Winnenden. Donnerstag ist Markttag in Winnenden. Immer, sommers wie winters. Auch in dieser Woche. Die Stände haben sie in der Altstadt früh am Morgen aufgebaut. Mit Obst, Gemüse, Brot, Wurstwaren - und Blumen. Die Frühlingsboten leuchten bunt, Tulpen, Narzissen, Hyazinthen. Und Rosen. Blumen sind der Renner. Keiner freut sich darüber.
Der Besitzer von "Florida Blumen" sagt: "Mir war heute früh richtig mulmig. Ich wusste nicht, ob ich nach Winnenden fahren soll." Er ist doch gefahren. Nicht, um Reibach zu machen. Wenn ein Kunde kommt und sagt, er will "runter zur Schule", dann verkauft er seine Sträuße für die Hälfte. "Viele wollen nur eine Rose", sagt der Blumenmann. Dann schenkt er eine auch mal so.
Es ist Markt. Das Leben geht weiter. Es muss. Es ist anders als sonst. Wie, als stünden die Leute auf Watte. "Es ist eine seltsame Stimmung", sagt ein Rentner. Der pensionierte Informatiker trägt einen leeren Einkaufskorb. Die Marktfrau des Obststands, den er ansteuert, sagt: "Die Geschäfte gehen heute schlecht." Die Menschen wollen reden, nicht kaufen. Sie verstehe es. Sie hat zwei Friedhofslichter aufgestellt, ganz vorne zwischen Kartoffeln und Wirsing, so dass sie jeder sieht.
Wer dann den Weg zur Schule geht, spürt, wie das Gerüst des normalen Lebens nach und nach einstürzt. Der Ausnahmezustand frisst sich ins normale Leben. Die Cafés in der Altstadt sind wieder voll. Aber zwischen Cappuccino, Latte und Cola geht es nur um DAS Thema. Fast alle kennen jemanden, der zur Albertville-Realschule geht, wo Tim K. sein Massaker begann. Oder sie kennen jemanden, der etwas mit dem Schulzentrum oder der nahen Klinik zu tun hat, wo der Amokläufer, wie man seit Donnerstag weiß, in psychiatrischer Behandlung war. "Man hätte doch erkennen können, dass mit dem was nicht stimmt", sagt einer am Nebentisch. Tim K. hat die Behandlung abgebrochen, heißt es. Ein Warnzeichen, meint ein Mann.
Die Geschäfte in der Altstadt und an ihrem Rand haben geöffnet. Im Klamottenladen an der Marktstraße wummern die Bässe zur Discomusik, Kommerzsound. "Was soll ich machen", fragt die Verkäuferin. "Die Leute kommen, soll ich sie wegschicken?" Am Schaufenster des Geschäfts nebenan hängt ein Plakat der evangelischen Kirche. Eine Einladung zum Trauergottesdienst am Abend um acht Uhr. "Ist eigentlich mehr für die Angehörigen der Opfer gedacht", sagt der Kirchenpfleger, der die Plakate aufgehängt hat. Aber es werden wieder viele kommen, wie am Mittwoch, als selbst die große katholische Kirche Sankt Karl Borromäus die Menschen nicht fassen konnte. Tausend waren da, vielleicht mehr. Auch Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) saß dabei.
Erst am Abend jenes Tages war den Menschen klar geworden, was in ihrem beschaulichen Städtchen geschehen war. Zuerst war ja gar keine Zeit für Besinnung gewesen: Winnenden - nach den ersten Nachrichten über die Amok-Tat wie schockgefroren. Man erinnert sich am Tag danach, redet, um sich zu entlasten. Wie die Polizeisirenen heulten, Hubschrauber die Luft zersägt hatten in der Gegend um das Schulzentrum, in dem Tim K. acht Jugendliche und drei Lehrerinnen erschoss. Die Polizei, die die Straßen und Gassen durchkämmt, um den Amoktäter zu finden. Eltern, die verzweifelt versuchten herauszubekommen, ob ihren Kindern etwas passiert ist.
Die Winnender Zeitung, an deren Redaktion man auf dem Weg zur Albertville-Schule vorbeikommt, hat die Seite 1 ihrer Donnerstagsausgabe freigeräumt. "Warum?" schreien die Riesenlettern auf schwarzem Grund. Kleine Menschentrauben sammeln sich am Schaukasten vor den Sonderseiten.
Von hier nur noch 500 Meter die Paulinenstraße hinunter, dann rechts in die Albertviller Straße hinein. Das ist der Ort, wo Tim K. verbrannte Erde hinterließ. Das ist die Straße, über die er nach der Hinrichtung in der Schule Richtung Innenstadt floh - und kaltblütig einen Gärtner erschoss. Ausgerechnet hier, so nah, links, in der Stadthalle, ist die Anlaufstelle, wo Angehörige der Opfer von Psychologen betreut werden. Polizisten stehen davor, sichern ein wenig Privatheit.
Dann sind es nur noch ein paar Meter. Die Albertville-Realschule ist mit rotweißen Polizei-Bändern abgesperrt. Davor ist seit Mittwochabend ein kollektives Mahnmal entstanden - geformt aus Tausenden Kerzen, Wachslichtern, Blumen. Hunderte Abschiedsbriefe liegen dabei. "Wir vermissen Euch" steht da, "Wir sind bei Euch", "Ruht in Frieden". Aber man liest auch: "Politiker, handelt!" Oder: "Verschärft das Waffengesetz". Und: "Gewaltspiele erst ab 18". Ein Ruf danach, dass diesmal mehr geschehen muss als nach den Amoktaten von Erfurt und Emsdetten.
Schüler, Eltern, Gaffer sowie Bataillone von Reportern aus aller Welt stehen davor, die den Schmerz protokollieren. Ein Lehrer aus dem nahen Lessing-Gymnasium schaut sich alles an. Gestern früh haben er und seine Schüler alles mitgekriegt, den Polizeieinsatz, die Schüsse, das stundenlange Eingesperrtsein. Heute früh hat er Unterricht gemacht. Keinen normalen Unterricht. Nicht alle sind gekommen, müssen sie auch nicht. "Man muss reden, reden, reden", sagt er. Sonst, weiß er, wird man sprachlos.
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