemietet, bei denen nicht mehr viel kaputt gehen kann. Es sind die guten alten Wägen aus den 60ern, die mit der direkt zu den Gleisen führenden Klappspülung auf der Toilette und den Seifenspendern, bei denen Pulver heraus kommt, wenn man unten dreht. Dazu drei Liegewaggons und zwei Discowägen mit Bars und vor allem: mit dicken Boxen.
Tom trägt eine gelbe Warnweste, "Metal Train Crew". Die ist gar nicht nötig, um aus den Mitfahrern heraus zu stechen, schon das Alter wäre Unterscheidungsmerkmal genug. Die meisten Fans im Metal Train haben ihre Volljährigkeit erst vor kurzem gefeiert. Und sie stürzen das Bier mit einer Begeisterung in sich hinein, wie sie nur in diesem Alter zu finden ist. Aus Dosen, aus Plastikbechern und gerne auch aus Trinkhörnern. Zur Verständigung wird grundsätzlich gebrüllt, denn erstens müssen Zug und Gitarren übertönt werden, zweitens gehört das zum Metaler-Knigge. Zumindest, bis man heiser ist.
"Bier bringt ja nix"
Trotz ihrer Bürgerschreck-Optik sind die Metaler ausgesprochen höflich, wenn es etwas zu fragen gibt. Tom sitzt gerade mit seinen Kollegen im "Headquarter" in Wagen sechs, als es klopft. Es tue ihnen sehr leid zu stören, sagen zwei junge Metaler in schweizerdeutschem Singsang, aber in Wagen fünf, Abteil eins habe sich einer "Ja, wie sagt man dazu auf Hochdütsch?" da habe sich einer, genau, erbrochen. Tom schickt zwei Sanitäter aus, die übergeben die Bierleiche beim nächsten Halt in Mainz ihren dortigen Kollegen. "Eine Person, Zustand nach C2" heißt das im Sani-Sprech, C2 als Abkürzung die chemische Formel für Alkohol, C2H5OH.
In Diskowagen Eins ist Mike mit der Lautstärke zufrieden, nur die Tonqualität kann er aus seiner plexiverglasten DJ-Kanzel nicht beurteilen. Mike aus Fribourg heißt heute bis Itzehoe DJ Frosti und ist dafür verantwortlich, dass die nächsten elf Stunden die Haare ordentlich geschüttelt werden. DJ Frosti trägt einen schwarzen Gehrock und Amulette aus Tierknochen, die er in seinem Beruf als Projektleiter für Automatisierungstechnik wohl eher seltener tragen dürfte. Saufen will er bis zum Umfallen. Gefahr, ebenfalls als Bierleiche zu enden, sieht er nicht: "Bier bringt ja nix, da kannst ich Hektoliter von trinken", sagt DJ Frosti, und fährt Iron Maiden hoch. Das mit dem Umfallen wird schwer. Schon kurz hinter Mannheim klebt der Boden wie Patex. Ein blondes Girl mit Cowboyhut sticht aus homogenen Menge heraus, sie trägt ein weißes Oberteil und kein schwarzes Band-T-Shirt wie sonst alle. Und anstatt im Takt die Haare zu schütteln, knutscht sie einen Nietengürtel-Träger sehr ausdauernd und sehr betrunken.
Der Metal Train hält ein zweites Mal außerplanmäßig, Bahnhof Neuwied. Eine zweite Person hat "Zustand nach C2". Die örtlichen Sanitäter zwicken den auf der Bahre liegenden Betrunkenen kräftig in den Oberarm, der brüllt vor Schmerz. Der sei doch noch ansprechbar, sagen die Sanis, den nähmen sie nicht mit. Also wieder zurück in den Metal Train, Verspätung mittlerweile: 50 Minuten.
Davon kriegen Dominik aus Heidenheim, 21 Jahre alt und 19 Nieten an der Jeanskutte, und Robin, 19 und mit erstem Flaum auf der nackten Brust, nichts mit. Dominik sagt, Heavy Metal sei sein Beruf, er sei Gießer, und somit der echteste Metaller hier an Bord. Robin fängt daraufhin sofort beigeistert an, von der neuen Energie-Effizienz-Klasse zu erzählen, die seine Firma für ihre Kühlschränke erhalten hat. Die beiden stellen den absoluten Norm-Wacken-Besucher dar: Männlich, um die Zwanzig, Facharbeiter und aus einer Kleinstadt. Burladingen, Oberboihingen, Kornwestheim die Namen der Heimatorte auf den Reservierungszetteln auf den Abteiltüren zeigen, dass Metal in erster Linie nicht die Musikrichtung von Großstädtern ist. Dominik zwirbelt den 20 Zentimeter langen Bart, der mit der dunkelblonden Mähne sein bleiches Gesicht einrahmt und sagt, dass er 200 Euro für Bier dabei habe. Wie viele der wilden Metaller hat er es ordentlich in einem Brustbeutel verstaut.
Metaller so platt wie das Münsterland
Um 5.45 Uhr färbt sich der Horizont draußen leicht rosa. Sonnenaufgangsidyll, ein paar Rehe springen durch die stille Landschaft. In Discowagen Eins hält DJ Frosti die 112 Dezibel. Die meisten Metaller sind inzwischen so platt wie das Münsterland, das an den Fenstern des Metal Train vorbeizieht.
In den Abteilen bieten sich pittoreske Bilder: Schlafende Langhaarige in allen möglichen Verrenkungen, quer über Bänke und Gepäck, Springerstiefel und aufblasbare Gitarren dienen als Kopfkissen. Mehrere Mähnen vermischen sich zu einem einzigen Haarknäuel, auf dem Boden schwimmt ein Schild mit der subtilen Aufschrift "Ficken!" auf einem Gemisch von Kippen und Kotze. Als der Zug langsam wieder aufwacht, gibt es im Barwagen Frühstücksbier und dazu eine Fünf-Minuten-Terrine. Noch 20 Minuten bis Itzehoe. Dann: Einfahrt in den Bahnhof. Fenster auf, Fäuste raus. "Wackööööööööööön!" Etwas heiser zwar, aber immer noch laut.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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