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Waris Dirie: Eine gemachte Frau

Nomadentochter, Model, politische Kämpferin. Die Verfilmung der "Wüstenblume" von Waris Dirie handelt von der Praxis der grausamen Beschneidung junger Mädchen. ( mit Trailer) Von Ania Faas

Waris Dirie wird Ende der 80er Jahre von einem Fotografen in London entdeckt und zählt schon bald zu den ersten schwarzen Supermodels.
Waris Dirie wird Ende der 80er Jahre von einem Fotografen in London entdeckt und zählt schon bald zu den ersten schwarzen Supermodels.
Foto: getty

In die Klatschpresse geriet Waris Dirie zuletzt, als sie 2008 spurlos aus einem Hotel in Brüssel verschwand. Erst nach drei Tagen tauchte die Somalierin reichlich derangiert wieder auf und berichtete von einer Vergewaltigung, davon, dass die belgische Polizei sie schlecht behandelt habe. Wenige suchten Beweise für ihre Aussagen, niemand fand welche. Doch Millionen sahen ein Video, das auf dem Internetkanal Youtube lief: Bilder des zerzausten und verstörten Ex-Models im Krankenbett, vermutlich die Folgen eines Nervenzusammenbruchs. Jetzt, da ihre Autobiografie "Wüstenblume" in die Kinos kommt, beschäftigt einige Medien die Frage, ob die 44-Jährige dem erneuten Vermarktungsrummel überhaupt gewachsen ist.

Der Film gibt darauf eine ironische Antwort. In einer langen Sequenz wird die Flucht des Nomadenmädchens Waris durch die Wüste geschildert. Tage- und nächtelang irrt sie umher, mit blutigen Füßen, ohne Wasser und Essen, um schließlich mehr tot als lebendig die Großstadt zu erreichen. Dann springt der Film in die Gegenwart nach London. Eine Freundin besucht die nun erwachsene Waris Dirie, lässt sich im Mantel auf das Bett fallen und stöhnt: "Mann, bin ich kaputt. Den ganzen Tag auf den Beinen." Diries milde spöttisches Lächeln sieht nur der Zuschauer - und es wird klar: Mit gewöhnlichen Maßstäben lässt sich diese Frau nicht messen.

Zur Person

Waris Dirie, 44, wird Ende der 80er Jahre von einem Fotografen in London entdeckt und zählt schon bald zu den ersten schwarzen Supermodels.

1997 erscheint ihre Autobiografie "Wüstenblume", in der sie von ihrer Genitalverstümmelung und der Flucht aus der somalischen Wüste bis nach London berichtet. Diries Buch wird ein Bestseller und löst eine weltweite Debatte aus über das grausame Ritual, das jährlich tausende Mädchen das Leben kostet.

Als UN-Sonderbotschafterin reist Dirie zwischen 1997 und 2003 um die Welt, um gegen die weibliche Genitalverstümmelung zu kämpfen.

Im März 2008 verschwindet Dirie in Brüssel, wo sie als Rednerin ins EU-Parlament eingeladen war. Erst nach drei Tagen taucht sie völlig verwirrt wieder auf.

Der Film "Wüstenblume" ist ab 24. September auch in deutschen Kinos zu sehen. (boh)

Sie ist eine öffentliche Person. Überall auf der Welt wird sie erkannt, begrüßt, bewundert, gehasst, beneidet. Als hochbezahlter Star der Laufstege und Hochglanzmagazine wurde sie Teil des Jetsets. Ende der 90er Jahre erschien ihr Buch "Wüstenblume", eine von Co-Autoren protokollierte Lebenserzählung, und wurde ein internationaler Bestseller. Auch die Folgebände "Nomadentochter" und "Schmerzenskinder" verkauften sich blendend.

Bittere Pillen schlucken sich leichter mit Zucker, sagten sich wohl die Verlage und druckten auf die Buchcover Diries ebenmäßiges Gesicht. Hinter dieser schönen Hülle liegen Seiten, auf denen es schonungslos zugeht, auf denen Abstoßendes, Empörendes erzählt wird. Denn Diries Bücher handeln von der weltweit verbreiteten Praxis der Beschneidung junger Mädchen. Seit die Somalierin es gewagt hat, ihre Stimme gegen dieses Ritual zu erheben, symbolisiert sie einen Kampf, in den sich unter anderem auch die UNO eingeschaltet hat.

