Vielleicht kann er gar keine gute Figur machen. Vielleicht ist es unmöglich, all den Erwartungen an ihn und den Bildern von ihm gerecht zu werden: Rockstar, Wohltäter, Revoluzzer, Staatsgast ...
Wolfgang Niedecken blinzelt über die vertrocknete Wiese im Hof eines Internats in Nord-Uganda zu einem Dutzend afrikanischer Mädchen. Sie tanzen gerade einen traditionellen Begrüßungstanz für ihn. Zwei Kameraleute des deutschen Fernsehens stehen hinter ihm. Niedecken blickt über die Schulter, als wollte er sich vergewissern, dass er, der Deutsche mit guten Absichten, und die Kulisse ein stimmiges Bild ergeben.
Dann wendet er sich wieder dem Tanz zu, zieht den Cowboyhut noch etwas tiefer in die Stirn, prüft den Sitz seiner großen, schwarzen Sonnenbrille und läuft los, sehr langsam. Auf seinem Gesicht erscheint ein höfliches Lächeln, er winkt den Tänzerinnen schüchtern zu. Die TV-Leute grinsen zufrieden: gutes Material.
Wolfgang Niedecken, 58, Sänger der Kölner Band BAP, einer der bekanntesten Rockmusiker Deutschlands, trägt Dreitagebart, Karohemd und Outdoorhose, lange graue Locken quellen unter dem Hut hervor. Er sieht aus wie auf den Trekkingreisen, die er immer noch macht, und in deren Look er sich auch in Deutschland gern öffentlich präsentiert.
Seine Gastgeber haben allesamt ihre Sonntagsanzüge angezogen, Niedecken fällt auf - ein bisschen wie ein verirrter Rucksacktourist. "Die Besuche sollten nicht so offiziell wirken", erklärt er. "Ich bin ja hier nicht die Hauptfigur." Eine Woche wird diese Frühjahrsreise dauern, eine Woche, in der Niedecken, wie er betont, im Hintergrund bleiben will. Ein Bild will er sich machen von den Erfolgen und Problemen des Hilfsprojektes "Rebound", das er mit dem Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin und der Hilfsorganisation World Vision konzipiert und gegründet hat.
Im Dienst der guten Sache lud er auch ein paar Journalisten ein. "Keine Ahnung, ob die Medien über einen neuen Schlafsaal in Uganda berichten würden, wenn ich nicht dabei wäre", sagt er. Und ehe man fragen kann, warum auch, schiebt er nach: "Ich fürchte, nicht."
100 Frauen starren ihn an
Hier im Fraueninternat des Städtchens Pader, kurz vor der Grenze zum Sudan, finanzierte Rebound einen Schlafsaal und Stipendien für 100 junge Mütter. 15 bis 25 Jahre sin sie alt und lernen hier Näherin oder Bäckerin, die meisten von ihnen wurden im Krieg zu Waisen, sie wurden von Rebellen verschleppt und zu Soldatinnen und Sexsklaven gemacht, ihre Kinder stammen aus Vergewaltigungen.
Auf ihre Not wolle er hinweisen, hatte Niedecken vor dem Besuch gesagt, und sonst nur Gast sein, nur zuhören. Doch kaum sind der Begrüßungstanz und ein Schnellrundgang durch die Schulbaracken vorbei, führt ihn die Direktorin in einen großen Flachbau hin zu einem erhöhten Stuhl auf dem Podium. Niedecken zögert kurz, sieht, dass keine anderen Plätze frei sind, und setzt sich. 100 Frauen und ihre Kinder blicken ihn wie gebannt an. Und nun? Soll er sie von hier oben nach ihren Leidensgeschichten fragen?
Erleichtert lehnt sich Niedecken zurück, als Steffen Emrich aufsteht, Entwicklungshelfer und Niedeckens Kontaktperson bei World Vision: "Wisst ihr, wo Deutschland ist?", fragt Emrich und legt eine Sandale vor sich. "Wenn das hier Pader ist, und das", er deutet auf eine zweite Sandale in einem Meter Entfernung, "ist Ugandas Hauptstadt Kampala - und dahin fährt man einen ganzen Tag! -, dann liegt Deutschland etwaaaa ..." Er stakst aus dem Saal und ruft von draußen: "Hier!"
Die Frauen lachen kreischend, Emrich zeigt auf Niedecken: "Das ist Wolfgang, und da, in Deutschland, ist er ein berühmter Sänger. Seit er mal in Uganda war, erzählt er bei seinen Konzerten von euch. Vom Krieg, der euch so viel Leid zufügte. Viele Leute wollten euch dann helfen." Niedecken nickt. Viel besser lässt sich seine Welt hier eigentlich nicht erklären. Also versucht er es auch gar nicht. "Ich singe euch ein Lied über meine Heimat", sagt er und hebt an:
En dä ahle Stadt, wo ich herkumm, dämm Millionedorf ahm Rhing, wo ming Ahne schon jelääf hann un ming Pänz jeboore sinn ...
Rhing ist kölsch für Rhein, und Pänz heißt Kinder. Das wissen nicht mal viele Deutsche, aber Niedecken spielt das Lied ohnehin eher für sich. Weil es eine schöne Geschichte dazu gibt, die er in Uganda erlebte. Eine Geschichte der Hoffnung, nach all den grausamen Geschichten.
Niedecken ist zum sechsten Mal in dem 32-Millionen-Menschen-Staat im Osten Afrikas, wo seit Mitte der 80er Jahre einer der längsten Kriege Afrikas tobt. Was als Volksaufstand der nord-ugandischen Acholi gegen die Zentralregierung begann, kippte, als die stärkste Rebellengruppe an Rückhalt verlor: Die Lord's Resistance Army, LRA, terrorisierte das eigene Volk, brandschatzte Dörfer, entführte zehntausende Kinder, drillte sie zu brutalen Kriegern. Eine halbe Million Menschen starb.
Der Terror hatte seinen Höhepunkt erreicht, da besuchte Niedecken erstmals Uganda: Mit einem Pressetross sollte er 2004 im Amt des "Botschafters" für das Bündnis Gemeinsam für Afrika auf volle Flüchtlingslager hinweisen, auf Kinder, die gezwungen wurden, ihre Familie zu töten. Er hatte von all dem gelesen, aber er war nicht vorbereitet auf den Schock, den er erlebte.
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