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Interview mit Fettes Brot: "Wir sind keine Gute-Laune-Band"

Die HipHop-Band Fettes Brot verabschiedet sich für unbestimmte Zeit von der Bühne - und lässt es vorher nochmal auf der Tour krachen.

Doc Renz, König Boris und Björn Beton von Fettes Brot.
Doc Renz, König Boris und Björn Beton von Fettes Brot.
Foto: dapd

Doc Renz, König Boris, ich habe beschlossen, Ihre Ankündigung, eine Schaffenspause auf unbestimmte Zeit einlegen zu wollen, durchaus ernst zu nehmen.

König Boris: Sehr freundlich.

Unter Musikexperten hält sich das Gerücht, das sei nur ein Bluff gewesen, um den Ticketverkauf für die Tour anzukurbeln.

Doc Renz: Sollte uns das ärgern? Ich höre aus besorgten Reaktionen von Fans vor allem heraus, dass sie sich nicht vorstellen können, so etwas wie Fettes Brot könnte einmal zu Ende gehen.

KB: Wir haben nie gesagt, dass wir uns als Band auflösen, sondern auf unbestimmte Zeit nicht zusammen auftreten und keine Platte machen werden. Schaffenspause stimmt auch nicht. Wir werden im kommenden Jahr viele Dinge machen, nur nicht zusammen.

DR: Es hat doch seinen Reiz, ein Vakuum zu schaffen und im Vergleich zu früher...

...als es diese Bandpausen auch gegeben hat...

...machen wir es jetzt öffentlicher. Logisch, dass das anders wahrgenommen wird. Und irgendwann sehnen wir uns nach den alten Zeiten und kommen mit neuen Themen und Ansichten zurück. Vielleicht streiten wir uns aber auch fürchterlich, und das war es mit Fettes Brot. Also besser schnell noch eine Karte kaufen.

Es ist kein komisches Gefühl, jetzt die letzten beiden Konzerte zu spielen, bevor man erst einmal getrennte Wege geht?

DR: Es kann schon sein, dass man wehmütig wird.

KB: Aber noch fühlt es sich nicht nach Abschied an.

DR: Wir genießen die Tour. Es ist großartig, zusammen unterwegs zu sein. Live waren wir nie besser.

KB: Was unser Preis für die beste Liveband beweist. Den hätten wir vermutlich nie bekommen, hätten wir keine Pause angekündigt.

DR: Und nächstes Jahr gibt es einen Preis für die beste Pause.

Viele Themen werden nun unbesungen bleiben, die Wehrpflicht wird zum Beispiel ausgesetzt. Wäre das nicht einen Song wert?

KB: Wir waren alle drei Zivildienstleistende. Eine unserer Stärken ist, dass wir uns fast immer richtig eingeschätzt haben, zu welchen Themen wir das Maul aufreißen können und wann wir uns besser bedeckt halten. Der Einsatz in Afghanistan wäre in dem Zusammenhang ein Aspekt, da wird es schwierig, eine eindeutige Meinung zu haben.

DR: Nehmen Sie Barack Obama, ein intelligenter Mensch mit viel Übersicht. Selbst der scheint am Thema Afghanistan zu verzweifeln. Da können wir nicht mal eben 3:30 Minuten Popsong darüber machen.

Und über die Multikultidebatte?

KB: Thema Parallelgesellschaften und Leitkultur. Warum nicht? Aber komplex. Selbst wenn kein Ausländer in Deutschland leben würde, existieren hier schon lange verschiedene Lebenswelten und Lebensentwürfe, da kann sich der eine das Leben des anderen nicht einmal vorstellen. Das allein führt die Idee einer Leitkultur ad absurdum.

DR: Dass sich einige Ausländer in Deutschland danebenbenehmen ist wirklich nicht das Problem.

