Das Leben der Tana Stern passt zwischen zwei Aktendeckel. Geburtsurkunde, ein Stapel alter Fotos, ein wenig Korrespondenz, das meiste davon nur in Kopien vorhanden. Das ist nicht viel – Tana Stern, geborene Cahn, weiß um die großen Lücken in ihrer Biografie. „Mein ganzes Leben ist eine einzige Frage“, sagt sie in einem etwas eckigen Deutsch. Fröstelnd zieht sie die Schultern hoch. Es ist frisch in Deutschland am frühen Morgen. Daheim in Israel klettern um diese Zeit die Temperaturen schon auf mehr als 20 Grad.
Ein wenig verloren steht die 67-Jährige in der Eingangshalle des kleinen Kölner Hostels, das ein Freund ihr vermittelt hat – eine schmale Frau mit blond gefärbten Haaren und leuchtend grünen Augen. Die Beine stecken in halbhohen Stiefeln, ein wadenlanger, modisch-bunter Pulli schmiegt sich eng an den Körper.
Eine Kleinanzeige, versteckt zwischen Grußbotschaften und guten Wünschen zum Geburtstag, hatte uns auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht: „Ich, geboren 1943 in Köln, lebe in Israel. Meine Mutter Irene Cahn, geboren 1907, wurde von 1942 bis 1943 in Köln von einer Familie versteckt. Ich suche dringend Angaben zu der Familie, bei der sie untertauchen konnte. Wenn Sie dazu Angaben machen können, wenden Sie sich bitte an das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.“ Wir tauschten Mails aus, näherten uns in Telefonaten an. Blechern und ein wenig schroff hatte ihre Stimme durch das Telefon geklungen, während im Hintergrund heiser ein Papagei krächzte. Kfar Saba, die Stadt in der Nähe von Tel Aviv, ist mehr als 3000 Kilometer Luftlinie von Köln entfernt. Hier lebt die pensionierte Kinderkrankenschwester seit einigen Monaten.
Im Rheinland zum Lücken füllen
In diesem Frühling ist Tana Stern vier Tage zu Besuch im Rheinland, um Freunde zu treffen, um Erinnerungen aufzufrischen – und um die großen Lücken weiter zu füllen. Im vergangenen Jahr hat sie zum ersten Mal die Gräber der Großeltern in Köln besucht, deren genaue Lage sie zuvor nicht kannte, und auf dem Grab der Großmutter einen Gedenkstein errichtet. Auch diesmal wird sie die Grabstätten aufsuchen und vielleicht zum Lenauplatz in Köln-Ehrenfeld fahren. Hier hat sie zwischen 1945 und 1949 gewohnt, in der Iltisstraße Nummer 19 ist sie in den Kindergarten gegangen. „Daran erinnere ich mich“, sagt sie. „Aber mir fehlt noch so viel von meiner Vergangenheit, und je älter ich werde, umso wichtiger wird es für mich, so viel wie möglich über mich und meine Familie zu erfahren.“
Und sie will Zeugnis ablegen. Deshalb ist sie ein wenig nervös an diesem Morgen. Denn gleich wird sie vor 32 Schülerinnen und Schülern der Willy-Brandt-Gesamtschule in Köln-Höhenhaus stehen und ihnen von ihrem Leben erzählen, das ihr selber mitunter ein Rätsel ist. Es ist das erste Mal, dass sie vor deutschen Jugendlichen spricht. In Israel hält sie häufig Vorträge in Schulen und Jugendeinrichtungen, „damit die Jungen verstehen, was damals geschehen ist. Wir Alten sterben langsam aus, und dann ist niemand mehr da, der sich noch erinnert.“
Stumm sitzen die 16-, 17-Jährigen wenig später vor ihr, als sie anhebt zu erzählen. „Ich wurde 1943 im Gefängnis geboren und wurde anschließend mit meiner Mutter nach Theresienstadt deportiert.“ Warum sie so viel über ihre Vergangenheit in Erfahrung bringen wolle, fragt schließlich ein junges Mädchen. „Weil man nicht leben kann, wenn man seine Wurzeln nicht kennt“, antwortet Tana Stern.
