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Wolf Schneider im Interview: "Einladung zur Geschwätzigkeit"

In seinem neuen Buch widmet sich Wolf Schneider, Lehr- und Zuchtmeister der deutschen Sprache, dem Thema Bloggen - obwohl das Netz für ihn eine Einladung zu uferloser Geschwätzigkeit ist.

Wolf Schneider wird 85 Jahre alt.
Wolf Schneider wird 85 Jahre alt.
Foto: Stefan Worring

Herr Schneider, wer sich über Sie informiert, stößt auf Beschreibungen Ihrer Person wie "Lehrmeister der guten Sprache" . . .

. . . das geht.

Zur Person
Tipps und Tricks

Wolf Schneider wird am Freitag 85 Jahre alt. Er ist Journalist und Sachbuchautor, arbeitete unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Stern und die Welt. Er leitete von 1979 bis 1995 die Hamburger Journalistenschule, die spätere Henri-Nannen-Schule.

Er moderierte zeitweise eine NDR-Talkshow und veröffentlichte mehrere Bücher über die Kunst des Schreibens. Gerade erschienen ist von ihm zum Thema Bloggen: "Deutsch für junge Profis", Rowohlt, 192 Seiten, 16,95 Euro.

Einsicht: Gelesen zu werden ist das statistisch Unwahrscheinlichste.

Daraus folgt: An einem Text, der gelesen werden soll, muss ich hart arbeiten.

Verständlichkeit: Beim Satzbau müssen die richtigen Maße eingehalten werden. Dazu sind schlanke, überschaubare Sätze nötig, in denen das Zusammengehörige nicht weiter als sechs Wörter voneinander entfernt ist. Wenn etwa zwischen den Teilen eines zweiteiligen Verbums wie "habe gemacht" zu viel steht, verliert der Leser den Überblick.

Lebendigkeit: Der Schreiber muss etwas zu sagen haben und sollte dies so frisch und konkret wie möglich tun - also die kleinste Menge dessen sagen, was er meint: Henne, nicht Geflügel, nicht Lebewesen; Brezeln, nicht Backwaren; Bauernkate, nicht Gebäude.

Außerdem: schöne Vergleiche suchen, sich bildhaft ausdrücken.

"Der Sprachpapst."

Nicht so gern. Mit Päpsten habe ich es nicht besonders. Aber wenn sich darin Anerkennung ausdrücken soll, habe ich nichts dagegen.

"Der Zuchtmeister der deutschen Sprache."

Ein bisschen unfreundlich ausgedrückt, aber die Richtung stimmt.

Sie haben Ihr neuestes Buch dem gewidmet, was im World Wide Web so geschrieben wird. Bloggen, twittern oder chatten Sie?

Nein, und zwar aus einem kuriosen Grunde nicht: Ich benutze keinen Computer. Aber meine Frau ist eine Virtuosin auf dem Computer und stöpselt mich ein in die elektronische Welt. Sie schreibt meine Manuskripte ins Reine, die ich in einer privaten Stenografie zu Papier bringe. Das stammt aus einer Zeit, als Computer noch riesig waren. Ein Sachbuchautor hat ein Dutzend Bücher auf dem Tisch, da ist kein Platz für so einen Apparat. Meine Frau dagegen ist richtig begeistert vom Computer, sie holt alles für mich ran. Ich bin vollkommen unmodern, und das wäre unerträglich, wenn nicht a) meine Frau wahnsinnig modern wäre und ich nicht b) hauptberuflichen Umgang mit jungen Leuten hätte.

Warum haben Sie sich besonders das Bloggen vorgenommen?

Es ist noch nie so uferlos geschrieben worden, ohne die geringste Frage, ob das überhaupt eine Chance hat, gelesen zu werden. Da nun so wahnsinnig viel mehr geschrieben wird, und da der Bildschirm zu einer flüchtigeren Lektüre einlädt als das Papier, ist das Problem, gelesen zu werden, so groß, wie es noch nie war.

Das Internet bietet vielen die Chance, zu schreiben und sich öffentlich mitzuteilen. Das ist ja erst mal schön. Andererseits vergrößert das die Gefahr, dass Sprache verkommt, oder?

Das meine ich gar nicht. Auch vieles im Journalismus ist herzlich schlecht geschrieben. Das Internet ist eine Einladung zu uferloser Geschwätzigkeit. Ich finde da zum Beispiel einen Blog, und der erste Satz lautet, dass der Kaffee heute nicht so gut schmeckt, wie er gestern schmeckte. Uferlos, kritiklos, ich plaudere mal drauflos.

Da müsste Ihnen Twitter ja sehr gut gefallen mit seiner Beschränkung auf 140 Zeichen.

Ja, Geschwätz ist darauf nicht möglich. Aber dass ein Bundestagsabgeordneter mitteilt: Es ist erst sechs Uhr früh, aber ich sitze schon im Auto, und ich esse gerade eine Stulle . . .

. . . von wem genau sprechen Sie da?

Das haben wir irgendwo entdeckt. Also: Twitter hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, gelesen zu werden, weil das kurz ist, und wenig Geschwätz ist immer besser als viel Geschwätz. Dass es interessanter wäre, dafür habe ich kein Indiz.

Wird derjenige eher gelesen, der schön schreibt?

Ich bin gar nicht primär dafür, dass die Sprache schön ist. Das ist mein Privatvergnügen. Ich bin dafür, dass Leute, die kommunizieren wollen, erfahren, was sie tun müssen, damit Kommunikation stattfindet. Neun von zehn Bloggern haben keine Ahnung, wie sie dafür schreiben müssten.

Wie müssen Blogger denn schreiben?

Zweckmäßig: Wie interessant bin ich, wie verständlich sind meine Sätze, wie viel Pfeffer habe ich in meinem Text? Wenn ich einen Blog schreibe, der gelesen werden soll, muss ich an ihm arbeiten, ich muss mich plagen. Es klingt hochnäsig, aber ich habe Mitleid mit Leuten, die drei Seiten schreiben, viele davon sicher in der Hoffnung, dass das tausend andere lesen, und ich kann nach den ersten zehn Zeilen wetten: Wenn das mehr als zwei Leute lesen, dann verliere ich tausend Euro.

Interview: Susanne Rohlfing

Datum:  5 | 5 | 2010
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