KB: Richtig. Das wird von politischen Scharfmachern wie Sarrazin aufgegriffen und benutzt. Aber wer ist gefährlicher? Der Deutsche, der in seinem Kleinstadt-Reihenhaus Kuckucksuhren sammelt und seine Frau schlägt oder der mit Koks dealende Araber irgendwo in Berlin?

Zur Band

Fettes Brot, das sind die Hamburger Boris Lauterbach („König Boris“, 36), Björn Warns („Björn Beton“, 37) und Martin Vandreier („Doc Renz“, 36). In Deutschland bekannt wurde die HipHop-Band, die seit 1992 existiert, mit Songs wie „Nordisch by Nature“ und „Jein“.

Die Live-Alben „Fettes“ und „Brot“ erschienen 2010, beim Musikpreis 1Live-Krone wurde Fettes Brot jüngst als „Beste Band“ und „Bester Live-Act“ ausgezeichnet. Auf Tour ist die Band nur noch bis morgen und geht danach auf unbestimmte Zeit getrennte Wege. (geh)

Wer denn?

KB: Ich weiß es nicht, wirklich.

Die Wirtschaftskrise soll endlich vorbei sei, es braucht ein lustiges Lied über den Aufschwung.

DR: Wir haben lange gebraucht, um uns den Stempel „Gute-Laune-Band“ von der Stirn zu kratzen. Lieber nicht.

KB: Ich habe vom Aufschwung so viel mitbekommen wie von der Krise, nämlich nichts. Man stumpft da irgendwann ab. Da wird mit so großen Szenarien gearbeitet, die von der Lebensrealität vieler weit weg sind. Irgendwas stimmt da nicht.

DR: Und dass mittelständische Unternehmen bankrott gehen, gab es schon vor der Krise.

KB: Wir sind in Geldfragen eher konservativ, die Krise hat da kein Vermögen vernichtet. Aktien hat von uns keiner. Ich kenne auch niemanden, der mit Aktien Geld verdient hat, nur verloren. Andererseits, ein Lied über den Aufschwung, vielleicht benutzt Fabian Hambüchen das als seine Turnhymne.

DR: Gut, wir machen das Lied.

Danke für das Stichwort. Die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen steht an, es braucht einen Song zum Mitgrölen.

DR: Fußball ist immer einen Song wert. Aber einen WM-Song, das kann doch jeder. Wir haben mit „Fußball ist immer noch wichtig“ ein Lied für die Zeit nach der Weltmeisterschaft 2006 geschrieben.

KB: Die große Kunst ist es ja, Sporthymnen zu schreiben, ohne das bewusst zu tun. Bei „Emanuela“ ist uns das gelungen.

Das Lied wurde von Fußballfans auf Patrick Owomoyela umgedichtet, als eine Art Liebeserklärung an den Ex-Nationalspieler. Ein Liebeslied kann man zu fast jedem Thema schreiben, oder?

KB: Die Liebe ist ein wunderschönes Thema für einen Künstler, daran haben wir uns schon in diversen Songs abgearbeitet. Man macht in seinem Leben eine Menge Lieder über dasselbe Thema...

DR: ...und hat nie das Gefühl, es nicht wieder machen zu dürfen. Man kann immer verschiedene Gefühle neu hervorrufen und aus dieser Emotion heraus poetisch beschreiben.

Beschreiben Sie mal deutschen HipHop ohne Fettes Brot.

KB: Wir haben den HipHop in einem unserer Songs getötet, in einem anderen gerettet. Mittlerweile haben wir unsere eigene Musiksparte aufgemacht, Fettes Brot-Musik. Da ist natürlich bald erst einmal die große Leere angesagt.

DR: HipHop ist die Basis von allem, was wir bislang gemacht haben, jetzt machen wir Musik so, wie wir sie am schönsten finden.

KB: Und das so lange, bis wir merken, dass wir peinlich sind und nicht mehr authentisch. Wir glauben fest daran, dass wir dieses Gespür haben.

Interview: Sebastian Gehrmann

Datum:  15 | 12 | 2010
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