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Woodstock - 40 Jahre später: Love, Peace und Rauchverbot

Wo einst das Festival tobte, herrscht heute sterile, langweilige Erinnerungskultur. Schilder weisen auf all das hin, was verboten ist: Rauchen, Alkohol - und laute Musik. Von Dietmar Ostermann

Das Festivalgelände, wie es heute aussieht.
Das Festivalgelände, wie es heute aussieht.
Foto: afp

Bethel. Duke Devlin ist so etwas wie der letzte Hippie von Woodstock. Einer, der irgendwie übriggeblieben ist, weil er damals einfach nicht nach Hause wollte, als am Morgen des 18. August 1969 das wohl berühmteste und chaotischste Festival der Musikgeschichte nach "Three Days of Peace And Music" zu Ende war. Duke Devlin stand damals übernächtigt und mit verquollenen Augen knöcheltief in der großen Schlammpfütze vor einer Bühne, auf der eben Jimmy Hendrix seiner Gitarre wütend das Star Spangled Banner abgequält hatte.

Jetzt herrschte Stille, bedröhnt von Musik und Dope beschloss der junge Texaner noch ein wenig zu bleiben. Erst half er, die Müllberge zu beseitigen, die eine halbe Million Menschen auf dem gründlich ruinierten Feld des ebenfalls gründlich ruinierten Milchbauern Max Yasgur hinterlassen hatten. Dann blieb er, weil er nicht glauben mochte, dass in seinem Leben noch etwas Aufregenderes passieren konnte, als das, was er gerade erlebt hatte. Woodstock, wünschte Duke Devlin, sollte nie enden.

Jetzt sitzt der Alt-Hippie noch immer auf jener Wiese im kleinen Örtchen Bethel in den sattgrünen Catskill-Bergen, zwei Autostunden vor New York. Es ist wieder August, wie damals vor 40 Jahren. Der brustlange Zottelbart ist ergraut, über der Gürtelschnalle trägt Devlin einen stattlichen Kugelbauch. Sonnenbrille und die bunten Tattoos am linken Arm künden noch von der wilden Zeit. Doch das Alter hat auch Devlin mit der etablierten Welt versöhnt. Er ist jetzt 67 und Fremdenführer des "Bethel Woods Center for the Arts", einem modernen Konzert- und Kulturzentrum, das vor wenigen Jahren oben auf dem Hügel über dem Wallfahrtsort der Woodstock-Jünger emporwuchs.

Gras wird streichholzkurz geschnitten

Mit der rebellischen Gegenkultur von damals hat der 100 Millionen US-Dollar teure Edelbau nichts zu tun. Adrette Beete, gepflasterte Wege, ein Museum der 1960er Jahre, das alles in seichtes Licht und gedämpfte Videosequenzen taucht, von Kennedy bis Woodstock. Auf den Bildern kein nackter Po, dafür Neil Armstrong auf dem Mond.

Draußen, wo einst Hunderttausende drei Tage lang friedlich im Matsch einer zertrampelten Weide kampierten, schneiden Gärtner auf dröhnenden Rasenmähern das Gras streichholzkurz. 1969 wurde das eilig herbeigeschaffte Essen für die hungrigen Massen auch schon mal in Mülltonnen zubereitet. Heute gibt es im klimatisierten Café sündhaft teuren Espresso nebst Sahnetorte. Damals landete das Militär nur deshalb in Hubschraubern auf der von Gouverneur Nelson Rockefeller zum Katastrophengebiet erklärten Festweide, um Lebensmittel und Ärzte ein- und medizinische Notfälle auszufliegen, weil sich die Pläne der überforderten Organisatoren auch in dieser Hinsicht als unzulänglich erwiesen.

Heute kurven permanent argwöhnische Wachmannschaften in Jeeps und Golfcarts über das Gelände. Schilder weisen den Besucher auf all das hin, was hier jetzt verboten ist: Rauchen, in jeder Form und Konsistenz, der Genuss von Alkohol, das Zelten, Grillen, das Mitbringen von Klappstühlen, weil man die für fünf US-Dollar an einem Stand mieten soll. Und ja: "Keine laute Musik" - außer der, die hinten auf der neuen Freilichtbühne gegen teures Eintrittsgeld geboten wird, diesen Samstag etwa zum Woodstock-Jubiläumskonzert sogar mit ein paar der alten Bands von damals.

Die Erinnerung an Woodstock aber wirkt hier so steril und langweilig, dass es einem wie Duke Devlin die Seele zerreißen müsste. Doch der alte Hippie lächelt nur wissend, den Blick ein wenig wehmütig auf jenen Schotterhaufen unten am Hang gerichtet, der jene Stelle markiert, auf der einst die Bühne stand. Woodstock, weiß er längst, war nicht der Anfang einer Utopie. "Es war das Ende", sagt Devlin. Auch deshalb ist er dageblieben. Um den Traum noch ein bisschen länger zu träumen.

Die, die schon damals nach Hause fuhren, kommen heute nicht selten in schicken Autos wieder. Es sind Leute wie Roger Gillespie, der sich 1969 mit einem Haufen Freunde in einem gemieteten U-Haul-Van aus dem New Yorker Stadtteil Queens in die Catskills aufmachte - und im Megastau der anrollenden Massen stecken blieb. Mit bis zu 150.000 Besuchern hatten die Organisatoren gerechnet. Weit über 400.000 kamen nach Bethel, das bis heute verkehrstechnisch eine Katastrophe ist, weil das Dorf über die Route 17 nur in jede Richtung einspurig zu erreichen ist. Als Roger Gillespie, damals 17 Jahre jung, mit seinen Kumpels nach kilometerlangem Fußmarsch um zwei Uhr morgens in der ersten Konzertnacht eintraf, stanken die Wälder schon nach Pisse und das Essen war knapp. "Das schien niemanden zu stören", sagt Gillespie und schlägt sich lachend auf die Knieprothese: "Hey, wir waren jung, wir wollten einfach Musik hören und Spaß haben."

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Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  13 | 8 | 2009
Seiten:  1 2
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