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13. Februar 2012

Whitney Houston: Tod einer Romantikerin

 Von Jens Balzer
1988 – Whitney Houston begeistert in London.  Foto: reuters/Peter Skingley

Whitney Houston ist ein strahlender Popstar der 80er. Sie singt von der großen Liebe, die sie im Leben nicht findet. Zum Schluss verliert sie den Kampf gegen sich selbst - und stirbt mit nur 48 Jahren.

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Ich. Du. Und wenn es nur diese beiden Silben wären, die blieben: Mit ihnen wird Whitney Houston uns für alle Zeit in Erinnerung sein. „I Will Always Love You“ hieß vor zwanzig Jahren ihr schönstes und erstaunlichstes Lied. Es hebt an wie eine einfache Popballade, es erzählt von einer unerfüllbaren Liebe und der Pflicht zu Verzicht und Entsagung. Doch immer höher und höher lässt die Stimme sich von Verzweiflung und Tapferkeit tragen – bis zu dem dramatischen Finale mit seinem lang gehaltenen, schluchzenden, stolzen „I“ und dem länger, noch länger, schier endlos gehaltenen, flehenden „You“.

Sie singt und singt: So singt sie gegen den Abschied, gegen den Tod. Den letzten Moment, den sie in diesem Song mit dem für immer scheidenden Geliebten verbringt, dehnt Whitney Houston mit der Kraft und der Unbeirrbarkeit ihrer Stimme bis in die Ewigkeit. Mit ihrer Musik konnte Whitney Houston die Zeit anhalten. In ihrem Leben ist ihr das nicht gelungen.

Whitney Houston ist tot. Am Samstag wurde sie in einem Hotelzimmer in Beverly Hills gefunden; am Abend vor den Grammy-Verleihungen hätte sie hier bei einem Dinner ihres Mentors, des einstigen Plattenmoguls Clive Davis, auftreten sollen. Die Todesursache ist noch nicht bekannt, aber nach den Jahrzehnten der Drogensucht, der gescheiterten Entziehungskuren und des körperlichen Verfalls muss man nicht lang spekulieren.

Karriere im Kindesalter begonnen

Geboren wurde Whitney Houston 1963 in Newark, New Jersey; ihre Karriere als Sängerin hatte sie schon im Kindesalter in Gospelchören begonnen. Ihre Mutter Cissy Houston hatte als Backgroundsängerin unter anderem für Elvis Presley und Aretha Franklin gewirkt; ihre ältere Cousine Dionne Warwick war schon seit den 60er- Jahren ein R’n’B- und Soul-Superstar. Mit Fünfzehn sang Whitney Houston im Begleitchor unter anderem von Chaka Khan, zeitgleich begann sie eine Laufbahn als Model und Fernsehdarstellerin.

Es war dann aber ausgerechnet der New Yorker Dub- und Funk-Avantgardist Bill Laswell, der ihr zum Durchbruch verhalf: Auf dem dritten Album seiner Band Material aus dem Jahr 1982 singt Houston zur Begleitung des Free-Jazz-Saxofonisten Archie Shepp die Ballade „Memories“ – ein herzzerreißender Song, in dem die noch jugendlich-naiv wirkende Wärme der Houston’schen Stimme und die altersweise Rauheit des Saxofons sich in unvergesslicher Weise umarmen; vielleicht das schönste Stück, das Houston jemals aufgenommen hat. Durch „Memories“ kam sie zu einem Plattenvertrag, über zwei Jahre arbeitete sie an dem Debütalbum „Whitney Houston“. 1985 erschienen, wurde es zu einer der erfolgreichsten Platten der Achtzigerjahre, mit sieben Nummer-eins-Hits.

Entsagungsreiche Affäre

Die Liebe spielte eine große Rolle in diesen Liedern – in einer Zeit, in der sich der Pop eher mit Sex als mit Liebe befasste. Michael Jackson hatte den Griff in den Schritt zum Angelpunkt sämtlicher Bewegungsabläufe erhoben. Und dann war da noch die junge Madonna mit ihren Rüschenmiedern, Kruzifixamuletten und „Boy Toy“-Emblemen. Nur Whitney Houston stand für das romantische Ideal der treuen Ehefrau oder des entsagungsreich auf den Richtigen wartenden Mädchens.