„Klingelpütz“ heißt im Volksmund das berüchtigte Gefängnis , in dem die Tochter der „israelitischen“ Irene Cahn am 9. Juni 1943 in ein kriegsgeschütteltes Deutschland hineingeboren wird. Allein diese Geburt ist ein kleines Wunder. Dass Mutter und Kind die kommenden 23 Monate bis zum Kriegsende überleben, ein noch viel größeres. „Der Fall ist einzigartig“, sagt denn auch die Historikerin Barbara Becker-Jakli, die von keiner weiteren Geburt im „Klingelpütz“ Kenntnis hat. Im Jahr 1943 waren alle „Volljuden“ längst aus Köln deportiert. Wie also hat es die schwangere Irene Cahn geschafft zu überleben? Wer hat ihr geholfen, sich vor den Nazis zu verstecken und – wer hat sie eventuell kurz vor der Niederkunft verraten?
Fragen nach der Biografie sind existentiell
Barbara Becker-Jakli, eine nüchtern wirkende Frau mit einer großen Begeisterung für den Gegenstand ihrer Forschung, arbeitet im Kölner NS-Dokumentationszentrum, der bundesweit größten lokalen Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Sie hilft Menschen wie Tana Stern, die Bruchstücke ihrer Biografie zusammenzufügen und weitere Puzzleteile aufzuspüren. 2009 sind sich die beiden Frauen zum ersten Mal begegnet, als Tana Stern im Dokumentationszentrum um Hilfe bei der Suche nach Verwandten bat. Seitdem schaut sie, wenn sie in Köln ist, regelmäßig bei der Historikerin vorbei. Auch dieses Mal haben die beiden einen Besuch geplant.
Becker-Jaklis Büro liegt im ersten Stock des etwas düster wirkenden Kölner EL-De-Hauses. Zehn Jahre lang benutzte die Gestapo das Gebäude als ihre Zentrale. Die Historikerin hat in einem lindgrünen Aktenordner alles gesammelt, was sie an Dokumenten über Tana Sterns Leben finden konnte: eine vielfach gefaltete Kopie der Geburtsurkunde, in der die Justizhauptwachtmeisterin Elisabeth Klinz aus Walberberg, Buschgasse 4, die Geburt des Mädchens Tana in „Klingelpütz 51“ bezeugt. Die Geburtsscheine der Halbgeschwister Kurt und Hannelore Cahn, die 1945 in Auschwitz ermordet wurden. Ein Schreiben der Gedenkstätte Buchenwald, in dem steht, dass der Tischler Josef Cahn mit der Haftnummer 119 689 am 23. Januar 1945 als „politischer Jude“ nach Buchenwald deportiert wurde. Sein Tod ist nicht bezeugt, eine Leiche wurde nie gefunden, und Tana Stern hofft, dass Josef, ihr ältester Halbbruder, noch lebt. Er wäre heute 85 Jahre alt.
Barbara Becker-Jakli ist da weniger optimistisch. „Manchmal müssen Dinge ungeklärt bleiben“, sagt die Historikerin. Zu ihr kommen häufig Menschen, „die sich bei uns Erlösung erhoffen. Sie waren viele Jahre in einer ungeheuren Not, die hier und jetzt geheilt werden soll“. Nicht immer kann sie ihnen helfen.
Auch für Tana Stern sind die Fragen nach den blinden Flecken in ihrer Biografie längst existenziell geworden. „Ich möchte endlich Ruhe und Frieden finden“, sagt sie.
Mit 15 entdeckt sie durch Zufall, dass Fritz Stern, der Mann, mit dem ihre Mutter verheiratet ist und dessen Namen auch sie selbst trägt, nicht ihr leiblicher Vater sein kann. Die jüdische Familie lebt seit 1949 in Israel; 1946 hat Irene Cahn in Köln eine weitere Tochter geboren. Auch Emil, der erste Ehemann der Mutter, kommt nicht als Erzeuger infrage. Emil Cahn ist bereits 1939 nach England emigriert und unter dem Namen Eric Caley in die britische Armee eingetreten, 1948 wird die Ehe geschieden. Wenig später heiratet die Mutter Fritz Stern, den Tana bis heute „einen guten Mann“ nennt. Doch es muss da noch einen dritten Mann gegeben haben. Als Tana Stern nachhakt, nennt ihre Mutter unter Tränen seinen Namen: Moritz Brunner aus Mönchengladbach.
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