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Panorama
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13. August 2009

Woodstocks Erben: Von Blumen- und Krisenkindern

Rebellion und Extase: Was bleibt für die heutige Jugend?Foto: getty

Ein Ereignis wie Woodstock würden die jungen, unpolitischen Erwachsenen von heute nicht auf die Beine kriegen - sagen die Veteranen. Von wegen, entgegnet die Journalistin Michaela Krüger, 33.

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Das ist doch Mist. Da gucken wir uns diesen Film an, Woodstock, 40 Jahre danach, und endlich, ja endlich, fühlen wir uns, als seien wir ein wenig dabei gewesen. Ein ganz kleines bisschen. Denn wirklich dabei sein, nein, das konnten wir nicht. Man mag uns, jener "Generation X", noch so häufig vorwerfen, unpolitisch zu sein. Was Woodstock angeht, trifft uns keine Schuld. Sondern schlicht der Nachteil der späten Geburt. Das ist wahrscheinlich das Kernproblem. Es ist keine Gnade mehr.

Aber wir wollen nicht lamentieren, erst einmal nicht, sondern uns der idyllischen Landschaft zuwenden, die da über den Bildschirm flimmert. Dem Hippie, wie er mit dem Traktor über die grüne Wiese nahe Bethel, New York, fährt, eine Szene, schöner als in einem Werbefilm für Landwirtschaftsmaschinen. Dann sind sie da, in Massen strömen sie herbei! Juvenile Rucksacktouristen, psychedelische Pfadfinder, ein verwegen gewandeter Wandervogel, und bald schon wird der Verkehr zusammenbrechen, das Gelände zum Katastrophengebiet erklärt werden: "It’s a free concert from now on."

Wow! Für einen Moment spüren wir es, dieses Gefühl von love, peace and happiness - Liebe, Frieden und Glück. Etwas Verborgenes bebt in uns, echt und ganz ohne Drogen. Und dann? Macht er alles kaputt. Joel Rosenman. Mit einem Satz: "Dieses Gefühl wird es nie wieder geben", sagt der Mann, der Woodstock einst organisierte. "Der Drang nach Ursprünglichkeit ist in einer zynisch materialistischen Welt unterdrückt."

All das klebt an uns wie ein einziger Vorwurf. Was hatten sie, was wir nicht haben? Bürgerrechte, Folk, Drogenexperimente, Black Power, Vietnam, Nixon, Schwarze in Memphis, Aufstände in Chicago und Detroit. Die neue, irrationale Form des Politisierens wurde zu einer Eigenbewegung.

Opposition mit Rock und Drogen

Als sich im Oktober 1967 die Friedensdemonstranten versammelten, hatte sich das Gesicht der Opposition grundlegend gewandelt. Sie grummelte in Washington los und entledigte sich in Woodstock im donnernden Grollen aus Rockmusik, Drogen und Theater. Woodstock war ein Dreiklang, eine noch nie da gewesene und nie wieder gekehrte Symbiose von Musik, Rausch und Politik.

Was blieb? Hättet ihr uns nicht ein wenig mehr hinterlassen können, von der Kraft des Atmosphärischen? Jenem Erlebnis eines grenzenlosen, überwältigenden Wir-Gefühls, das jedem, der es wollte, mit einem Mal 500 000 Freunde schenkte? Das schafft heute nur noch Facebook. Randy Milroy, der 16 war, als er das Festival besuchte, war überwältigt: "Wir waren Freunde, die sich noch nie im Leben vorher getroffen hatten. Wir machten das V-Zeichen aus zwei Fingern und streckten es uns entgegen. Ich war sehr glücklich."

Und wir? Wurden in die Welt gesetzt, lernten laufen im Kommerz - und liefen mit. Ein Mythos lässt sich immer auch an einem Ist-Zustand erklären. Daran, wie wir heute sind. Was bewegt uns, die zehn bis 20 Jahre nach Woodstock geboren sind und die den steifen Namen "die neuen Erwachsenen" tragen, wir, die heute so alt sind wie die Jünger von einst.

