Als Lennart zum ersten Mal die Luft wegblieb, ergriff seine Eltern noch Panik. Sie packten den Säugling ins Auto und rasten zum Krankenhaus. Da wohnten sie gerade wieder sechs Monate in Lünen, Kreis Unna, am östlichen Rand des Ruhrgebiets. "Nun röcheln alle Kinder. Jeden Tag", sagt Sara Köhler.
Im Winter müssen drei ihrer vier Kinder inhalieren, vier Mal am Tag eine Viertelstunde. Denn Jonas und Lennart, beide Grundschüler, und Kindergartenkind Katharina ringen inzwischen alle nach Luft und leiden unter chronischem Husten. Nur der vor zwei Monaten geborene Jasper blieb bislang verschont.
Familie Köhler hat den Feind ihrer Lungen längst ausgemacht: Es ist das Kohlekraftwerk vor ihrer Haustür, glaubt sie. "Sobald wir in den Urlaub fahren, sind unsere Kinder wieder gesund", sagt Sara Köhler. Wenn die Familie wie jeden Sommer an die Nordsee fährt, bleiben die Inhalationsgeräte zuhause. Wieder zurück in Lünen benötigen alle schon in der ersten Nacht das Akut-Spray, um frei atmen zu können.
Köhlers wohnen in einer Mietwohnung mitten in der Innenstadt. Von jedem Punkt der rot gepflasterten Fußgängerzone sind die bedrohlich hohen Schlote der Industrie gut zu erkennen. In der Luft liegt ein säuerlicher Geruch, wenn der Wind stärker von den Anlagen herüberweht, wird er unangenehm stechend und erinnert an Essigsäure.
"Unsere Stadt macht uns krank", davon ist Sara Köhler überzeugt. Sie ist 30, in Lünen geboren, von zierlicher Statur und hatte selbst als Kind eine nachgewiesene Bleivergiftung, Hustenanfälle und Nasenbluten.
Seit ein paar Wochen ist sie noch wütender auf ihre Stadt. Der kommunale Energieverbund Trianel hat im September den Grundstein für ein zweites, 1,4 Milliarden Euro teures Kraftwerk in Lünen gelegt. "Als ich davon gehört habe, wurde mir schlecht", sagt Sara Köhler. Und ihr Mann Christian ergänzt: "Wir können es nicht mehr mit unserem Gewissen vereinbaren, unsere Kinder leiden zu sehen."
Seit Monaten gehen der 36-jährige Sozialarbeiter und die Pädagogik-Studentin zu Demonstrationen gegen neue Kohlekraftwerke, die älteren beiden Kinder kommen mit auf die Straße. "Wir tun, was wir können, aber es wird wohl nicht reichen."
Denn der Kohlehunger der Energiekonzerne ist groß. Und Befürworter der Industrie sind zahlreich. Die Köhlers und ihre wachsende Bürgerinitiative argumentieren mit ihren Beobachtungen, sie erzählen Geschichten aus dem Kindergarten und der Schule. Eindeutige Zahlen können sie nicht liefern. Es existiert bundesweit keine Studie darüber, wie sich Kohlekraftwerke auf die Gesundheit der Anwohner auswirken können. Für Atomkraftwerke hat im vergangenen Jahr eine Untersuchung des Bundesamtes für Strahlenschutz bewiesen: Das Risiko für Kindern an Leukämie (Blutkrebs) zu erkranken nimmt zu, je näher sie an einem Kernkraftwerk wohnen.
Bei Kohlekraftwerke hingegen werden bislang nur die weitreichenden Folgen für den Klimawandel diskutiert. Was die Menschen betrifft, ist auch die Bundesregierung ratlos. Im Mai dieses Jahres stellte die Grünen-Bundestagsfraktion eine kleine Anfrage zur Zukunft der Kohleverstromung. Sie lautete unter Punkt 16: "Welche aktuellen Studien sind der Bundesregierung bekannt, die die Umwelt- und Gesundheitsbelastung in der Nähe von Kohlekraftwerken untersucht haben?" Die Antwort fiel denkbar knapp aus: "Der Bundesregierung sind keine aktuellen Studien bekannt." Keine aktuellen und auch keine älteren. Auch die Umweltschutzverbände haben das Thema vernachlässigt. "Das Risiko für die Anwohner kam bislang wohl zu kurz", sagt Ralph Kampwirt vom World Wide Fund.
Und so kämpfen die Menschen vor Ort in dutzenden kleinen Bürgerinitiativen, um ein neues Kraftwerk in ihrer Stadt zu verhindern. Sie erregen viel Aufmerksamkeit, denn "die Ängste der Bürger müssen ernst genommen werden", lautet es unisono aus den Stadtspitzen.
Gegen die Werbung und Versprechen der Industrie sind die Initiativen jedoch machtlos. In Krefeld hat eine Bürgerinitiative, angeführt von dutzenden Ärzten, zunächst ein geplantes Kohlekraftwerk verhindert. In der Stadt am Niederrhein stimmten im März 2007 alle Parteien mit Ausnahme der FDP gegen die, wie es damals hieß: "Dreckschleuder" - um dann im Jahr 2008 plötzlich dem "Projekt positiv gegenüber zu stehen", wie es Oberbürgermeister Gregor Kathstede (CDU) heute ausdrückt.
Denn die Kraftwerksbauer ziehen zur Not einfach eine Stadt weiter. Als Krefeld noch ablehnte, warb Hamm am anderen Ende des Ruhrgebiets um den Kraftwerksbau. Arbeitsplätze schaffen die Industrieanlagen zwar nicht viele. In Lünen sollen dauerhaft nur etwa 80 Menschen im Kraftwerk arbeiten. Aber die Städte hoffen auf Folgeaufträge. Und darauf, vom großen Kuchen der Energiekonzerne zu naschen. "Wir wollen den oligopolistischen Markt mit vier großen Spielern aufbrechen", sagte Sven Becker, Chef von Trianel beim ersten Spatenstich für das Werk in Lünen.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich vor wenigen Monaten offiziell für den Bau neuer Werke aus. Geht es nach den großen Energiekonzernen, sollen allein in Nordrhein-Westfalen elf neue Kraftwerke entstehen, bundesweit sind 26 geplant, zum Beispiel in Berlin, Mannheim und Boxberg. 26 neue Kraftwerke bedeuten aber auch Millionen Menschen, die von einem Tag auf den anderen Feinstäube, Quecksilber, Schwermetalle und Dioxin einatmen.
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