Bethlehem. Die Friedenstaube mit der umgeschnallten Schussweste markiert noch immer die Straßenecke auf dem Weg vom Militärcheckpoint zur Bethlehemer Geburtskirche. Der berühmte Banksy, ein Graffiti-Künstler aus Bristol, hat sie an Weihnachten vor zwei Jahren auf einer nackten Hauswand hinterlassen. Die palästinensischen Anwohner wussten erst nicht, was sie von diesem hingesprühten "Geschenk" halten sollten. Aber als nicht wenige Touristen nur wegen der Taube in Kriegsmontur stoppten, begann sie ihnen zu gefallen.
"Sie macht sich ja auch nicht schlecht an dieser Stelle", sagt der Inhaber des Souvenirladens nebenan und deutet mit einem Grinsen auf den israelischen Wachturm schräg gegenüber - den Armeeposten am Grab der jüdischen Stammesmutter Rachel. Damit es auf israelischer Seite bleibt, beult sich die Mauer hier tief ins Stadtgebiet von Bethlehem aus.
Der Heiligabend fängt in Bethlehem mittags an. Dann ziehen die palästinensischen Pfadfinder mit Dudelsack und Trommeln los zur Begrüßung des Lateinischen Patriarchen. Wächter in farbenprächtiger Uniform stehen parat, um mit Säbeln symbolisch den Weg frei zu machen. Reiter gehören auch zur Parade. Die Einfahrt des Patriarchen samt Bischöfen ist das Ereignis in der Geburtsstadt Christi wie in Köln der Karneval.
Auf dem Platz vor der Geburtskirche singen vom Nachmittag bis 22 Uhr Chöre, Markthändler bieten Getränke, gedämpfte Maiskolben und Grillspieße an. Zur Nachtmesse in der Katharinenkirche rollen Limousinen mit Prominenz vor, die nicht unbedingt katholisch ist, aber eine Eintrittskarte hat. Der Ehrenplatz ist für Präsident Mahmoud Abbas reserviert, neben ihm der Bürgermeister.
Nicht nur für Christen ist Heiligabend in Bethlehem eine Attraktion, auch für schaulustige Moslems, die sich über Abwechslung freuen - und mitunter über die Gelegenheit, ein Bier in den von Christen geführten Lokalen zu trinken. Man feiert mehr auf den Straßen als daheim, zwischen aufgeblasenen Riesenweihnachtsmännern und bunt blinkender Weihnachtsdekoration.
Wem das alles zu lärmig ist, der kann ausweichen aufs Hirtenfeld in Beit Sahour. Dort ist die heilige Nacht noch still - abgesehen von Pilgergrüppchen aus aller Welt, die auf dem Weg zu den Gebetsgrotten "Stille Nacht" auf koreanisch oder portugiesisch anstimmen. (geg)
In Richtung Grabeskirche wird es idyllischer. Die Hauptstraße ist gefegt und geschmückt, wie zum Beweis, dass Bethlehem sich nicht unterkriegen lässt. Von den Straßenlaternen hängen wechselweise rote und weiße Lichterketten. Der Krippenplatz ist ebenfalls schwer herausgeputzt.
Bethlehem, alle Jahre wieder. Nur dass man sich dieses Jahr, trotz des Gefühl eingeschlossen zu sein, eine Portion Optimismus erlaubt. "Wir haben große Hoffnung, dass die Lage besser wird", sagt Touristenführer Achmed Subih. Mit Wohlgefallen registriert er jede neue Besuchergruppe, die zur Geburtskirche spaziert. 70.000 Pilger wurden an den Weihnachtstagen im Vorjahr gezählt. 2009 werden es vielleicht noch mehr.
Eyad Sirhan, Chef der israelischen Militärverwaltung im Distrikt Bethlehem, hat zugesagt, die Abfertigungsprozedur am Checkpoint für die Festzeit zu erleichtern. "Alle Soldaten, die Dienst tun, werden entsprechend sensibilisiert." Auch soll es freie Passierscheine für arabische Christen geben, inklusive für einige hundert aus Gaza. Ermöglicht habe das, so Sirhan "die sehr gute Kooperation mit palästinensischen Sicherheitsbehörden".
Hotelbetten fehlen
Bethlehems Bürgermeister Victor Batarseh findet zwar, dass das alles die fünf Kilometer lange Mauer, mit der Israel die Geburtsstadt Christi abriegele, nicht vergessen macht. Lieber solle man "Brücken von Frieden, Liebe und Verständnis errichten", lautet die Weihnachtsbotschaft des 75-Jährigen an die Welt.
Aber Batarseh, der Bethlehem gerne die "spirituelle Hauptstadt der Christenheit" nennt, hat auch Sinn fürs Marketing. Mehr Hotelbetten müssten her, die knapp 5000 vorhandenen reichten nicht aus. Nicht nur, weil an Weihnachten 2009 kein Raum in Bethlehems Herbergen zu kriegen ist, sondern weil die Nachfrage insgesamt steigt. Immer mehr Heiliges-Land-Touristen weichen bei der Übernachtung ins preisgünstigere Bethlehem aus.
Umso weltoffener geben sich die eingeschlossenen Bethlehemer. Die Moslems sind längst in der Mehrheit. Doch Weihnachten gefällt auch ihnen, schon wegen der Kulturenmixtur, die die vielen exotischen Gäste bescheren. "Natürlich bedeutet es für jeden hier was ganz Besonderes, ein Bürger von Bethlehem zu sein", erklärt Tour-Guide Issa Daud Mussa stolz. Er ist kein Christ. Aber Jesus komme ja auch im Koran vor. "Und deshalb sind wir Brüder."
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