Es gibt digitale Schießstände zum Ausprobieren, Installationen für Softair-Waffen, Gaspistolen-Stände, man steht vor dem "Worlds Fastest Shotgun", einer Winchester, die zwölf Patronen in nur 1,442 Sekunden raushaut. Es gibt Tontauben, vergoldete Sturmgewehre als Sammlerstücke, auch "Pappkameraden" zum virtuellen Totschießen mit aufgedruckten Zielscheiben - ein Wegwerfprodukt, das Stück für 60 Cent plus Mehrwertsteuer, ab 500 Stück durch Mengenrabatt schon für 55 Cent.
Es wird gefachsimpelt, was das Zeug hält. Die Taschen und Tüten füllen sich mit Prospekten. Die Besucher, fast ausschließlich Männer, holen sich müde Füße, überleben dank Bratwürsten und Bier. Es ist, oberflächlich betrachtet, ein bisschen wie auf der IAA in Frankfurt a. M., bloß dass es nicht um PS, Hubraum und die Sekunden von Null auf Hundert, sondern um Kaliber, Lauflänge und Visierlinie geht.
All das verdeckt die Krise nicht wirklich. Die Branche steht vor schwierigen Zeiten. Tim K. und die Folgen kommen nun noch oben drauf. Und deswegen versucht man in Nürnberg nun auch so vehement, der kritischen Waffendebatte gleich die Spitze zu nehmen. Man sammelt seine Bataillone, sozusagen zur Abwehr "reflexartiger" Reaktionen, wie es sie bereits 2002 nach dem Erfurter Attentat gegeben habe.
Der Hintergrund ist: Das Jahr 2008 lief für die deutschen Büchsenmacher mit ihrem hohen Exportanteil noch ganz gut. Umsatz: rund 275 Millionen Euro, nicht mehr, aber auch nicht weniger als 2007, so heißt es bei den beiden Branchenverbänden VDB und JSM, die in Nürnberg vertreten sind. Doch sie befürchten: 2009 dürfte hart werden. Schon wegen der Finanzkrise.
Die Orders der Jäger aus Osteuropa seien schon zurückgegangen, berichtet JSM-Geschäftsführer Klaus Gotzen an seinem Stand in der Messehalle drei. Ein härteres Waffengesetz, etwa wie in Großbritannien eingeführt, fürchten die Verbandsvertreter und Firmenchefs, die auf der Messe in Nürnberg präsent sind, deshalb nun wie der Teufel das Weihwasser. Gotzen sagt: "Wir unterstützen besonnene Politiker, die eine überstürzte Diskussion über eine erneute Verschärfung des Waffenrechts ablehnen."
Eine sichere Bank für Waffenhersteller sind da Leute wie Staatsekretär August Hanning von Bundesinnenministerium, per JSM-Definition ein "besonnener" Politiker. Der parteilose Ex-Geheimdienstler bricht in Nürnberg eine Lanze für das deutsche Waffenrecht. Das habe sich "insgesamt bewährt", es biete eine gute Balance zwischen den Wünschen der Jäger und Sportschützen und dem Bedürfnis nach öffentlicher Sicherheit.
Winnenden - nur ein trauriger Ausreißer, nach dem man wieder zur Tagesordnung übergehen kann? Dass solch eine Haltung zu zynisch wäre, weiß auch Hanning. Sagt dann: "Die sichere Aufbewahrung ist schon ein kritischer Punkt", da müsse man etwas tun. Waffenschränke mit biometrischem Zugang, neuartige Blockiersyteme für Pistolen und Gewehre - darüber müsse man nachdenken.
Doch auch die Waffenlobbyisten und Konzernmanager sind nicht so blauäugig zu glauben, nach der Amoktat könne alles einfach so bleiben, wie es ist. VDB-Chef Jürgen Triebel echote in Nürnberg: Man müsse sich Gedanken über eine "bessere Sicherung der Waffen" machen.
Bernd Dietel ist der Mann, der mit seiner Firma von dieser Erleuchtung gerne profitieren würde. Der Mann hat - Anstoß war der Amoklauf in Erfurt - ein neuartiges Waffen-Blockiersystem erfunden. Seine Firma "Armatix" stellt es auf der IWA-Messe aus. Kernstück ist eine Art Schloss, das bei Pistolen oder Gewehren von vorne in den Lauf gesteckt wird und sich nur per Zahlenkombination oder Fingerscan lösen lässt.
"Hätte der Vater von Tim K. dieses System benutzt, wäre der Amoklauf verhindert worden", behauptet Dietel. Tim K.s Vater, ein Unternehmer, hatte die Pistole ungesichert im Nachtschrank gehabt, offenbar zum Selbstschutz gegen Einbrecher. Mit Dietels Fingerscan-System, sagt Dietel, wäre die Waffe schnell bereit, aber doch gegen unbefugte Benutzung geschützt gewesen.
Dietel ist nicht gut zu sprechen auf die Bosse der großen Waffenkonzerne. Er ärgert sich: "Die Waffenlobby will unser System nicht, weil sie Absatzeinbrüche befürchtet." Aber es gebe Lichtblicke: Auf der Messe habe sich erstmals ein "bedeutender" Hersteller bei ihm gemeldet, der angeblich nun darüber nachdenkt, das Armatix-System serienmäßig mit seinen Waffen anzubieten. Wie realistisch das ist? Dietels System sit nicht billig. Es kostet 300 bis 500 Euro, und das ließe sich, sagen Marktkenner, kaum durchsetzen, wenn nicht alle Konkurrenten mitmachen.
Michael Lüke, Chef des Waffenkonzerns SIG-Sauer, macht auf jeden Fall schon mal nicht mit. Er sagt: "Das hilft uns nicht." Eine Waffe gehöre in einen Tresor, wie vom Waffengesetz vorgeschrieben - "und sonst nirgendwohin".
Und auch bei der italienischen Waffenschmiede Beretta, deren Neun-Millimeter-Modell 92 bei der Winnender Amok-Tat benutzt wurde, hält man von solchen Debatten offenbar wenig. Man fühle natürlich mit den Opfern. "Das ist schrecklich", so ein Vertreter des Unternehmens am Stand in Halle eins. Mit Pistolen und Gewehren sei es aber halt so: "Wir machen Waffen, die kann man für gute und für schlechte Zwecke einsetzen". Das sei "genauso wie bei einem Auto".
Ansonsten versuchen sie bei Beretta, die schlechte Stimmung in der Branche wegzuwerben. Ein gut gelaunter Herr hat am Wochenende die neuesten Entwicklungen der Italiener präsentiert. Zum Beispiel den "Rückstoß-Dämpfer", der, so muss man es sich vorstellen, das Schießen zum reinen Vergnügen werden lässt, das einen nicht mehr unnötig durchschüttelt. Am Beretta-Stand verteilen sie Aufkleber, die Mut machen sollen: "Shoot down the Crisis", steht darauf. Schießt die Krise nieder. Das soll witzig sein. Ist es aber nicht.
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