Wer selbst ein Meister ist und sich beherrschen kann", heißt es in einem Gedicht des Barock-Lyrikers Paul Fleming, "dem ist die weite Welt und alles untertan." Für Elisabeth Noelle-Neumann wurde diese Zeile zum Lebensmotto. In metallenen Lettern findet sich der Spruch auf einem Granitblock in ihrem Garten. Selbstdisziplin und der Drang zu Großem blieben die Kernelemente ihrer beruflichen Karriere. Mit diesen Eigenschaften prägte sie die frühen Jahre der Bundesrepublik auf signifikante Weise.
Noelle-Neumann entwickelte die professionelle Demoskopie in Deutschland. Und obwohl sie vorgab, die politische Willensbildung in ihren Verläufen bloß zu messen, wurde ihrem Allensbacher Institut doch über Jahrzehnte vorgeworfen, im Dienste der konservativen Parteien Meinungsbildung zu betreiben.
Elisabeth Noelle-Neumann ist die Gründerin des ersten deutschen Meinungsforschungsinstitutes. 1947 rief sie das Institut Allensbach ins Leben, das vor allem durch politische Meinungsforschung bekannt wurde. 1964 wurde Noelle-Neumann als Professorin an die Universität Mainz berufen. Ihr bekanntestes Werk ist "Die Schweigespirale".
Geboren wurde Noelle-Neumann 1916 in Berlin. 1937/38 verbrachte sie ein Austauschjahr in den USA. Die Unternehmenstochter war zweimal verheiratet. Von 1946 bis 1973 mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Erich Peter Neumann, von 1979 bis 2000 mit dem Physiker Heinz Maier-Leibnitz. (rn)
Der Rückzug auf wissenschaftliche Objektivität misslang schon im Ansatz. Elisabeth Noelle-Neumann war eine streitbare Person, darüber konnte auch ihre damenhafte Vornehmheit nicht hinwegtäuschen, mit der sie jahraus, jahrein den Befindlichkeiten und politischen Präferenzen der Deutschen auf der Spur war. Politisch amalgamiert war ihre berufliche Biografie von Anfang an. 1916 wurde sie als Tochter des Juristen und Gründers der Tobis-Filmgesellschaft, Ernst Noelle, geboren. 1935 nahm sie das Studium der Amerikanistik und Zeitungswissenschaften an der inzwischen nationalsozialistisch gleichgeschalteten Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin auf. Sie promovierte bei Emil Dovifat, dem Doyen der deutschen Publizistikwissenschaft.
Eher zufällig, erzählte sie wiederholt, sei sie Adolf Hitler auf dem Obersalzberg begegnet. Weniger zufällig schrieb sie nach ihrer Promotion für die von Joseph Goebbels herausgegebene Wochenzeitung Das Reich. In ihrer später von ihren Gegnern immer wieder zitierten Dissertation über Massen- und Meinungsforschung in den USA sparte sie nicht mit antisemitischen Stereotypen. Die Juden, heißt es darin, hätten einen Großteil des geistigen Lebens monopolisiert und betrieben seit 1933 gezielt demagogische Deutschlandhetze.
Nach dem Krieg knüpfte Elisabeth Noelle, die 1946 den Journalisten Erich Peter Neumann geheiratet hatte, an ihre demoskopischen Arbeiten an. Zusammen mit ihrem Mann gründete sie 1947 das Institut für Demoskopie Allensbach. Als erstes deutsches Meinungsforschungsinstitut war es bald aus der gesellschaftlichen und politischen Landschaft nicht mehr wegzudenken. Elisabeth Noelle-Neumann polarisierte schon wegen ihrer beruflichen Laufbahn während der Nazi-Zeit. Ihre Fähigkeit, mit ihrer Rolle als Reizfigur umzugehen, vermochte ihr Ansehen allerdings auch zu steigern. In den Fernsehinterviews, in denen sie zur mentalen Lage der Nation befragt wurde, wirkte ihre aristokratisch anmutende Arroganz stets herausfordernd und unnahbar. Unbestreitbar aber war ihre intellektuelle Präsenz.
Ihren nachhaltigen publizistischen Erfolg erzielte Noelle-Neumann mit ihrer Theorie von der Schweigespirale. Ihr zufolge vertreten die Verfechter der herrschenden Meinung diese immer offensiver, während die Vertreter von Minderheitsmeinungen weitgehend verstummen. Die Formel von der schweigenden Mehrheit ist fest mit dem Namen der Meinungsforscherin verbunden. Noelle-Neumann meinte ein unausgesprochenes und nur schwer zu ermittelndes Meinungsgefälle festgestellt zu haben. Ihre wissenschaftlichen Kontrahenten hielten dagegen, sie führe Intuition und Unschärfe in die empirischen Wissenschaften ein.
Private Vorliebe für Astrologie
Aus ihren privaten Vorlieben für Irrationales und Astrologie hat Noelle-Neumann nie einen Hehl gemacht. Sie glaube an Fügung und glückliche Zahlen. Im Allensbacher Institut, verriet sie einmal in einem Interview, spiele man eine Art demoskopisches Toto. Die Mitarbeiter tippten auf die Ergebnisse laufender Umfragen. Die meisten setzten dabei auf den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, zu dem Noelle-Neumann ein freundschaftliches Verhältnis unterhielt.
Die Forscherin pflegte stets enge Kontakte zu den Mächtigen der Republik. Mit Konrad Adenauer traf sie sich zum Tee und Ludwig Erhard erwartete sehnsüchtig ihre Prognosen. Noelle-Neumann war mit ihrer strengen, bisweilen aber auch liebenswürdigen Art, auf die Seelenlage der Nation zu blicken, die Domina der öffentlichen und veröffentlichten Meinung der alten Bundesrepublik. Gestern ist sie im Alter von 93 Jahren gestorben.
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