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Welthungerhilfe: Hilfsgüter nur an Frauen

Humanitäre Helfer und Stacheldraht? Welthungerhilfe und schwer bewaffnete Soldaten? Ja! Wir sind sehr froh darüber, dass sie hier sind. Von Ralph Dickerhof

UN-Blauhelme sorgen in Haiti für einen geregelten Ablauf der Hilfsgüterverteilung (31.01.2010).
UN-Blauhelme sorgen in Haiti für einen geregelten Ablauf der Hilfsgüterverteilung (31.01.2010).
Foto: getty

Vor einer Woche habe ich meine Kollegin Simone Pott hier in Haiti abgelöst. Heute steht eine Verteilung in der westlich von Port-au-Prince gelegenen Stadt Petit-Goave an, an der ich teilnehme. Wir kommen rechtzeitig in der Schule an. Bei dem Verkehr rund um Port-au-Prince und den Unwidrigkeiten unterwegs nicht selbstverständlich. Die Schule ist ideal für eine Verteilung: U-förmig liegt sie auf einem Hang, womit wir von hinten und der Seite geschützt sind und nach unten einen guten Überblick haben. Schwer zu schätzen, wie viele Menschen bereits rund um die Schule warten - es sind Hunderte. Birgit Zeitler, meine Kollegin aus dem Nothilfe-Team und ich warten auf die Anderen.

Neben Thomas Hörz, der gleich mit den LKWs kommen wird, und den KollegInnen unserer Partnerorganisation Mouvman kole zepol (M.Ko.Ze), die uns helfen werden, sind das vor allem - Militärs! Da kommt schon der Jeep mit dem Sergeant der sri-lankischen UN-Blauhelme samt drei Kollegen. Verdammt, das werden doch nicht alle sein? Nein, da hinten kommt ein Lastwagen mit insgesamt 20 weiteren Blauhelmen. Sie springen von der Ladefläche und fangen gleich an, Stacheldraht rund um die Schule zu ziehen.

Bündnis Entwicklung hilft

Für FR-online schreiben Mitarbeiter der dem "Bündnis Entwicklung hilft" angehörenden Entwicklungshilfeorganisationen über ihre Eindrücke aus Haiti.

Zum Bündnis gehören Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und die Welthungerhilfe. Sie leisten gemeinsam akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.

Spendenkonto: Stichwort "Haiti", Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.

Weitere Berichte von Helfern vor Ort finden Sie im Haiti-Spezial der Frankfurter Rundschau

Moment mal: Humanitäre Helfer und Stacheldraht? Welthungerhilfe und schwer bewaffnete Soldaten? Ja! Wir sind sehr froh darüber, dass sie hier sind; haben uns am Tag zuvor mit ihnen besprochen, wie wir die Verteilung durchführen wollen. Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass es hier derzeit unmöglich ist, "einfach so" Nahrungsmittel oder eine Notausrüstung an die wirklich Bedürftigen zu verteilen, denn die können sich gegen die Stärkeren, die Dreisten, nicht durchsetzen. Deshalb helfen uns die Soldaten unter dem Schirm der UN-Mission auf Haiti, so dass wir hier schnell und geordnet arbeiten können.

Und deshalb haben wir uns auch dazu entschlossen, nur an Frauen zu verteilen: Die sind vernünftiger, nicht so gewalttätig wie (junge) Männer - und bei ihnen sind die verteilten Waren gut aufgehoben. Die Kollegen von M.Ko.Ze haben tags zuvor 850 Familien identifiziert, die heute große, robuste Planen und Seile erhalten werden. Dabei gibt es klare Kriterien: Alte (alleinstehende) Frauen, Schwangere, Kranke, Familien mit vielen Kindern und solche, die noch gar nichts bekommen haben, haben Vorrang. Sie sind auf eine Liste gekommen und haben für die Verteilung kleine Kärtchen mit einer Nummer, unserem Stempel und ihrem Namen erhalten. Dadurch wissen wir heute, wer zu Recht in der Schlange steht. Kein Zettel, keine Planen - so geht es einfach und gerecht zu. Dennoch ist der ganze Stadtteil auf den Beinen - unter lautstarken Kommentaren, Rufen und viel Gedränge und Geschiebe.

So eine Verteilung soll so schnell wie möglich gehen: Zum Einen, damit niemand unnötig lange in der Schlange und damit in der Hitze stehen muss. Zum Anderen, damit nicht doch zunehmende Unruhe und damit Probleme entstehen könnten. Ich bin aber dennoch verblüfft, wie flott die Aktion vonstatten geht - 850 Familien sind ja nicht gerade wenig.

Von rechts kommen sie, eine nach der anderen, junge, alte, kranke Frauen und lachende Mädchen. Sie geben ihre Zettelchen am Eingang ab, warten in der Reihe - und scheinen sich alle sehr über die Planen zu freuen. Die Regenzeit steht bevor, da ist Schutz für Feuchtigkeit sehr willkommen. Alle, die hier stehen, haben keine Häuser mehr, schlafen auf Platzen oder Wiesen im Freien, oft nur durch ein Laken von den "Nachbarn" getrennt. Aber warum Planen statt Zelte? Ganz einfach: Die sind viel flexibler einsetzbar, können in der Größe variiert und mit den Seilen fixiert werden. Außerdem halten sie länger, denn für die überlebenden Opfer des Erdbebens wird es noch lange dauern, bis sie wieder ein normales Leben führen können.

Nach 1,5 Stunden sind die LKWs leer, alle Planen und Seile verteilt. Die Versammlung löst sich auf, der Stacheldraht wird eingerollt, Kinder schnappen sich blitzschnell die Kartons, in denen die Planen waren. Die Blauhelme verabschieden sich, wir sprechen noch kurz mit dem Dorfkomitee. Wir konnten die Richtigen erreichen, es lief alles ruhig und zügig ab - sehr gut!

Autor:  Ralph Dickerhof
Datum:  3 | 2 | 2010
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