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Zukunftsforscher Horx: Der Glaube an den digitalen Überdruss

Laut Trend-Report 2009 haben die Menschen genug von E-Mails und Sozialen Netzwerken - sie flüchten aus dem Internet. Auch andere Entwicklungen sieht Trendforscher Matthias Horx kritisch.

Genug von Facebook und Co.? - Zukunftsforscher Horx glaubt an einen digitalen Rückzug.
Genug von Facebook und Co.? - Zukunftsforscher Horx glaubt an einen digitalen Rückzug.
Foto: Getty

Frankfurt/Main. Die Begeisterung für das Internet stößt nach Einschätzung von Zukunftsforscher Matthias Horx zunehmend an Grenzen. "Immer mehr stellt sich heraus, dass virtuelle Welten die realen nur bedingt ersetzen können", sagte Horx in einem Gespräch mit der dpa. "Ein kleiner, aber wachsender Teil von Menschen, die sehr Internet und digital affin waren, steigt aus diesem Zustand wieder aus." Viele Firmen hätten E-Mail-freie Tage eingeführt. Rund 2,6 Millionen Menschen bezeichneten sich Studien zufolge bereits als "Ex-Onliner": Sie verringerten ihre digitale Kommunikation, um mehr Lebensqualität zu haben, sagte der Leiter des Zukunftsinstituts in Kelkheim bei Frankfurt.

Zwar gibt es viele Untersuchungen, nach denen die Zahl der täglich verschickten E-Mails immer weiter steigt. Laut ARD/ZDF-Online-Studie 2008 ist die Zahl der Internetnutzer in Deutschland so hoch wie nie zuvor. Die großen Sozialen Netzwerke wie StudiVZ, Wer-kennt-wen oder Xing haben allein in Deutschland zusammengenommen weit mehr als 20 Millionen Mitglieder. Junge User ziehen das Internet allen anderen Medien vor, was bei den Seiten der Zeitungen und Sender in den letzten Jahren zu gewaltigen Sprüngen in den Nutzungszahlen geführt hat. Aber Horx kümmert das alles wenig.

Trend-Report 2009

Matthias Horx: "Die soziokulturellen Schlüsseltrends für die Märkte von morgen", lieferbar ab 3. 12., 134 Seiten, ISBN 978-3-938284-44-5, 125 Euro

Bei intensiven Erfahrungen im Internet mit Kontakt-Plattformen wie StudiVZ, Facebook und Xing hätten viele gemerkt, "dass ihnen dabei die sozialen Bindungen unter den Fingern zerrinnen, und dass virtuelle "Zombie-Freunde" nicht so verlässlich sind", sagt er stattdessen.

Dieses Problem des "digitalen Fake" werde inzwischen in vielen Internet-Foren diskutiert. In immer mehr Restaurants und Cafés seien Handys und Laptops nicht mehr willkommen. "Sie wollen keine Atmosphäre, wo jeder in seinen virtuellen Tunnel schaut, sondern soziale Orte, in denen man sich real begegnet."

Viele Unternehmen hätten die E-Mail-Flut inzwischen als "Zeit- und Produktionsfresser" erkannt und schalteten bevorzugt freitags den internen Mail-Verkehr ab, sagte Horx. "Stattdessen veranlassen sie die Menschen wieder zum gemeinsamen Tee trinken, weil das viel produktiver ist." "Offline" heißt einer von neun gesellschaftlichen Trends, die Horx und sein Zukunftsinstitut in ihrem neuen Trendreport 2009 vorstellen.

Die "Tendenz des digitalen Überdruss" befruchtet einen anderen Trend, den Horx und seine Wissenschaftler "Club Couture" nennen. "Club-Formationen werden für die Gesellschaft künftig sehr wichtig werden", sagte Horx. Damit seien nicht die Clubs gemeint, in denen sich schon immer Eliten organisierten, sondern neue Clubs zu bestimmten Themen oder Interessen. Am deutlichsten sei diese Entwicklung bislang im Tourismus zu erkennen, wo die Ausschließlichkeit als Marketing-Instrument an Bedeutung gewinne, etwa in Hotels für bestimmte Zielgruppen. Aber auch viele Banken versuchten nach der Finanzkrise wohlhabenden Privatkunden nicht mehr über bestimmte Produkte, wie Derivate, zu binden, sondern über Literatur, Kunst und Kultur.

Horx sieht zudem eine "Renaissance von bürgerschaftlichem Engagement". Als Beispiele nennt er zahlreiche Privatschulgründungen von Eltern, das wachsende Engagement von Bürgern in Stiftungen und Engagement-Portale im Internet etwa zur Verteilung von Spenden. Auch regionale Bürgerinitiativen nähmen zu, etwa in "Neuen Siedlungsbewegungen", in denen Mehrgenerationen-Wohnen mit ökologischer Architektur kombiniert werde.

Die Verschiebung dieses sozialen Engagements zu mehr Individualität und Kreativität werde von der Politik und den Parteien noch nicht richtig wahrgenommen, sagte Horx. "Die Menschen wollen nicht mehr eine Nummer in einer großen Organisation sein, sondern ihren eigenen Stil entwickeln können." Andere Beispiele seien grüne Einkaufs-Portale im Internet und Reisen, bei denen Urlaub mit sozialem oder Engagement für die Umwelt verbunden werde.

Der Bio-Trend entwickle sich zwar fort, gleichzeitig gerate die Bio-Branche aber aufgrund der immens gewachsenen Nachfrage in eine Krise. "Der Markt ist inzwischen so groß, dass sie Massenproduktion brauchen und damit verliert das einen Teil seines Charmes und seiner Nachvollziehbarkeit." Horx rechnet mit mehr Skandalen und Turbulenzen in der Bio-Branche. "Sie verliert an Glaubwürdigkeit, aber die Menschen haben weiterhin das Bedürfnis nach einer anderen Art von Ernährung und Lebensmittelproduktion." Eine Folge sei, dass immer mehr Verbraucher selbst Nahrungsmittel anbauten und einkochten. In den USA mieteten sich bereits Hunderte Stadtbewohner gemeinsam eine bäuerliche Kooperative, um für sich Biolebensmittel zu produzieren. (dpa, fr)

Datum:  27 | 11 | 2008
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