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Wunderkinder: Jacko, wo bist Du?

Was wird aus wunderlichen Wunderkindern - Ist nicht Michael Jackson pervers, sondern die Gesellschaft in der er lebt? Von Klaus Walter

Der Junge sah grässlich aus. Überdimensionale Haartolle, puterrotes Gesicht, schimpansenhafte Züge. Das größte musikalische Genie aller Zeiten sei dieser arme Tropf. Erklärte die "Bild"-Zeitung, in dem festen Glauben, dass Genius von Genen kommt wie Kunst von Können. Schließlich handelte es sich bei dem Tollen-Schimpansen auf dem Phantom-"Bild" um den ungeborenen Sohn von Michael Jackson und Enkel von Elvis Presley. Elf Jahre ist das her, das größte musikalische Genie aller Zeiten blieb ungeboren, die Ehe zwischen Lisa Marie, der Tochter des King Of Rock’n’Roll und dem King Of Pop wurde unvollendet geschieden.

Heute wissen wir: Jacksons Zugriff auf das Elvis-Imperium blieb so folgen- wie die Ehe kinderlos. Damals sah das aus wie ein Pop-Update der monarchischen Dynastie-Bildung durch Heirat, eine Landnahme in Rock. Nun steht der angeschlagene König vor Gericht, und nicht wenige wollen ihn stürzen sehen.

Lovesongs im Grundschulalter

Die Wahrheitsfindung gestaltet sich schwierig. Die jungen Belastungszeugen wanken und gestehen bereits frühere Lügen, aber sie weichen nicht. Lassen wir also für den Moment die Schuldfrage bei Seite und fragen: Wann ist Michael Jackson uns abhanden gekommen? Oder er sich selbst? Wann werden Wunderkinder zwangsläufig wunderlich? Getrieben vom despotischen Vater, der seinen neun Kindern mehr bieten will als ein Holzhaus in Gary, Indiana, wird Michael schon im Grundschulalter zum Popstar. Lange vor der Pubertät singt er Liebeslieder. "I want you back" wird die erste Nummer Eins der Family-Band Jackson Five, da ist Michael keine zehn.

Sexuelle Aufklärung erlebt er auf Tourneen, wenn die Brüder sich mit Groupies vergnügen, angeblich auch Vater Joe. Die Aussicht, ein Mitglied der erwachsenen Männerwelt zu werden, mit seinem Körper und seiner Stimme die selben Dinge zu tun wie seine älteren Brüder, ist beängstigend. Schon früh kämpft Michael dagegen an, ein schwarzer, erwachsener Mann zu werden. Seine übergeschlechtliche Stimme - fast wie eine Weigerung, den Stimmbruch als Eintritt in einen neuen Aggregatszustand des Körpers zu akzeptieren - bietet sich Kindern und Heranwachsenden zur Identifikation an. Schon früh strebt Jackson nach der Krone des Pop. Dafür muss er mehr beherrschen als die Afroamerikanern traditionell zugewiesenen Genre-Nischen Soul, Funk oder Disco. Also erweitert er sein Repertoire und erobert größere Märkte, für Thriller holt er weiße Idole wie Paul McCartney und Eddie Van Halen ins Boot. Anders als im Prozess gegen das schwarze Idol O. J. Simpson spielt die Frage nach der Hautfarben-Quotierung der Geschworenen im Jackson-Prozess keine große Rolle. Was ist der Angeklagte? Schwarz oder weiß? Egal?

"It don’t matter if you’re black or white" postulierte Jackson noch 1991 im naiv-optimistischen Spirit der Bürgerrechtsbewegung, es sollte einer seiner letzten Universalhits sein. Da hatte er längst angefangen von Black nach White zu morphen. Die allmähliche Wandlung wurde zunächst ohne Argwohn quittiert. Schließlich gehört das Verschlanken von Nasen, der pharmazeutisch gestützte Aufbau von Muskeln und das Bleichen der Haut zur alltäglichen Aussehensarbeit vieler Afroamerikaner. Und die Haare! "Bei der Menge von Schwarzen, die sich nach wie vor die Haare entkrausen lassen, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir statt für Martin Luther King nicht einen Nationalfeiertag für Madame C. J. Walker haben, die Erfinderin der Entkrausmethode", meint der schwarze Literaturwissenschaftler Henry Louis Gates in seiner Autobiographie Farbige Zeiten und widmet dem Thema "Frisuren" ein ganzes Kapitel.

