Larry Silverstein gibt sich redlich Mühe, sich als jener hemdsärmelige Unternehmer zu präsentieren, als der er sich schon immer gesehen hat. "Niemand hat uns zugetraut, das hier auf die Beine zu stellen", poltert der 76-Jährige mit bemühter Mannhaftigkeit. Dabei zeigt er auf das Modell der Ground Zero-Bebauung, das in der Mitte des noch unverputzten 52. Stockwerks im World Trade Center-Turm Nummer Sieben aufgebaut worden ist. "Und doch haben wir es geschafft", fügt der Pächter des alten und Bauherr des neuen World Centers an. Seine dünne Stimme und seine fragile Statur passen dabei so gar nicht zu dem markigen Gestus.
Seit dem 11. September 2001 versucht der New Yorker Immobilienmogul sich als der Mann zu verkaufen, der hier unten am Südzipfel von Manhattan trägen Bürokraten zum Trotz die Dinge vorantreibt. Das Panorama aus dem Fenster des einzigen schon wieder aufgebauten Wolkenkratzers an dem Gelände straft seine Parolen vom großen Fortschritt, die er heute zum siebten Jahrestag der Attentate zum wiederholten Mal loslässt, jedoch Lügen. Dort unten, rund 150 Meter tiefer, hat sich noch nicht viel getan. Jedenfalls nichts, was von hier aus erkennbar wäre: Bagger buddeln an Fundamenten herum, es steht noch kaum eine Mauer. Außer dem hübschen Modell gibt es bislang nicht viel Greifbares am Ground Zero.
Immerhin - einen konkreten Schritt in Richtung des Wiederaufbaus von Ground Zero hat Silverstein heute anzubieten. Der Bau der Gedenkstätte hat begonnen, nachdem der ursprüngliche Entwurf ein halbes Dutzend Mal umgearbeitet und die Grundsteinlegung mehrmals verschoben worden war. Pünktlich zum 11. September 2007 wurden jetzt endlich die beiden Stahlträger des alten World Trade Center, die den Kern des Denkmals bilden sollen, aufgestellt. Bis zum 11.9.2011, verkündet Silverstein, soll der komplette Bau fertig werden.
So recht glaubt an diesen Termin jedoch niemand. Man ist in New York zynisch geworden, was Ground Zero angeht. So häufig wurden Entwürfe, Zeit- und Finanzierungspläne umgeschmissen, dass kaum jemand mehr hinhört. Die meisten New Yorker haben schon längst das Interesse verloren. Eines ist jedoch jedem klar - die Probleme haben alle irgendwie mit Larry Silverstein zu tun. 2006, nachdem viereinhalb Jahre lang nicht ein einziger Spatenstich am Ground Zero getan worden war, sprach Bürgermeister Bloomberg aus, was viele schon lange gedacht hatten: Dass Silverstein nämlich den grandiosen Bau von fünf Wolkenkratzern auf dem World Trade Center-Gelände, dessen Kosten damals auf sieben Milliarden geschätzt wurden, nicht finanzieren könne. Silverstein, mutmaßte Bloomberg damals, werde nach zwei Bauten die Puste ausgehen, er werde sich unverrichteter Dinge und mit dem restlichen Versicherungsgeld aus dem Staub machen. Die Befürchtung des Bürgermeisters stützte sich auf ein unabhängiges Gutachten.
Silverstein behauptet freilich, dass an der Lähmung an Ground Zero nicht er, sondern sein Vermieter, der Besitzer des World Trade Center-Geländes, schuld ist. Die Hafenbehörde - eine gemeinsame Körperschaft von Stadt und Staat New York - sei für die Infrastruktur zuständig, die bereitgestellt werden muss, damit überhaupt die erste Wand aus der Grube wachsen kann. Tatsächlich hat die Hafenbehörde massive Termin- und Finanzierungsschwierigkeiten. Andererseits ist fraglich, wie weit Silverstein mit seinen Projekten kommt, deren Gesamtkosten mittlerweile auf 15 Milliarden Dollar geschätzt werden und mit denen er sich offenbar selbst ein Denkmal setzen möchte. Auf die Nachfrage nach zukünftigem Finanzierungsbedarf antwortete Silverstein jetzt ausweichend: "Es ist verfrüht, dazu etwas zu sagen", und er fügte ominös hinzu: "Wir befinden uns in einem ungewöhnlichen Markt und in einer ungewöhnlichen wirtschaftlichen Lage." Offenbar weiß Silverstein nicht, woher das Geld kommen soll.
Klares Indiz für die Nöte des Herrn Silverstein ist die Tatsache, dass er derzeit verschiedene Körperschaften auf Schadensersatz für den 11. September verklagt. Ein Team von 20 Anwälten arbeitet daran, von den Fluggesellschaften der beiden Katastrophenmaschinen sowie deren Startflughäfen und Sicherheitsbehörden rund 12 Milliarden Dollar einzufordern. Die Firmen und Dienststellen, so Silverstein, hätten die Attentate verhindern können.
Wie weit Ground Zero wieder aufgebaut wird, wenn Silverstein diese Prozesse verliert, vermag niemand zu sagen. Silverstein erzählt gerne, dass am Anfang seiner Karriere als Bauherr vor 50 Jahren die Frage stand: "Wie baue ich etwas, ohne dass ich etwas habe?" Diese Respektlosigkeit vor großen Aufgaben und Risiken hat Silverstein vom Miteigentümer eines kleinen Kontors in SoHo zu einem der größten Immobilienbesitzer auf einem der teuersten Märkte der Welt aufsteigen lassen. Zum Ende dieser klassischen amerikanischen Unternehmerkarriere könnte sich der Sohn eines jüdischen Konzertpianisten verhoben haben. Momentan sieht es danach aus. Die Zeit läuft langsam davon.
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