Eine M4. "Ein echt cooles Teil", sagt Matthias Oster (Name geändert, Red.) "Full Metal Construction", steht über dem Sturmgewehr "M4/M16" mit Kaliber .22, das die US-Waffenschmiede Colt nur in einer Glasvitrine ausstellt. Es ist die amerikanische Militärwaffe - in Vollmetall, will sagen: ohne ein Gramm Plastik, offenbar ein Qualitätsmerkmal. Anfassen ist tabu. Anders als bei den unzähligen anderen Pistolen und Gewehren hier auf den Messeständen. Die kann man aus der Halterung nehmen, ihr Gewicht prüfen, testen, wie sie in der Hand liegen, Kimme und Korn anpeilen. Die M4 nicht. Das scheint sie umso interessanter zu machen.
Oster kommt aus einem Ort in Thüringen. Ein netter junger Mann, schlaksig, lange Haare. Er hat so ein Gewehr noch nie in der Hand gehabt. Aber er kennt die M4 von "Counterstrike", dem Computerspiel. So erzählt er. "Die kann man da im Spiel kaufen, und los geht's." Matthias Oster besucht mit seinen Freunden die größte Waffenmesse der Welt, die IWA in Nürnberg. Eigentlich ist das Mekka für Schießfans nur für das Fachpublikum gedacht, Waffenverkäufer, Polizisten, Jäger, Verbandsleute. Aber irgendwie ist Oster ja auch vom Fach, wenn auch nur virtuell. So viele Baller-Runden mit der M4 hat er schon hinter sich, am PC halt. "Da ist Bums dahinter", lobt er. Die haue rein.
In einem Schützenverein ist Oster nicht, wie man vielleicht denken könnte. Aber Waffen faszinieren ihn. Ihn und seine Freunde interessiert, "wie sie in echt aussehen, welche Technik dahinter steckt". Da ist er hier, wie es aussieht, genau richtig.
Oster und die Freunde, sie alle haben zuhause Counterstrike und andere Egoshooter-Spiele auf dem Computer. Das erzählen sie freimütig. Auch die neue Version, die noch brutaler und "lebensechter" ist als die alte. Nur die eine junge Frau nicht, die auch zur Gruppe gehört. Aber alle sind sich einig: Die Computerspiele sind harmlos für Leute, die gut mit der richtigen Welt zurecht kommen, die keine psychischen Probleme haben "Das ist wie Fußball spielen", sagt einer, "man reagiert sich damit ab". Und die kleine Gruppe der Thüringer ist so gut drauf, dass man geneigt ist, ihr zu glauben, ein Unbehagen unterdrückend.
Das Metier fasziniert die jungen Leute. Oster greift beiläufig in seine Hosentasche, holt ein paar Schuss Munition heraus, spielt mit ihnen in der Hand. Die golden glänzenden Projektile hat er aus Halle drei, da stellen die Munitionshersteller aus, und man kann sich mit ein paar Mustern eindecken. "Ist doch nichts dabei", heißt es in der Gruppe. Und überhaupt: Die ganze Debatte über Ballerspiele, die auch der Amoktäter Tim K. spielte, die angebliche Verrohung der Jugend und ein schärferes Waffenrecht, die nervt die Besucher aus Thüringen. "Man muss doch auf dem Teppich bleiben", sagen sie.
Trotzdem. Das Thema ist gesetzt. Schlechter hätten die Organisatoren die "Weltleitmesse für den Bereich Jagd- und Sportwaffen" (Eigenwerbung) nicht terminieren können. Als sie am Freitag begann, lag der Amoklauf von Winnenden, der die Republik und die Welt aufwühlt, erst zwei Tage zurück - ausgeführt mit einer der "legalen Waffen" für den Schießsport, wie sie hier in Nürnberg beworben werden. "Überschattet" werde die IWA von den Ereignissen in der schwäbischen Provinz, heißt es im Aufmacher der Messe-Zeitung zum Eröffnungstag. Es ist Halbmast geflaggt an den Hallen.
Entsetzen, Erschütterung, Mitleid, natürlich auch hier. "Unser Mitgefühl und unsere Trauer gelten den Angehörigen der Opfer und denjenigen, die diesen verheerenden Amoklauf hautnah miterleben mussten", lässt der Verband deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler (VDB) wissen. Bei der Eröffnung der Messe gedenkt man der Toten in einer Schweigeminute. Und an den Ständen der mehreren hundert Waffenhersteller - von Afthermath über Heckler & Koch und Smith & Wesson bis Zastava Oruzje - spricht man natürlich über die Bluttat. Und nicht nur, wenn Journalisten danach fragen.
Indes: Die Aussteller und Besucher wollen ihren Job machen. Der ist: nicht zweifeln, sondern anpreisen, locken, verkaufen - und ordern. Die Wahnsinns-Bluttat, bei dem Tim K. mit einer vom Vater geklauten Pistole 15 Menschen und dann sich selbst erschoss, soll nicht das beherrschende Thema sein. Der Spuk möge schnell verfliegen, beschwor Maggy Spindler, Herausgeberin einer Waffenzeitschrift, denn auch beim offiziellen Messerundgang zum Auftakt bessere Zeiten. Man hoffe, dass die Aussteller "den Schatten abschütteln" und "möglichst fröhlich" das tun können, wofür sie nach Nürnberg gekommen sind.
Das muss man den Ausstellern aus dem In- und Ausland nicht zweimal sagen. Sie tun es. Die Stände glitzern und gleißen - und sind dicht mit Besuchern belagert. Der Geldbeutel bestimmt. Pistolen gehen so ab 750 Euro los, der Smith & Wesson-Revolver 317, zum Beispiel ("die Legende", neu aufgelegt, sagt ein Besucher) kostet 779. An den Wänden Gewehre über Gewehre, auch teure Geräte, etwa die des noblen britischen Jagdwaffen-Herstellers Holland & Holland, die nicht ausgepreist sind, aber, wie es heißt, schon mal auf 80 000 Euro kommen können.
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