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Welthungerhilfe in Haiti: "Hoffen und Bangen"

Vor kurzem konnten Helfer noch von einer eingeklemmten jungen Frau Nachrichten aufnehmen und an ihren Vater weiterschicken. Doch jetzt ist alles still. Welthungerhilfe-Sprecherin Simone Pott über ihren zweiten Tag in Port-au-Prince.

Simone Pott ist Pressesprecherin der Welthungerhilfe.
Simone Pott ist Pressesprecherin der Welthungerhilfe.
Foto: privat

Ich bin jetzt den zweiten Tag in Port-au-Prince. Gestern habe ich ein luxemburgisches Rettungsteam begleitet, die in einer Berufsschule nach Verschütteten gesucht haben. Vor kurzem konnten Helfer noch von einer eingeklemmten jungen Frau Nachrichten aufnehmen und an ihren Vater weiterschicken. Doch jetzt ist alles still. Ist die Frau bewusstlos geworden? Während die Rettungskräfte mit ihren Spürhunden suchen, stehen 40, 50 Menschen um die Berufsschule herum. Es sind Angehörige von der Frau und ihrer Mitschüler. Alle sind gespenstisch ruhig. Hoffen, bangen.

Doch die Hunde schlagen nicht an. Die junge Frau scheint ihren Verletzungen erlegen zu sein. Mit ihr sind schätzungsweise 30 bis 50 Berufsschüler gestorben. Das Rettungsteam entscheidet weiterzuziehen. Es darf keine Zeit an einem Ort verbracht werden, an dem keine Hoffnung mehr besteht. Vielleicht gibt es unter dem nächsten Gebäude noch Überlebende. Doch die Chancen schwinden mit jeder Stunde. Für die Obdachlosen auf den Straßen ist es ein Glück, dass es nicht regnet. Für die Verschütteten bedeutet es jedoch, dass die Überlebenschancen sinken. Ich spreche mit den Leuten. Sie sind fast emotionslos, alle scheinen noch unter Schock zu stehen.

Neben der riesigen menschlichen Tragödie, die das Erdbeben bedeutet, entsteht jetzt vor allem ein logistischer Albtraum. Das sehe ich schon wenn ich auf die verstopften Straßen blicke. Auf jedem freien Platz kampieren Menschen. Schon vor dem Erdbeben hatte Haiti eine mehr schlecht als recht funktionierende Infrastruktur. Aber jetzt ist alles zerstört. Das bisschen an staatlicher Struktur ist dem Erdboden gleichgemacht. So wurde zum Beispiel das Polizeihauptquartier völlig zerstört.

Die Koordinierung der Hilfe ist eine große Herausforderung für alle Helfer. Wir werden sogenannte Familienpakete verteilen. In einen Plastikeimer kommen Bohnen, Reis, Salz und Öl. Damit werden wir 1200 Familien gut zwei Wochen lang versorgen. Das sind 6000 Personen. Doch zuerst müssen die logistischen Probleme gelöst werden. Wir werden die Hilfsgüter auf dem Landweg von der Dominikanischen Republik hier her bringen. Doch wo können wir die Güter hier lagern und wo werden wir verteilen? Hilfe macht nur Sinn wenn sie gerecht verteilt wird. Wir müssen sehen, dass auch die Schwachen wie Alten und Kranken, die Frauen und Kinder mit berücksichtigt werden. Deshalb werden wir umsichtig vorgehen und uns mit den anderen Organisationen vernetzen.

Die Welthungerhilfe hat Glück gehabt. Kein Mitarbeiter ist ums Leben gekommen und unser Büro steht. Das macht uns die Arbeit leichter. Auch wenn das Büro einer Jugendherberge gleicht. Überall kampieren Menschen. Die Familie eines Mitarbeiters übernachtet in einem Zelt im Garten. Im Büro selber haben, neben einigen Kollegen, mehrere Journalisten Quartier bezogen, weil wir Glück haben und unsere Stromversorgung intakt ist. Jeder hilft jedem. Geschlafen wird nur ab und zu mal ein paar Stunden. Alle arbeiten fieberhaft daran, dass die ersten Hilfslieferungen eintreffen. Ich bin zuversichtlich, dass es bald klappt. Das ist ein Lichtblick für uns alle.

Datum:  17 | 1 | 2010
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