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12. Februar 2016

Zika-Virus: Ein Land macht mobil gegen Zika

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Ein vier Monate altes Kind, das an Mikrozepahlie leidet.  Foto: rtr

Brasiliens Armee fährt harte Geschütze gegen den Erreger auf: Nächste Woche werden Soldaten die zivilen Moskito-Bekämpfer begleiten, die mit Insektiziden gegen Larven des Aedes-aegypti-Moskitos vorgehen.

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Ein Moskito ist nicht stärker als ein ganzes Land“, lautet die Parole. So steht es auf den Merkblättern, die Brasiliens Regierung am Samstag von 220 000 Soldaten an die Bevölkerung verteilen lässt, um sie für den Kampf gegen die Mücke zu mobilisieren, die Dengue, aber auch Zika überträgt und damit vermutlich Mikrozephalie bei Neugeborenen auslöst. Nächste Woche werden Soldaten die zivilen Moskito-Bekämpfer begleiten, die mit Insektiziden gegen Larven des Aedes-aegypti-Moskitos vorgehen. Drei Millionen Haushalte in mehr als 350 besonders stark betroffenen Städten sollen kontrolliert werden.

Dass Soldaten mitlaufen, soll das Bewusstsein der Bevölkerung schärfen und ihr Misstrauen gegen die zivilen Moskito-Kontrolleure ausräumen, die oft aus Angst vor Überfällen nicht eingelassen werden. Verteidigungsminister Aldo Rebelo sagte, schätzungsweise 60 Prozent der Infektionen geschähen im häuslichen Bereich, daher sei es nötig, dass die Teams eingelassen werden.

Rebelo hatte zunächst dafür plädiert, dass sich die Behörden notfalls mit Gewalt Zugang verschaffen. Das werde nicht geschehen, sagte jedoch Generalstabschef Ademir Sobrinho später. Ursprünglich war Rebelo dagegen, die Soldaten einzusetzen, weil sie für den Kampf gegen die Aedes-Mücke nicht vorbereitet seien. Aber er wurde erneut von Sobrinho korrigiert: Die Soldaten seien dafür trainiert.

Als zumindest unvorsichtig wurde in der brasilianischen Presse die Ankündigung von Gesundheitsminister Marcelo Castro gewertet, „in einem Jahr“ werde die Forschung einen Impfstoff entwickelt haben, der dann an Tier und Mensch getestet werden und in drei Jahren einsatzbereit sein könne. „Gründliche Forschung verträgt sich nicht mit politischem Marketing“, rügte die Zeitung „Folha de S. Paulo“. Wann ein Forschungsergebnis vorliege, sei kaum vorherzusagen. Der Impfstoff soll von brasilianischen Forschern zusammen mit der Universität Texas entwickelt werden.

Der Druck gerade auf die brasilianischen Gesundheitsbehörden ist groß, denn die Spekulationen führen laut Ärzten zu immer mehr Abtreibungen. Die katholische Kirche warnt vor der vorschnellen Tötung ungeborenen Lebens und einer „Lex Zika“, um Abtreibungen zu erleichtern.

Dass Soldaten die zivilen Moskito-Bekämpfer begleiten, soll das Bewusstsein der Bevölkerung schärfen und ihr Misstrauen ausräumen.  Foto: dpa

Eine „kleine Verzögerung“ nannte Castro die fünf Monate, die die Gesundheitsbehörden im Land schon auf 100 000 Test-Kit zur Diagnose von Dengue-Fieber warten. Das Ministerium kauft die Tests für das staatliche Gesundheitssystem zentral an. Das Ausschreibungsverfahren sei jedoch in Verzug geraten, so Castro.

Dabei steht Brasilien offenbar vor einer größeren Dengue-Epidemie, die eindeutig viel gefährlicher ist als Zika, das vor allem wegen der Mikrozephalie weltweit Schlagzeilen macht. In den ersten drei Wochen 2016 sind im ganzen Land 48 Prozent mehr Dengue-Fälle registriert worden als in den ersten drei Wochen 2015 – und im vergangenen Jahr wurden 1,6 Millionen Dengue-Fälle erfasst, so viel wie nie zuvor in Brasilien. Während soeben der dritte Zika-Tote bestätigt wurde, starben 2015 über 800 Menschen an Dengue.