Über die Generation der 25- bis 40-Jährigen wurde in den letzten Jahren viel gerätselt und theoretisiert. Es waren zumeist Soziologen und Publizisten, Zugehörige der Elterngeneration 1968, die sich irritiert über den als erschreckend unpolitisch geltenden Nachwuchs beugten. Seufzend, als würden wir nie erwachsen, drückten sie uns immer neue Etiketten auf. "Generation Golf", "Generation X", "Generation Berlin", "Generation@", "Generation Praktikum", "Generation Casting", Generation - ja, was eigentlich?

Wir lebten fast 30 Jahre lang nett, was an sich schon ein furchtbares Wort ist. Wer möchte schon nett sein? Aufregend, sexy, spritzig, ideenreich, inspiriert, ja. Aber nett? Für uns gab es keine größeren Widerstände mehr, gegen die wir hätten argumentieren müssen. Wir kamen gar nicht erst in die Verlegenheit, in unserer Freizeit nach irgendwelchen Gründen für eine Befreiung zu suchen.

Nichts mehr zum Dagegen-Sein

Die "Generation Golf", wie Autor Florian Illies sie taufte, also die Jahrgänge 1975 aufwärts, baute auf eine Welt des Überflusses, für die unsere Eltern die Grundsteine legten. Wir hatten nicht Vietnam und Martin Luther King, keinen Rudi Dutschke und einen Joschka Fischer erst, als der schon Anzug trug. Wir hatten Helmut Kohl. Die Empörung, die unsere Vorgänger noch gegen Nato-Doppelbeschluss und Startbahn West auf die Straße trieb, kann die in den 80er Jahren sozialisierte Jugend, glauben wir den Trendforschern, nur noch "angesichts von Tennissocken und Moonwashed-Jeans empfinden".

Selbst die Mauer ist gefallen, und damit eine der letzten ideologischen Bastionen. Die Teilung erfolgt nach "in" und "out". Im Kleinen beim Outfit. Im Großen, und das ist eine Dimension, mit der wir nicht gerechnet haben, in der Arbeitswelt. Last in, first out.

Den "neuen Erwachsenen" dämmert es, dass sie sich ziemlich krumm machen müssen, um den 68ern, von denen sie gerade regiert werden, einmal die Rente zu finanzieren. Denn die sollte ja sicher sein. Unsere Welt ist es nicht. Über ihr schwebt die Angst. Was uns politisiert und damit nicht politisiert, ist das gemeinschaftliche Schweigen. Uns gibt es nicht als Kollektivporträt, man mag uns die Nicht-Greifbaren nennen.

Mal sind wir grün, mal liberal, mal rot, mal konservativ. Wir trauen uns sogar wieder, Schwarz-Rot-Gold zu zeigen und sind ein kleines bisschen stolz darauf. Nur noch 16 Prozent sind Mitglied einer politisch motivierten Organisation. Noch nie lag die Zahl der Nichtwähler so hoch. Wir sind keine Blumenkinder. Wir sind Krisenkinder. Bildungskrise. Arbeitsmarktkrise. Finanzkrise. Globalisierungskrise.

Perfektion statt Revolution

Ja sind wir denn gar kein bisschen Woodstock? Kein bisschen Frieden? Kein bisschen Freude? Kein bisschen Liebe? Doch. Aber Emotionen gehen auch nüchtern. Der gefragte Typ sollte, das haben Single-Umfragen gezeigt, Karriere machen, toll aussehen, sich mit Musik, Multimedia, Büchern und Film auskennen, seinen Körper stählen, Fremdsprachen können und vieles mehr. Er liebt Katzen, Hunde und auch Kinder. Das Leben ist Perfektion, nicht Revolution. Unser Dreiklang heißt Flexibilität, Mobilität, Globalität.

Vielleicht haben wir auch einfach zu lange nach Weisheiten aus dem Glückskeks gelebt. Einen alten Sponti-Spruch haben wir in der Zucker-Ei-Masse nie gefunden: Du hast keine Chance, also nutze sie.

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