Hannover/Bielefeld. Der Fahrgastverband Pro Bahn hält die gehäuften Defekte von Klimaanlagen in ICEs für ein hausgemachtes Problem. "Es waren alles Züge des Typs ICE II. Das sind Züge, die jetzt 15 Jahre alt sind", sagte Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Verbandes, am Montag. Eine Generalüberholung der Züge sei "dringend" nötig. "Die kommen jetzt auch in die Revision, vielleicht hätten sie doch etwas früher reingemusst."
Fatal sei nach wie vor der Umgang der Bahn mit Problemen. "Was die Bahn noch immer nicht gelernt hat, ist, mit Krisen umzugehen", kritisierte Naumann. "Wenn es kritisch wird, muss man einen Zug auch mal anhalten und nicht nur, wenn er nicht weiterfahren kann, sondern auch, wenn im Inneren Dinge des Komforts nicht mehr stimmen." In den konkreten Fällen vom Wochenende hätte man die Reisenden aussteigen lassen müssen. "Das geht nicht anders." Erste Reaktionen der Bahn gebe es bereits. Es sei etwa dafür gesorgt worden, dass mehr Getränke an Bord sind, die verteilt werden können. "Das ist schon mal ein richtiger Schritt."
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Nach dem Ausfall der Klimaanlage in einem ICE auf der Strecke Hannover-Köln hatten am Samstagabend zahlreiche Bahnreisende einen Hitzekollaps erlitten. 44 Menschen mussten ärztlich behandelt werden, wie ein Bahnsprecher am Sonntag mitteilte. Die Klimaanlage in dem ICE war komplett ausgefallen. In den modernen Schnellzügen können die Fenster nicht geöffnet werden. Mehrere Personen wurden wegen Kreislaufproblemen in Krankenhäuser eingeliefert. Nun ermittelt die Bundespolizei gegen die Deutsche Bahn.
Es war nicht der einzige Vorfall dieser Art: Nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sei am Sonntag in Teilen des IC 2307 von Hamburg in Richtung Ruhrgebiet die Klima-Anlage ausgefallen. Reisende durften in die Erste Klasse wechseln und erhielten Getränke. Der überhitzte 12.36-Uhr-IC von Berlin via Osnabrück nach Amsterdam sei in Stendal mit einem Lokschaden liegengeblieben. Als für den IC ein Ersatzzug kam, sei dieser ebenfalls nicht klimatisiert gewesen. Reisende berichteten der Zeitung von Wutausbrüchen von Fahrgästen und von Schaffnerinnen, die den Tränen nahe waren. Eine Dehydrierte musste aus dem Zug geführt werden. Die Bahn habe am Bahnsteig keine Getränke angeboten.
Auch in Hannover blieben zwei ICE-Züge wegen defekter Klimaanlagen stehen. Da die Störung erst kurz vor beziehungsweise in Hannover auftrat, sei niemand zu Schaden gekommen, sagte ein Bahnsprecher. Die betroffenen 1000 Reisenden setzten ihre Reise Richtung Köln mit anderen Zügen fort.
Passagiere schilderten, in dem völlig überfüllten Zug hätten Temperaturen jenseits der 50-Grad-Marke geherrscht. Auf dem Bielefelder Hauptbahnhof seien 91 Rettungskräfte im Einsatz gewesen, schrieb die Zeitung. Neun Schülerinnen seien mit Kreislaufproblemen in Krankenhäuser gebracht worden. Für die übrigen Schüler - überwiegend 16- bis 18-Jährige - habe die Bielefelder Feuerwehr klimatisierte Busse besorgt, die die Jugendlichen und ihre Lehrer in der Nacht zu Sonntag nach Hause brachten.
Zwei weitere Ausfälle von Klimaanlagen in ICE-Zügen verliefen dagegen glimpflich für die Reisenden. Die Züge waren am Samstagnachmittag von Berlin in Richtung Köln unterwegs, als bei einem Zug kurz vor und beim anderen beim Stopp im Hauptbahnhof Hannover nur noch warme Luft aus der Anlage kam, wie ein Bahnsprecher sagte. Daraufhin sei entschieden worden, beide Züge nicht weiterfahren zu lassen. Die Reisenden wurden im Hauptbahnhof von Mitarbeitern der Bahn und Helfern des Technischen Hilfswerks mit Getränken versorgt.
Die Passagiere setzten ihre Fahrt im Regionalexpress, mit der S-Bahn, per ICE über Frankfurt und mit einem von der Bahn organisierten Reisebus fort. Der Bahnsprecher wollte angesichts von 1400 Fernzügen im täglichen Einsatz nicht von einer Häufung von Klimaanlagenausfällen sprechen.
Schüler kollabierten
Mehrere Klassen des Gymnasiums im rheinländischen Willich und einer Gesamtschule in Remscheid hatten Berlin besucht - insgesamt 59 Schüler und fünf Lehrer. Schon kurz nach der Abreise am Samstag sei die Klimaanlage in dem ICE ausgefallen, berichtete die Schulleiterin des Gymnasiums in Willich nach Gesprächen mit Augenzeugen. Das Bahnpersonal habe die Schüler mit Getränken versorgt und in die erste Klasse gelassen. Doch auch dort versagte die Lüftung. In Hannover seien die Schüler in einen anderen ICE umgestiegen, der überfüllt war - und mit ebenfalls defekter Air-Condition.
Auf dem Weg bis zum nächsten Stopp in Bielefeld sei die Situation nach Aussagen der Rektorin dann sehr schwierig geworden. Mitreisende Lehrer beschieben, dass mehrere ältere Menschen zusammengebrochen seien und in den Gängen lagen. Eine Mutter habe fast die Nerven verloren und in Panik und Verzweiflung versucht, ein Fenster mit dem Nothammer einzuschlagen, weil ihr kleiner Sohn nach Atem rang.
Auch den Schülern sei es zunehmend schlechter gegangen. "Das war wie in einer Sauna. Fünf Minuten später wären bestimmt alle kollabiert", zitiert das "Westfalen-Blatt" den 16-jährigen Bastian. Vom Zug aus wurden die Rettungskräfte in Bielefeld alarmiert. Einige Sanitäter, die zu den Schulklassen gehörten, hatten zuvor im Zug schon Erste Hilfe geleistet, als Mitschüler hyperventilierten.
Verdacht auf fahrlässige Körperverletzung
Ein Sprecher der Bundespolizei in Münster kündigte eine "Ursachenforschung" des Vorfalls an. Die Bahn müsse für die Zukunft klären, dass sich ein derartiger Notfall nicht wiederholt. Nach ersten Informationen der Bundespolizei gab es möglicherweise bereits bei der Abreise des Zuges in Berlin Probleme mit der Klimaanlage. Nun überprüft die Bundespolizei den Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung durch das Zugpersonal, sagte eine Sprecherin der Bundespolizeidirektion St. Augustin, die für den Bahnhof Bielefeld zuständig ist. (ddp/dpa)
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