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24. Juli 2009

Wetterchaos: Europa im Sturm

 Von Joachim Wille
Ein Feuerwehrmann trägt Teile eines durch ein Unwetter umgestürzten Kastanienbaumes vom Gehweg. Ein Unwetter mit schwerem Regen und heftigen Sturmböen hatte in Nord- und Südbaden Polizei und Feuerwehr in Atem gehalten (23.07.2009). Foto: dpa

2009 scheint ein Rekordjahr für Unwetter zu sein. Der Juli liefert negative Schlagzeilen en gros. Wissenschaftler haben auch eine Erklärung dafür. Von Joachim Wille

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Der Blitz krachte ins Römerfest. Fünfmal waren die Besucher des Freiluft-Spektakels im nordrhein-westfälischen Xanten per Laufsprecher aufgefordert worden, Schutz unter festen Unterständen zu suchen. Aber viele taten genau das, was man bei einem Gewitter nicht tun soll. Sie stellten sich unter Bäume. Der Blitz schlug mit Macht ein, zu Glück direkt in die Erde. Doch die Spannung, die sich entlud, war gewaltig. Die Folge: Mehr als ein Dutzend Menschen wurden verletzt, vier schwer.

Eine dramatische Geschichte von Ende Juni, wie sie freilich ähnlich jedes Jahr irgendwo einmal vorkommt. Immer wieder sind auch Tote zu beklagen; oft trifft es Fußballer, die beim Spiel oder Training überrascht werden. Nur: 2009 scheint ein Rekordjahr in der Kategorie Blitz, Donner und Unwetter zu sein - zumindest erscheint es vielen Zeitgenossen so.


Der Juli liefert negative Wetterschlagzeilen en gros - nicht nur in Deutschland. Am Donnerstagabend und in der Nacht zum Freitag war es wieder soweit. Schwere Unwetter zogen eine wahre Schneise von Verwüstungen quer durch Mitteleuropa. Umgekippte Bäume, Gebäudeschäden , vollgelaufene Keller, blockierte Straßen und Schienen - die Bilanz aus Bayern, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, NRW und Brandenburg. Hausbrände durch Blitze verursachten in NRW und Bayern hohen Sachschaden. Am schlimmsten aber traf es Polen und Tschechien. Dort starben acht Menschen in dem Inferno aus Wind und Wasser.

Wie um das Wetterchaos in Europa komplett zu machen, wird der Süden von Hitze und großer Trockenheit heimgesucht. In der Türkei und Griechenland stöhnen die Menschen unter Temperaturen von bis zu 43 Grad. Im Süden Spaniens, auf Sardinien und Korsika flüchten sie vor sich ausbreitenden schweren Waldbränden.


Ist das nun bereits die Klimakrise? Meteorologen sehen die Sache, von Amts wegen, eher cool. "Die Leute haben ein kurzes Gedächtnis", sagt Gerhard Müller-Westermeier von Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach, als er aus seinem Computer die Daten zur Gewitterhäufigkeit seit 1950 ausdruckt. Der Juli sei schon "ein extremer Monat", räumt der Meteorologe ein. Übers Jahr gesehen dürfte 2009 aber nur im oberen Mittelfeld liegen, wenn sich der August und der Herbst normal entwickeln. 2006 zum Beispiel, das Jahr der Fußball-WM, ging als Unwetter-Spitzenjahr in die Statistik ein. "Und trotzdem denkt jeder nur an den Supersommer, der die meisten Kicks begleitete."

Heftigkeit der Gewitter deutlich erhöht

Trotzdem hat sich etwas getan in der Atmosphäre. Klimaforscher der Universität Karlsruhe fanden jetzt heraus, dass sich im langfristigen Durchschnitt zwar nicht die Zahl der Gewitter, aber deren Heftigkeit deutlich erhöht hat. "Das Gewitterpotenzial hat eindeutig zugenommen", sagt Meteorologe Michael Kunz, der Daten für Baden-Württemberg und die Jahre 1974 bis 2004 ausgewertet hat.

Besonders klar, erläutert Kunz, werde das an der jährlichen Anzahl der Hagelunwetter, also der besonders schweren Gewitterstürme: "Die Zahl der Tage mit Hagelschäden lag 1986 noch bei fünf, bis 2004 stieg sie auf 34 Tage an." Die Karlsruher Forscher haben dazu Radarmessungen und Daten von Versicherungen kombiniert ausgewertet. Grund: Die normalen Wettermessstationen am Boden seien gar nicht in der Lage, Gewitterstürme mit Hagel, Sturmböen oder gar Tornados vollständig zu erfassen.

Hagelschäden verursachen in Baden-Württemberg inzwischen 38 Prozent der Gebäudeschäden, die von Versicherungen getragen werden müssen - die Hauptursache vor Überflutungen und Feuer. Das kostet die Branche immerhin 45 Millionen Euro. Das "Ländle" ist übrigens das "deutsche Hagelzentrum" (Kunz), wie überhaupt die Gewitterneigung in Süddeutschland inklusive Rheinland-Pfalz und Süd-Hessen sowie NRW und Süd-Sachsen generell deutlich höher ist als im Norden.

Kunz und Co. haben auch eine Erklärung für das Tohuwabohu in der Atmosphäre: In Bodennähe hat nicht nur die Temperatur, sondern auch die Luftfeuchtigkeit "erheblich" zugenommen, in höheren Schichten dagegen nicht. Folge: Es gibt mehr Aufwinde, das Energiepotenzial für Gewitterstürme und Hagel steigt.

Die Hagel-Bilanz passt zum Klimatrend. Die Forscher sagen seit Jahren voraus, dass die Erhöhung der Durchschnittstemperatur sich vor allem durch eine Verstärkung der Wetterextreme bemerkbar macht. Global ist die Erde seit 1850 um knapp ein Grad wärmer geworden. Für Deutschland zeigen die Statistiken des Offenbacher Wetterdienstes, dass es zwischen 1961 und 1990 im Schnitt vier bis fünf "Extremereignisse" bei den Niederschlägen gegeben hat, inzwischen aber sind es sieben bis acht. "Keine Frage: Wir müssen Vorsorge betreiben", sagt DWD-Meteorologe Gerhard Lux .

Wenn-s blitzt und donnert, ist das schwierig. Denn: Vorhersagen, wo der Blitz genau einschlagen wird, können die Wetterleute immer noch nicht. Bleibt nur: schnell in ein Gebäude oder ins Auto flüchten. Oder sich in eine Bodenmulde kauern.

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