Es gibt in dem Musikvideo zu „Bad Romance“ eine Szene, in der Sängerin Lady Gaga in einer Badewanne sitzt. Sie starrt in die Kamera, singt: „Ich will deine Hässlichkeit. / Ich will deine Krankheit.“ Und wer ihr dabei tief in die Augen schaut, fragt sich tatsächlich: Warum ist die so hässlich? Ist die krank? Vor allem Gagas Augen scheinen plötzlich viel größer als bei gewöhnlichen Menschen. Die Iris wirkt sogar derart überproportioniert, dass der Popstar an eine Manga-Comicfigur aus Fernost erinnert.
Im November 2009 erschien die Single samt Video. Das Lied war weltweit ein Hit. Im Januar tauchte dann ein siebenminütiges Amateurfilmchen im Internet auf. Der Titel: „Lady Gaga Bad Romance Look’“ Es zeigt, wie sich jedes Mädchen durch ein paar kleine Handgriffe in die große Lady mit den noch größeren Augen verwandeln kann. Das unverzichtebare Accessoire: „Circle Lenses“, farbige Kontaktlinsen mit abgedunkelten Rändern, die die Iris optisch vergrößern. Seit dem „Bad Romance“-Video sind sie nicht nur in Asien, sondern auch in den USA heiß begehrt.
An nordamerikanischen Schulen und Universitäten wachse die Zahl der Circle-Lenses-Träger wöchentlich, berichtete jüngst die New York Times. Nicht selten besäßen junge Frauen gleich diverse Linsenpaare. Und auch in Deutschland steigt offensichtlich der Absatz der bunten Kontaktlinsen aus Fernost, es finden sich unzählige Lobeshymnen zum Beispiel auf der Videotauschbörse Youtube. Eine Frau, die sich XoxO Tutu nennt, findet ihre Circle Lenses „einfach genial“. In einschlägigen Foren tauschen sich junge Mädchen und Frauen seitenlang über die Riesenlinsen aus. Sie nennen Bezugsquellen, veröffentlichen Bilder, versprechen Rabatte für Massenbestellungen, die meisten schwärmen: „Die großen Augen sehen einfach toll aus.“ Dass bei Lady Gagas Augenvergrößerung auch per Computer nachgeholfen wurde, spielt keine Rolle. Auch dass die Linse weder in Deutschland noch in den USA zugelassen und daher nur halblegal bei Händlern in Asien zu bekommen ist, mag eine ärgerliche Hürde sein, jedoch kein wirkliches Hindernis.
Im Angebot sind Dutzende Kategorien
Diverse Online-Shops bieten die Circle Lenses in allen nur erdenklichen Farben an. Eine davon ist circlecon.com, eine Seite, die in Vietnam registriert ist. Dort gibt es fast drei Dutzend Linsen-Kategorien, sie heißen Glamorous, Magic oder Princess und werden beinahe in jeder Sehstärke angeboten. Sunflower Blue für 43 US-Dollar das Paar und Barbie Eye Brown für 42 US-Dollar sind derzeit besonders beliebt. Es gibt sogar Linsen für bis zu minus 14 Dioptrien, ein Paar kostet 38 US-Dollar. Um die Linsen bei circlecon.com zu bestellen, genügt eine Anmeldung beim Online-Bezahlsystem Paypal. Ratschläge vom Optiker kriegt man hingegen nicht.
Doch gerade die wären nötig, findet Christian Ohrloff. Ohrloff leitet das Zentrum für Augenheilkunde der Frankfurter Uniklinik. Der Professor arbeitete schon dort, als bunte Kontaktlinsen en vogue waren und dann Linsen mit kleinen integrierten Icons, einem Stern etwa oder Dollarzeichen, und schließlich fluoreszierende Linsen. An diesen so genannten Fantasylinsen hatten Ärzte wie Christian Ohrloff nichts weiter auszusetzen, so lange man sie beim Optiker kaufte und die notwendigen Pflegehinweise beachtete. „Auch Circle Lenses“, sagt Ohrloff, „sind im Prinzip unbedenklich“. Aber eben nur im Prinzip.
16,5 Millimeter Durchmesser
Der Wunsch des Menschen nach großen Augen ist ein uralter – und genauso alt ist die Bereitschaft, dafür medizinische Risiken in Kauf zu nehmen. Bereits die antiken Römer träufelten sich ein Serum, das sie aus der Tollkirsche gewannen, in die Augen. Die Iris weitete sich, wie sie es bei Dunkelheit tut. „Gerade die Asiaten“, weiß Ohrloff, „wollen große Augen haben, das ist ihr Schönheitsideal.“ Weshalb Comiczeichner aus Fernost ihren Figuren eine riesige Iris verpassen, Augenoperationen boomen und die Menschen in der Region sich Circle Lenses mit dunklen Rändern über die Netzhaut stülpen.
Bis zu einem Durchmesser von 14 Millimetern sind Circle Lenses – bei entsprechender Beratung – in etwa so unbedenklich wie konventionelle weiche Kontaktlinsen. Medizinisch problematisch sind größere Durchmesser, Hyper Size heißt die entsprechende Rubrik bei circlecon.com. Die Linsen, preist der Anbieter, seien in Japan ein Topseller, nirgendwo gäbe es breitere Modelle zu kaufen, der Durchmesser beträgt sagenhafte 16,5 Millimeter.
„Je größer, desto problematischer“, warnt Christian Ohrloff, denn je mehr Fläche die Linse bedeckt, desto schlechter wird das Auge mit Sauerstoff versorgt. Es kann zu Entzündungen der Hornhaut kommen, „im schlimmsten Fall“, sagt Ohrloff, „zur Perforation der Hornhaut“. US-Wissenschaftler sprechen sogar von Er-blindungsgefahren. Von Circle Lenses raten sie daher grundsätzlich ab.
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