Nach einem Schulfest im nordschwedischen Piteå im Frühjahr 1976 verschwand der 15-jährige Charles Zelmanovits. Erst siebzehn Jahre später wurde seine Leiche gefunden. Den Mord nahm ein schmächtiger Brillenträger auf sich, der damals wegen eines Raubüberfalls im Gefängnis saß: Thomas Quick. Vier Jahre nach Zelmanovits war in Sundsvall der elfjährige Johan Asplund verschollen. Quick sagte, er habe auch ihn auf dem Gewissen. Wie auch die 17-jährige Trine Jensen aus Oslo, wie das holländische Paar Jannie und Marinus Stegehuis, die auf einer Wandertour in Lappland ermordet wurden.
33 Morde hat Thomas Quick, der seinen Namen inzwischen in Sture Bergwall geändert hat, im Lauf der Jahre gestanden, für acht von ihnen wurde er zwischen 1994 und 2001 zu lebenslanger Verwahrung in einer psychiatrischen Anstalt verurteilt.
Und jetzt sagt Quick: alles nur erfunden. Mit Tränen erstickter Stimme berichtete er einem schwedischen Fernsehreporter, was viele Experten schon lange vermutet hatten: "Ich habe keinen der Morde begangen, für die ich verurteilt wurde, und auch keinen der anderen, die ich gestanden habe. So ist das." So bekommt nun ein Fall, den der bekannte Krimiautor Jan Gouillou schon vor sechs Jahren Schwedens größten Justizskandal nannte, eine neue Dimension. Denn stimmen die Vorwürfe, die der Journalist Hannes Råstam im TV-Programm "Dokument von innen" gegen die Ermittler richtete, dann haben Verhörsleiter und Staatsanwalt den geständigen Möchtegern-Täter mit den Informationen gefüttert, die ihm die Geständnisse erst ermöglichten, haben alle Informationen unterschlagen, die gegen Quick als Mörder sprachen und ihn mit jenen Psychopharmaka versorgt, die ihn einerseits von den Drogen abhängig machten und andererseits seine Phantasie beflügelten.
Warum er gelogen habe, begründet der heute 58-Jährige so: "Das enorme Echo. Das verstärkte meinen Drang zu erzählen und machte es leicht, immer weiter zu machen." Und er wusste, dass er seine Drogen bekommen würde, wenn er "verdrängte Erinnerungen" aus dem Unterbewusstsein holen sollte. Noch vor zwei Jahren hatte Justizkanzler Göran Lambertz, dessen Aufgabe es ist, die Rechtssprechung zu kontrollieren, der Polizei bei einer Prüfung des Falles Quick "ausgezeichnete Arbeit" und den Richtern "gediegene Urteile" bescheinigt. Jetzt, sagt er, "sieht die Lage anders aus." Quicks heutiger Anwalt Thomas Olsson will in den kommenden Wochen die Mordurteile anfechten und die Wiederaufnahme sämtlicher Prozesse beantragen.
Dafür bedarf es normalerweise mehr als eines widerrufenen Geständnisses. Aber Quick ist ausschließlich wegen seiner Geständnisse verurteilt worden. Er war nicht mal verdächtig, als er seine "Mordtaten" bekannte. Doch die Ermittler griffen begierig zu, obwohl das, was er über die Morde wusste, auch jeder andere wissen konnte, der las, was die Zeitungen darüber schrieben. Wenn Quick die Ermittler zu Mordplätzen führen sollte, ging er verkehrt, wenn er die Mordwaffe beschreiben sollte, täuschte er sich, bis ihm der Verhörsleiter die richtige Antwort präsentierte. Dann erst kam Quicks "Erinnerung" zurück. Die Leiche eines in Norwegen verschwundenes Mädchen, das er zu seinen Opfern zählte, konnte er trotz zahlloser Versuche nicht finden. Er wurde dennoch auch für diesen Mord verurteilt. So konnte ein weiterer offener Mordfall als "aufgeklärt" zu den Akten gelegt werden. Kein Urteil wurde je von einer höheren Instanz geprüft, alle waren ja zufrieden mit den Schuldsprüchen, der Ankläger, der Verteidiger und Quick selbst.
Nur wenn die Lügen allzu offensichtlich waren, stellte die Polizei die Ermittlungen ein, wie bei einem schon 1964 ermordeten Jungen, über dessen Tod sich Quick während eines Ausgangs aus dem Gefängnis im Zeitungsarchiv der Königlichen Bibliothek informierte. Als der Junge getötet wurde, saß Quick nachweislich im Konfirmationsunterricht. Zwei andere "Opfer" lebten noch, als er schilderte, wie er sie ermordet habe. Solche Unstimmigkeiten bestärkten Kritiker in ihrem Eindruck, dass Schwedens angeblich gefährlichster Serienmörder in Wirklichkeit ein psychopathischer Lustlügner war, der durch die Mörderrolle jene Aufmerksamkeit erhielt, die ihm sonst versagt blieb. "Justizselbstmord" nennt der Psychiater Ulf Åsgård Quicks Phantasien und warnt davor, nun erneut überhastete Schlüsse zu ziehen, da der Widerruf der Geständnisse die Faktenlage umdreht.
Denn all die, die Quick bisher glaubten, meinen jetzt, dass er lüge. Und den früheren Zweiflern sind seine Worte plötzlich ein Wahrheitsbeweis. Wollte Quick dem bohrenden TV-Reporter nur ebenso gefügig sein wie früher den Polizeiermittlern? "Es wird noch vieler Analysen bedürfen, ehe wir einen Schlussstrich ziehen können", sagt Åsgård.
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