Wann aber schlägt die Arbeit am Aussehen um in Perversion? Schon bei Pamela Anderson, die ihren Busen zum Unique Sales Point ausbaut? Oder erst bei Lolo Ferrari, Oberweite 213 cm, Medizinbälle, in Größe und Inhalt? Von Ferrari, die schließlich an ihrer Trademark starb, stammt ein Satz, den auch Jackson gesagt haben könnte: "Ich hasse die Realität, ich möchte ganz und gar künstlich sein." In China, so hört man, sind sie bald so weit. Dort boomt das chirurgische Aussehensgeschäft und ist Teil jener gesellschaftlichen Realität, vor der Lolo Ferrari flüchten wollte. Für viele Frauenberufe gibt es in China vorgeschriebene Mindestgrößen. Um die zu erreichen, hilft keine Droge. Hier lassen sich Frauen die Beine brechen, um ihre Körpergröße zu optimieren.

Weniger schmerzhaft nehmen sich männliche Körperoptimierungsstrategien aus. Aber auch dort ist der Grat zwischen normal und pervers ein schmaler, zumal im weiten Feld der Ästhetisierung von Politik: Ist Berlusconis temporäre Absenz wegen einer Haartransplantation seltsamer als der Disput um Schröders Schopf? Wie gesund ist das zyklische An- und Abschwellen des Fischerbauchs? Das Aufpumpen der Schwarzeneggermuskeln? Ohne anabole Steroide wäre Arnie nie Terminator geworden, folglich auch nie Gouverneur von Kalifornien. Als solcher verhindert er ein schärferes Vorgehen gegen illegale Muskelpräparate, die von jedem neunten Hochschüler zwischen 15 und 18 benutzt werden. In den Achtzigern, als Michael Jackson mit dem Umbau seiner Persona begann, standen solche Experimente noch im Zeichen eines hedonistischen Anything Goes.

In der kontrollgesellschaftlichen Gegenwart ist die Parole "Alles ist möglich" längst zur Drohung mutiert, zum Diktat: Arbeite an deinem Körper! Im Fitness-Studio, im OP, mit allen Mitteln! Optimiere dein Selbst im Wettbewerb der Ich-AGs! Der Sog dieses Paradigmenwechsels hat Michael Jackson irgendwann aus der Kurve getragen.

Schwarzer Mann, weißes Kind

Beim großen Publikum war die Grenze der Toleranz erreicht, als klar wurde, dass hier ein schwarzer Mann zum weißen Kind umgebaut werden soll. Diesen Weg ging dann nur noch der harte Kern der sektiererischen Fangemeinde mit, dem keine Normabweichung fremd ist. Jacko-Identifizierte wie der stark übergewichtige Nerd, der dem dankbaren Gerichts-TV-Publikum erklärt, er habe die weite Reise von Tennessee nach Santa Maria, Kalifornien angetreten, um Michael zu helfen. Dabei macht er den Eindruck, er könnte selbst Hilfe gebrauchen.

Künstlerisch korrespondiert Jacksons Weigerung, ein richtiger Mann zu werden, mit seiner Unfähigkeit, das seit den frühen Neunzigern dominante Zeichensystem HipHop in seine Musik zu integrieren. Nicht das einzige Dilemma, das er mit seinem ewigen Antipoden Prince teilt.

Beide waren Repräsentanten einer androgynen Ära des Pop, in der, so das Versprechen, auch die Hautfarbe kein Problem sein sollte. Als dieses wie andere Versprechen nicht eingehalten wurde, setzte eine massive Remaskulinisierung ein. HipHop wurde der Soundtrack zum alltäglichen Überlebenskampf, der muskulös aufgerüstete Ego-Fighter zum Rollenmodell. Gegen den Körperpanzer von Rappern wie 50 Cent wirkt der (längst nicht mehr) entblößte Oberkörper von Prince wie die sprichwörtliche Hühnerbrust. Und Michael Jackson zieht sich sowieso nie aus. Höchstens vor Kindern.

Frankfurter Rundschau, 19. März 2005

Autor:  Klaus Walter
Datum:  26 | 6 | 2009
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