Wenn es weltweit im August ein Thema für die Heavy Metal Gemeinschaft gibt, dann ist die Antwort von Chile bis Pinneberg unisono: das Wacken Open Air. Nach gutem Start musste das Festival letztes Wochenende von Mutter Natur eine fette Ohrfeige wegstecken. Kurze, aber heftige Regenschübe verwandelten das komplette Gelände in eine ausgedehnte Fangopackung. Großartig war’s natürlich trotzdem.
Auf dem Zeltdach sammelt sich Wasser. Meinungen gehen auseinander, ob es sinnvoll ist, die Decke per Fingerdruck zu erhöhen, um einen seitlichen Abfluss zu bewirken. Doch Glück gehabt. Der Regen lässt nach. Im Hauszelt nebenan sorgen Metal Fans aus Kolumbien mit röchelnden Schnarchlauten für interessante Soundkreationen. Und gegenüber widerlegt eine Horde Twens das Klischee vom intoleranten Metal Puristen mit exzessiver Schlagerbeschallung. Caterina Valente und Roberto Blanco füllen den Zeltplatz mit neuem Leben. Keinen stört die Schunkelparade. Alle Gäste bleiben entspannt. Das Grau des Himmels weicht und zartes Blau erfüllt den Morgen.
Mit einem gelungenen Auftakt startete das Festival am vergangenen Donnerstag. Volbeat aus Dänemark und das britische Schlachtschiff Saxon bildeten den kulturellen Rahmen und lieferten ab.
Aus der Wetternot beim Wacken Open Air eine Tugend gemacht: Diese Metaller genießen den neuesten Festival-Freizeitspaß: Schlammcatchen.
Foto: dapdVier Tage dauert das Wacken Festival. Vom Mittwoch bis Samstag. Sonntag entgiften und geerdet die Heimreise antreten. So oder ähnlich läuft die Schose bereits seit 23. Jahren. Das Wetter – ein ständiges Thema. Schleswig Holstein ist schließlich nicht St. Tropez. In der Woche vor Festivalbeginn durfte der Boden bereits 59 Liter pro Quadratmeter einstecken. Doch kalkulierte Drainagemaßnahmen und Pumpen sorgten für einen entspannten Festivalbeginn.
Das Morgengeläut übernimmt die Kieler Black Metal Formation Endstille. Der Kenner weiß sicherlich, wie der Name zu verstehen ist. Liebliches Vogelgezwitscher kann der Naturfreund für die nächsten 16 Stunden vergessen. Kunstnebel, eigenwillige Körperbemalungen und grantiger Gesang lassen manchen Morgendonut vor Schreck in den Café Latte plumpsen.
Fans und Neugierige folgen der Show und unterstreichen die Möglichkeiten des Festivals: Neues entdecken. Rock, Pop- und Stoner Rock, Power-, Speed-, Heavy-, Doom-, Death- und Sludge Metal. Comedy, Spoken Word, Wrestling, Theater, Schwertkämpfe, Performance Art – das Angebot ist riesig. Geselliges Miteinander auf dem Zeltplatz oder im Biergarten, bei zünftiger Blasmusik selbstverständlich, gehört dazu. Metalmarkt erkunden, durch Wacken schlendern und den angenehmen Umgang der Metal Gemeinde genießen, damit ist es in lockerer Weise am frühen Nachmittag vorbei.
Beim Wacken Open Air begegnen sich Rocker und Bauern, Alte und Junge - wir zeigen die große Wacken-Familie. Hier im Bild: Marmeladenverkäufer Willi Schäl (90 Jahre) und Metalfan Joachim Matt.
Foto: ddpNeue Freizeitaktivität dank Regen: Schlammcatchen
Ein kurzer aber kräftiger Niederschlag während der Show der Melodic Power Formation mit dem schönen Namen Kamelot sorgt für erste Auflockerungen der Grasnarbe. Pfützen bilden sich. Sonne und Hitze verschaffen den Gästen ein federndes Lebkuchengefühl beim Wandern. The Bosshoss spielen und schlagen sich tapfer. Mütter und Töchter tanzen. Typen mit Cowboyhut, das geht immer.
Doch als das Metal Schwergewicht Hammerfall die Bühne entert, wird klar, wo der Barthel den Most holt. Die Schweden bringen Heavy Metal auf den Punkt und sorgen für imposante Publikumsströme.
Unglücklicherweise hatte es zuvor beim Auftritt der schwedischen Progressive Death Metal Formation Opeth ein zweites Mal wie aus Kübeln geschüttet. Das Grün der Kuhwiese wich den Schlammassen und offenbarte neue Möglichkeiten für spontane Freizeitaktivitäten: Schlammcatchen. Für Fotofreunde und Torffetischisten gleichermaßen ein großer Spaß.
Man kann es gar nicht häufig genug erwähnen, wie gegenseitiger Respekt und der Spaß am Miteinander das Szenario bestimmen. Das weiß auch Hardcore Legende Henry Rollins während seiner Spoken Word zu unterstreichen.
Bunte Metal-Keksdose
Ob nun Hammerfall, In Flames oder In Extremo das Etappentrikot verdienen, ist völlig uninteressant. Die Metal Keksdose ist bunt, und Geschmäcker bleiben verschieden.
Dennoch, einige Gäste ziehen es vor, die Heimreise anzutreten. „A touch too Matsch“ sorgt für ein kurzfristiges Fahrverbot. Das Wacken Team legt sich ins Zeug. Es werden 25 Trecker für den Notfall bereitgestellt.
In der Nacht regnet es weiter. Die gute Laune der Zeltplatz Twens bleibt entspannt. Es wird entschieden, heute mehr Bands anzuschauen. Einer der Jungs pfeift „Wind of Change.“ Alle lachen und brüllen Scorpions. Der letzte Open Air Auftritt von Hannovers weltbester Rockformation steht auf dem Plan. Kolumbien schnarcht erstmal weiter.
Das nah liegende Gasthaus Waldesruh bietet Frühstück und ein trockenes Plätzchen. Wie auf gesamtes Festivalgelände bestimmen auch hier schwarze T-Shirts mit phantasievollen Siebdrucktechniken das allgemeine Fashion Konzept.
Eine Vater mit zwei Teenagern Formation frühstückt. Eines der Kids legt den Kopf auf den Tisch. Einige Herren fangen an, die ersten Biere zu bestellen. Wenn es weiter regnet, bleiben sie eben im Gasthaus.
Doch die Sonne kommt durch und das Programm geht weiter: Sympathisch Gamma Ray und Napalm Death, gesellig Amon Amarth. Dann die Scorpions, zwei Blitze, ein Wolkenbruch und die finale Ausschüttung ward vollbracht. Machine Head, Ministry und Watain blasen zum finalen Halali. Hilft alles nichts. Alle Socken bleiben nass.
Die Wacken Promoter bedanken sich und weisen auf die nächste Gelegenheit hin, wenn es wieder heißt. Wacken Open Air 2013 - Rain or Shine. Na, hoffentlich mehr Shine. Dir letzte Band, Edguy, spielt, während mir einer der Kolumbianer das Faltsystem meines Pop-up Zeltes erklärt. Verflixt, war der ausgeschlafen.
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