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Zehn Fragen Siri Hustvedt: Das rätselhafte Zittern

Die Autorin Siri Hustvedt spricht im FR-Interview über ihre Nervenkrankheit. "Ich hätte nicht zwangsläufig mein Zittern beschreiben müssen. Viele Menschen haben irgendeine Art von Leiden".

Es ist ein großes Vergnügen, am Leben zu sein, sagt Siri Hustvedt.
"Es ist ein großes Vergnügen, am Leben zu sein", sagt Siri Hustvedt.
Foto: bilderberg

Frau Hustvedt, Ihr Buch "Die zitternde Frau" steht weit vorn auf der Bestsellerliste, Ihre Lesungen in Deutschland waren ausverkauft. Warum sind Ihre Bücher hier beliebter als in den USA?

Es gibt hier in Deutschland einfach eine entwickeltere literarische Kultur. Bei uns dagegen gibt es eine starke antiintellektuelle Tradition.

Zur Person

Siri Hustvedt, 1955 im US-Bundesstaat Minnesota geboren, entstammt einer norwegischen Einwandererfamilie. Die Ehefrau des Schriftstellers Paul Auster schrieb ihren ersten Roman 1992, der literarische Durchbruch in Europa gelang ihr 2003 mit "Was ich liebte", der Geschichte zweier Paare und ihrer Söhne.

Ihr aktuelles Buch "Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven" ist im Rowohlt-Verlag erschienen. Ihr nächster Roman, "The Summer without Men", wird voraussichtlich im Frühjahr 2011 in Deutschland erscheinen. Hustvedt und Auster haben eine 22-jährige Tochter und leben in Brooklyn.

Hat es damit zu tun, dass das New York Ihrer Bücher so ist, wie Deutsche es sich gern vorstellen? Eine elegante Welt, in der Akademiker, Künstler, Schriftsteller geistreiche Gespräche führen?

Aber nicht alle meine Bücher spielen in New York. Na gut, sie spielen entweder in New York oder Minnesota. Das sind einfach die beiden Orte auf der Welt, die ich am besten kenne.

Möglicherweise glauben die Leser, sie erfahren etwas über Sie. Man stellt sich vor, dass die Welt, die Sie beschreiben, Ihre ist. Schließlich weiß fast jeder, der Ihre Romane liest, dass Ihr Mann der Schriftsteller Paul Auster ist.

Nein, über mich wird man da nicht viel herausfinden. Fiktion ist die Kunst der Transformation. Es ist Träumen, während man wach ist. Die buchstäblichen Fakten, die liefere ich nicht.

Ihr neues Buch dreht sich um ein rätselhaftes Zittern, das Sie in den letzten Jahren immer wieder überfallen hat. Warum interessiert das so viele Menschen?

Weil es sich damit befasst, wie wir über Krankheiten und ihre Symptome denken und reden. Ich hätte nicht zwangsläufig mein Zittern beschreiben müssen. Man hätte fast alles nehmen können. Viele Menschen haben irgendeine Art von Leiden, oft ist es chronisch, und oft sind, wie bei mir, die Gründe sowohl psychologisch als auch physiologisch. Bei Asthma zum Beispiel. Oder bei Kopfschmerzen. So viele Menschen haben Kopfschmerzen. Und Migräne ist ein verhältnismäßig schlecht verstandenes Phänomen. Die Leute sind neugierig auf so ein Thema.

Wann hat das Zittern begonnen?

An einem Frühlingstag vor fast vier Jahren hielt ich eine Rede in der Universität, an der mein verstorbener Vater gelehrt hatte, und plötzlich begann mein Körper vom Hals abwärts stark zu zittern. Ich konnte weiterreden, mein Kopf blieb klar. Was war das? Eine verspätete Reaktion auf den Tod meines Vaters? Ein epileptischer Anfall? Sollte ich zum Psychologen oder zum Neurologen gehen? Kann man Geist und Gehirn getrennt betrachten? Ausgehend von diesen Fragen unternehme ich im Buch eine Reise durch die Forschungsliteratur.

Haben Sie gleich nach einer Diagnose gesucht?

Nein, erst, als es weitere Male passierte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte zuerst, das ist eine einmalige Sache. Aber dann zitterte ich bei einem Vortrag über meine Schreibkurse für Psychiatriepatienten. Und zweimal bei Veranstaltungen in Australien: bei einer Diskussionsrunde über Tod in der Literatur und bei einer Lesung aus meinem letzten Roman, in dem es um den Tod eines Vaters geht und in dem ich auch Briefe meines Vaters zitiere, die er als junger Mann schrieb. Als ich einen Vortrag im Museum Prado in Madrid halten sollte, über Goya, eine ziemlich große Sache, dachte ich: Was, wenn ich da stehe und wieder einen Anfall habe? Ich nahm eine Tablette, einen Betablocker. Zur Sicherheit nehme ich vor öffentlichen Auftritten jetzt meistens Medikamente.

Ihre Antwort auf Ihr eigenes Zittern ist, dass es mit dem Tod Ihres Vaters zu tun hat, aber eine neurologische Veranlagung auch da gewesen sein muss.

Ja, es geschah fast immer, wenn es um Tod und um meinen Vater ging. Es passierte aber auch einmal, als ich zu schnell auf einen Berg stieg und hyperventilierte. Jeder hat eine Schwelle für derartige Anfälle, bei hohem Fieber zum Beispiel fängt jeder irgendwann an zu zittern. Alles in allem ist meine Schwelle wohl besonders niedrig. Ich hatte auch als Baby Fieberkrämpfe.

Ließ die Angst vor dem eigenen Tod Sie zittern?

Wer weiß. Wie fast allen Menschen fällt es mir schwer, zu akzeptieren, dass ich sterben werde. Unterhalb eines bestimmten Alters rebelliert jeder Teil unseres Körpers gegen diese Vorstellung. Wenn bei mir morgen eine tödliche Krankheit diagnostiziert würde, würde ich wahrscheinlich in Panik geraten. Und ich bin sicher, ein Teil von mir würde es leugnen. Ich hatte einmal einen schweren Autounfall. Währenddessen spürte ich eine tiefe Gleichgültigkeit. In den vier Nächten danach habe ich von dem Unfall geträumt, dann hörte es auf. Ich glaube, wenn man dem Tod sehr nahe ist, macht etwas in uns zu. Da ist etwas im System, dass das aussperrt.

Wie kommen Sie damit zurecht, älter zu werden?

Das hat bei mir ein Gefühl der Dringlichkeit ausgelöst. Nutze jeden Tag, betrachte ihn nicht als selbstverständlich. Ich werde in ein paar Tagen 55 Jahre alt und das ist ganz schön viel. Ich denke darüber nach, wie viel Zeit ich noch habe. Dieses Gefühl der Dringlichkeit ist gut. Es macht alles intensiver. Es ist ein großes Vergnügen, am Leben zu sein.

Wird es befreiend sein, irgendwann nicht mehr die schöne Frau sein zu müssen?

Unbedingt. Ich finde, es hat etwas sehr Nettes, sich in einem älter werdenden Gesicht und Körper einzurichten. Und die Falten! Sie sind gut! Wer weiß, wenn es schneller und schneller geht, machen sie mir vielleicht doch was aus. Wir stecken in uns drin, nur manchmal gibt es diese Momente, in denen wir anders, wie von außen, auf uns sehen. Kürzlich hatte ich ein Foto von meinem Mann und mir in der Hand, und ich dachte: Tatsächlich, das sind zwei alte Menschen.

(Interview: Petra Ahne)

Datum:  15 | 3 | 2010
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