Eine Gratwanderung

Dirie gilt als hartnäckige Streiterin in dieser Sache; einem weiteren Dickschädel, dem Münchner Peter Herrmann, ist es zu verdanken, dass "Wüstenblume" - trotz Diries anfänglicher Skepsis - von einem deutschen Team verfilmt wurde. Herrmann, studierter Ethnologe und Oscarpreisträger ("Nirgendwo in Afrika"), erzählt, welche Überredungskünste notwendig waren, um Diries Misstrauen ("Könnt ihr das denn auch wirklich auf Englisch drehen?") zu zerstreuen.

Mit der ersten Drehbuchfassung im Gepäck seien er und die Regisseurin Sherry Hormann nach Wien gefahren. "Jetzt ist Waris nicht gerade eine Frau der Schrift", schmunzelt er, "also haben wir ihr das Drehbuch einfach vorgespielt. Zu zweit, zwei Tage lang." Der Funke sprang über und Herrmann machte sich daran, das für deutsche Verhältnisse gewaltige Budget von elf Millionen Euro aufzutreiben. "Und mir war gleich klar, das wird eine Gratwanderung, das darf kein süßes Melodram werden und auch kein Kampagnenfilm."

Dirie selbst hofft, dass mit dem Kinofilm die Aufmerksamkeit für ihr Anliegen wieder steigt. Vor allem in den westlichen Ländern. Seit über zehn Jahren reist sie um die Welt, um Männer und Frauen davon zu überzeugen, wie grausam die Genitalverstümmelung ist. Auch Deutschland hat, im Gegensatz etwa zu Frankreich, keine ausreichenden Kontrollinstanzen und verhängt kaum Sanktionen gegen Familien oder Ärzte.

Dirie muss sich dem Trauma immer wieder stellen

Für Dirie bedeutet diese Mission, dass sie sich immer wieder aufs Neue einem Trauma stellen muss. Sie wurde als Nomadentochter in der Wüste geboren, lebt aber seit Jahrzehnten im Westen. Sie wurde dazu erzogen, beim Gespräch mit einem Mann die Augen niederzuschlagen, und spricht jetzt auf großen Kongressen vor den meist männlichen Entscheidern der internationalen Politik.

Doch musste sie schmerzlich erfahren, dass beim Einreißen von Mauern sowohl gute als auch böse Kräfte freigesetzt werden. Von der Faszination für diese Energien schreibt sie selbst freimütig in ihren Büchern. Wie sie schwimmen lernen wollte und als Erstes vom Drei-Meter-Brett sprang - "der Bademeister musste mir das Leben retten". Wie sie dem Alkohol verfiel, weil sie die Zerrissenheit zwischen beiden Kulturen nicht ertragen konnte. Wie sie das Opfer eines Stalkers wurde, weil sie zu leichtgläubig war. Immer wieder gab es Momente, sagt ihr Produzent, "da wär´ sie am liebsten ausgebüxt und wollte von allem nichts mehr wissen". Und immer wieder hat sie die Krisen überwunden.

Nach westlichen Maßstäben ist sie eine "gemachte Frau", weil sie erreicht hat, was man hier für Glück hält: Reichtum, Karriere, eine gute gesellschaftliche Stellung. In ihrem Herkunftsland gilt eine Frau als "gemacht", wenn sie bei der Beschneiderin war, die sie von ihrer "Unreinheit" befreite.

Waris Dirie selbst strebt nach "Harmonie und Frieden", ein Ziel, dem sie kein Stück näher gekommen zu sein scheint. Ihr Leben lässt selbst den opulenten Spielfilm aus allen Nähten platzen. Doch ein Happy End, wie wir es kennen, kann es hier nicht geben.

Wüstenblume (Trailer)

Autor:  Ania Faas
Datum:  17 | 9 | 2009
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