Und während all die jungen Disco-Dohlen um sie herum mit dünnen Stimmchen zu Elektrobeats sangen, brillierte sie in ihren klassisch instrumentierten Liedern mit der kräftigsten, sichersten, souveränsten Stimme, die man sich vorstellen kann. Jede Melodielinie schmückte sie mit wild rankenden Melismen; und manchmal hielt sie die Töne so lang, bis einem beim Hören selber der Atem stockte. Das dramatische Flattern und bunte Vibrieren, das bis heute den Stil des R’n’B prägt, wurzelt wesentlich in Whitney Houstons waghalsiger Vokalakrobatik.

1992 heiratete sie Bobby Brown, einen fünf Jahre jüngeren Tänzer und Sänger, dessen dauerbrünftige Erscheinung ihrer eigenen Makellosigkeit kaum stärker hätte entgegengesetzt sein können. 1993 wurde die Tochter Bobbi Kristina geboren, aber mit der Familiengründung rückte Whitney Houston, die Sängerin für die ganze Familie, erstmals ins Visier der Boulevardpresse: Ihr Ehemann wurde bei Drogenkonsum und Seitensprüngen ertappt, ihr selbst sagten die Klatschreporter alsbald eine Liebesbeziehung zu ihrer Managerin nach.

Erste große Kinorolle mit Kevin Costner

Der Karriere schadete das erstmal noch nicht. 1992 war Houston in ihrer ersten großen Kinorolle zu sehen: In Kevin Costners „The Bodyguard“ spielte sie eine Popsängerin, die sich in eine – natürlich – entsagungsreiche Liebesaffäre mit ihrem Leibwächter verstrickt; in der letzten, schmerzreichen Trennungsszene des Film schmettert sie schließlich das seither unsterbliche „I Will Always Love You“. 1995 spielte sie in „Waiting to Exhale“ eine von vier Freundinnen, die allesamt auf den Richtigen warten – und im 1996 „The Preacher’s Wife“ sogar eine Pfarrersfrau.

Umso erstaunlicher war das Image, mit dem sie dann 1998 zurück auf die musikalische Bühne kam. Ihr Comeback-Album „My Love Is Your Love“ nahm sie nicht nur mit damals gerade aufstrebenden HipHop- und R’n’B-Avantgardisten wie Rodney Jenkins und Missy Elliott auf; im Video zur ersten Single „It’s Not Right But It’s Okay“ posierte sie in einem Fetisch-Lacklederfummel. „My Love Is Your Love“ war eine erstaunlich moderne, gerade auch gesanglich ungewohnt zugespitzte Platte. Einen Moment dachte man damals, Houston habe sich – nach dem Vorbild Madonnas – mit der Belebung ihres Sounds durch die richtigen jungen Mitmusiker und Produzenten noch einmal neu erfinden können.

Eskalierende Drogensucht

Doch die Hoffnung trog. „My Love Is Your Love“ war das letzte musikalische Werk, das ihr gelang – was wesentlich an ihrer eskalierenden Drogensucht lag. Während ihr Crack-abhängiger Ehemann sie verprügelte, ihr Vermögen versetzte und immer mal wieder auch im Gefängnis verschwand, versuchte Houston mit mehreren Entziehungskuren vergeblich, von Marihuana und Kokain loszukommen.

Immer unkontrollierter wurde der Eindruck, den die einstige Königin der Selbstkontrolle in der Öffentlichkeit erweckte: Sie plauderte in Talkshows ebenso offenherzig wie wirr über ihren Drogenkonsum; 2005 ließ sie den zerrütteten Alltag mit ihrem Mann sogar monatelang in der Reality-Soap „Being Bobby Brown“ in alle Fernsehhaushalte ausstrahlen: öffentliche Bilder eines unaufhaltsamen Verfalls.

Binnen weniger Jahre wurde aus dem einst so strahlenden Mädchen eine alte Frau, die ihre Songs nur heraushusten und bellen konnte; nicht nur das Berliner Publikum erinnert sich noch mit Grausen an ihre Auftritte vor knapp zwei Jahren.

Seit 2007 war sie von Bobby Brown geschieden; 2009 bekannte sie in der Oprah Winfrey Show, nun „absolut drogenfrei“ zu sein. Dann folge der nächste Rückfall, im Mai letzten Jahres war sie ein weiteres Mal auf Entzug. Zuletzt versuchte sie sich an einem Kino-Comeback: in einem Film über die Supremes, die legendäre Girl Group des Motown Labels. Er ist nun zugleich zu ihrem Nachruf geworden. Whitney Houston wurde nur 48 Jahre alt.

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