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Welthungerhilfe in Haiti: "Saatgut, dringend gebraucht"

Mit der Regenzeit im März beginnt in Haiti die Pflanzzeit. Höchste Zeit, dass die Bauern dafür alles bekommen. Ralph Dickerhof von der Welthungerhilfe berichtet für FR-online.de, wie alles organisiert wird.

Das nächste Problem: Genug Nahrung für alle.
Das nächste Problem: Genug Nahrung für alle.
Foto: rtr

Die Hubschrauber scheinen im Minutentakt zu landen oder zu starten. Der Leiter des Treffens muss häufiger unterbrechen, so laut ist es. Ich bin auf dem Gelände des Flughafens von Port-au-Prince, es ist drei Uhr nachmittags. Pralle Sonne, viel Staub - und eben der Fluglärm. Mittendrin sitzen rund 30 Menschen aus aller Welt auf dem Boden eines Zeltes.

UN-Leute, Vertreter von Hilfsorganisationen, ein paar Militärs, selbst Priester haben sich eingefunden. "Agriculture-Cluster-Meeting" steht auf dem Plan, also das Treffen für den Bereich Landwirtschaft. Hier können - und sollen - sich alle, die Angebote, Erfahrungen, Hilfsgüter in diesem Sektor haben, melden, austauschen und ihre Hilfe planen. Draußen vor dem Zelt stehen bald schon Ärzte und medizinisches Personal, denn gleich nach unserem Meeting beginnt das Treffen für den Bereich Gesundheit. So geht es hier täglich im Stundentakt.

Bündnis Entwicklung hilft

Für FR-online schreiben Mitarbeiter der dem "Bündnis Entwicklung hilft" angehörenden Entwicklungshilfeorganisationen über ihre Eindrücke aus Haiti.

Zum Bündnis gehören Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und die Welthungerhilfe. Sie leisten gemeinsam akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.

Spendenkonto: Stichwort "Haiti", Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.

Weitere Berichte von Helfern vor Ort finden Sie im Haiti-Spezial der Frankfurter Rundschau

Die Vereinten Nationen tun das, was man von ihnen in solchen Krisensituationen erwartet: Sie koordinieren die Hilfe. Bringen Angebote der Helfer, der Regierungsvertreter einerseits und Bedürfnisse der Erdbebenopfer andererseits zusammen, geordnet nach Art der Hilfe und nach Regionen. Diese ordnende Instanz ist absolut notwendig, damit nicht jeder irgendetwas irgendwo beginnt. Damit die Hilfe effektiv und schnell vonstatten gehen kann.

Das Treffen für den Bereich Landwirtschaft wird von der FAO geleitet, der Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen. Heute ist auch ein Vertreter des haitianischen Landwirtschaftsministeriums da. Auf Englisch und auf Französisch gibt es wertvolle Informationen: Die Regierung arbeitet mit Hochdruck an einer Art Positivliste.

Es geht um Saatgut, also welche Sorten und Arten für den Anbau zugelassen werden. Solche Informationen brauchen wir für unsere Arbeit - und zwar dringend, denn schon bald beginnt die Aussaat in Haiti. Ab März genau genommen, denn dann fängt die Regenzeit an.

Rund vier Wochen nach dem Erdbeben ist das hier die nächste Herausforderung: Mit dem Beginn der Pflanzzeit muss sichergestellt werden, dass die Bauern auch alles haben, was sie brauchen. Ein Kollege fasst es so zusammen: "Nicht, dass nach der Katastrophe in den Städten nun auch noch eine neue Misere auf dem Land folgt!"

Da wir von der Welthungerhilfe ja schon lange auf der Insel und vor allem in der ländlichen Entwicklung arbeiten, ist dies genau unser Thema. Zumal sich die Ernährungslage auf dem Land durch Tausende Stadtflüchtlinge verschärfen wird. Viele Haitianer, die in den Städten alles verloren haben, sind aufs Land geflüchtet - und belasten ihre Verwandten nun unfreiwillig. Da verdoppelt sich schnell die Zahl der Menschen, die satt werden wollen.

Läuft die internationale Koordinierung nun also? Ja, sie läuft mittlerweile prima an und das ist eine gute Nachricht! Natürlich kann und muss hier und da noch einiges besser werden, aber im Großen und Ganzen können wir uns nicht beschweren - vor allem wenn man bedenkt, welche Dimension diese Katastrophe hat. Die Vereinten Nationen, selbst schwer vom Erdbeben getroffen, tun alles, was in ihrer Macht steht, die deutschen Organisationen sind auch gut vernetzt (wir treffen uns zum Beispiel jeden Freitag in der deutschen Botschaft hier in Port-au-Prince).

Kurz vor vier am Nachmittag werden wir fast aus dem Zelt gekegelt - Dutzende Ärzte und medizinisches Personal drängen in das UN-Zelt: Health-Cluster-Meeting. Neben Gesundheit und Landwirtschaft stehen heute noch Treffen von "Logistik", "Wasser und Abwasser", "Übergangshäuser" und "Haushaltsgegenstände" auf dem Meeting-Plan. Koordination im Stundentakt.

Es ist gut zu sehen, wer hier alles vor Ort aktiv ist, dass die Hilfstransporte nun massiv anlaufen: Zu Wasser (über den Seehafen), zu Lande (aus der Dominikanischen Republik) und - unüberhörbar - aus der Luft. Gut, diese Abstimmungstreffen im stickigen Zelt direkt neben der Landebahn sind nicht eben komfortabel. Aber das fünfstöckige UN-Hauptgebäude liegt ja in Trümmern.

Und sollte es noch mal ein Nachbeben geben, fällt einem hier nur eine Plane auf den Kopf.

Autor:  Ralph Dickerhof
Datum:  8 | 2 | 2010
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