Die Zahlen der ersten drei Wochen mögen verfälscht sein. Wegen Zika sind Ärzte und Patienten sensibilisiert, während vor einem Jahr mancher Fall womöglich nicht erkannt und gemeldet wurde; andererseits diagnostizieren unerfahrene Ärzte womöglich Zika als Dengue. Dennoch ist der Anstieg deutlich: In Brasília wurden seit Jahresbeginn viermal mehr Dengue-Fälle erfasst als im Vergleichszeitraum 2015. In São Paulo verdreifachte sich die Zahl. In Riberão Preto, eine Stadt so groß wie Stuttgart, multiplizierte sie sich mit 18.

Im Nordosten Brasiliens, wo die meisten Fälle von Mikrozephalie registriert wurden, ist die Zahl der Neugeborenen mit zu kleinen Schädeln in den vergangenen Tagen deutlich gesunken. „Im Dezember hatten wir etwa 15 neue Fälle pro Woche, jetzt sind es vier“, sagte die Infektologin Regina Coeli, die an einem der Referenzhospitäler in Recife arbeitet, „was wir jetzt erleben, ist der Reflex von vor neun Monaten, als der Dengue- und Zika-Ausbruch langsam abklang“. Allerdings haben die Gesundheitsbehörden der Region seit Jahresbeginn ebenfalls deutlich mehr Dengue-Fälle registriert – einen Zuwachs von 190 Prozent im Vorjahresvergleich. „Darauf müssen wir uns jetzt einstellen, damit in neun Monaten nicht wieder das gleiche geschieht wie jetzt“, warnte die Ärztin.

In Marè gelten Uniformen als Kampfansage

Das aus Afrika stammende Dengue-Fieber wurde 1851 erstmals in Brasilien registriert. Um 1920 war die Krankheit in Brasilien jedoch ausgerottet. Die Behörden waren damals rigoros gegen die Aedes-Mücke vorgegangen, um das erheblich gefährlichere Gelbfieber auszurotten, das die Mücke ebenfalls übertrug. Rund vier Jahrzehnte lang war Brasilien frei von Aedes, bis das Moskito Ende der Sechziger offenbar aus einem Nachbarland wieder eingeschleppt wurde. Seit 1990 ist Dengue meldepflichtig.

Aber seitdem nehmen die Infektionen, trotz mancher Jahre mit deutlich weniger Fällen, auf längere Zeit betrachtet immer weiter zu: Von 40 000 im Jahr 1990 auf 1,6 Millionen 2015.

Die Wassertanks abdichten, Untersetzer für Topfpflanzen mit Sand auffüllen, alte Autoreifen regengeschützt lagern, um Moskito-Brutstätten zu vermeiden – das Flugblatt, das die Soldaten verteilen, enthält nichts Neues. Dennoch findet Lúcia Cabral, die im Favela-Komplex Alemão in Rio de Janeiro ein Sozialprojet leitet, die Militäraktion nützlich. „Den Bewohnern fehlt das Bewusstsein für die Gefahren“, sagt sie, „wer schmeißt denn den ganzen Müll in die Gegend, in dem sich die Moskitos entwickeln?“

Den Behörden, sagt sie, könne man nur den Vorwurf machen, dass nicht schon längst wirksame Aufklärungskampagnen begonnen hätten. Die Soziologin Silvia Ramos, die über Favelas forscht, hält allerdings die chronisch lückenhafte Müllabfuhr für das größte Versäumnis des Staates gegenüber den Favela-Bewohnern.

In Rocinha, einer anderen großen Favelas von Rio, berichten Bewohner, dass sich die Anti-Dengue-Teams, die in Rio seit Jahren regelmäßig Häuser und Wohnungen nach Brutstätten inspizieren, so gut wie nie sehen ließen: „Vor zwei Jahren das letzte Mal vielleicht“, sagt eine Bewohnerin. Sprayaktionen gebe es ab und zu, „aber nur unten am Eingang der Favela, richtig hinein kommen sie nicht“.

Ob sich die Soldaten überall dorthin wagen, wo Aedes sirrt, ist ebenfalls fraglich. In den harten, vom Drogenhandel beherrschten Gebieten wird jede Uniform als eine Art Kampfansage aufgefasst. Zum Beispiel Maré, eine Favela von 130 000 Einwohnern, die die Armee vor der Fußball-WM besetzte und nach 15 Monaten wieder an die Polizei übergab, ohne die Lage entspannt oder gar gelöst haben zu können. „Da hat die Armee den Krieg verloren“, sagt Ramos. Es sei fraglich, ob sich Soldaten jetzt – und sei es auch nur im Anti-Aedes-Kampf – in Maré blicken lassen könnten.

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