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10. Januar 2016

Köln: Eine neue Dimension des Hasses

 Von Jörg Wimalasena
Pegida-Demo in Köln: Die Stimmung ist vergiftet.  Foto: dpa

Nach den Übergriffen in Köln befürchten Flüchtlingsorganisationen und Islamverbände eine wachsende Bedrohung durch Rechtsextreme. Sie sehen eine neue Dimension des Hasses.

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Nach den sexuellen Angriffen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht spüren Flüchtlingsorganisationen und Islamverbände, wie sich die Stimmung der Bevölkerung gegenüber Migranten und Muslimen in Deutschland verschlechtert.
Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte der FR, seit Jahresbeginn habe die Zahl der Anfeindungen und Drohungen gegen seinen Verband zugenommen. „Wir erleben eine neue Dimension des Hasses.“

Allein am Donnerstag, als bekannt wurde, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern um Asylbewerber aus muslimischen Ländern handelt, seien in der Geschäftsstelle des Islamverbands 50 Drohanrufe sowie Hunderte Hassmails und -briefe eingegangen – so viele wie sonst in zwei Wochen. Dazu gebe es Hetze im Web. Inzwischen habe man die Telefonanlage abstellen müssen.

„Der braune Mob tobt in den sozialen Medien, sieht seine Vorurteile bestätigt und endlich die Chance, seinem Hass auf Muslime, Ausländer, Andersaussehende und Andersdenkende freien Lauf zu lassen“, sagte Mazyek.

Akif Pirincci hetzt wieder

Rassistische und antimuslimische Haltungen nähmen bereits seit einer ganzen Weile zu. „Solche Ereignisse wie in Köln fachen dann die Islamfeindlichkeit nochmals weiter an, weil Muslime dann unter Generalverdacht gestellt werden“, sagte Mazyek. Sein Verband wolle den zunehmenden Ressentiments mit „Aufklärung und Besonnenheit“ entgegentreten. So sei es im Islam eine große Sünde, Frauen zu belästigen oder gar zu vergewaltigen.

Hilfsorganisationen rechnen auch mit negativen Auswirkungen auf die Haltung der Bevölkerung speziell gegenüber Flüchtlingen. „Köln hat unsere Arbeit nicht leichter gemacht“, sagte Karl Kopp von „Pro Asyl“ der FR. Er fürchtet, dass die Stimmung kippen könnte – und verweist ebenfalls auf Hass-Kommentare im Internet. Der umstrittene Schriftsteller und „Pegida“-Sympathisant Akif Pirincci schrieb in einem hundertfach geteilten Tweet: „Pro Asyl und die Bundesregierung haben in Köln mitvergewaltigt“.
Kopp forderte, dass man nicht alle Flüchtlinge unter Verdacht stellen dürfe. Asylbewerber, mit denen er über die Ereignisse gesprochen habe, seien ebenfalls über die Gewalttaten schockiert gewesen.

Ascheberg
Mit Farbkugeln

In Ascheberg im nordrhein-westfälischen Kreis Coesfeld blieben die Bewohner einer Asylbewerberunterkunft unverletzt, als am frühen Samstagmorgen eine Plastikflasche mit brennbarer Flüssigkeit etwa einen Meter vor der Hauswand angezündet wurde. Polizisten löschten die knapp zwei Meter hohen Flammen, bevor sie auf die angrenzenden Gebäude übergriffen.

Mit Farbkugeln wurde in der Nacht zum Samstag eine Flüchtlingsunterkunft im hessischen Schmitten (Hochtaunuskreis) beschossen. Die Farb-kugeln wurden vermutlich aus einer Paintball-Waffe abgefeuert. Für die Bewohner der Unterkunft bestand nach Angaben der Polizei zu keiner Zeit eine Gefahr. Der für politische Straftaten zuständige Staatsschutz ermittelt in der Angelegenheit. (dpa)

Susanne Rabe-Rahmann von der Kölner Caritas sagte dem Evangelischen Pressedienst, Flüchtlinge gehörten in ihrem Heimatland zu einer ausgegrenzten Minderheit. „Nun erleben sie hier eine neue Form der Ausgrenzung.“ Junge Araber berichteten ihr immer wieder, dass Fahrgäste ihre Taschen auf die andere Seite stellten, wenn sie die Bahn betreten. „Das hat sich seit einer Woche deutlich verschärft.“

Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, warnte davor, Flüchtlinge und Asylsuchende unter Generalverdacht zu stellen. „Die Allermeisten verhalten sich nicht kriminell“, sagte die SPD-Politikerin der FR. „Sie sind jetzt in einer sehr schwierigen Lage, denn sie werden misstrauisch beäugt.“ Gerade in dieser schwierigen Situation dürfe man „den Raum nicht den Rechtsextremen überlassen“.

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Pro-Asyl-Sprecher Kopp ist überzeugt: „Die Willkommenskultur ist stark genug“. Nach den Anschlägen von Paris im November habe er befürchtet, dass die Wut über die Attentate sich in Ablehnung gegenüber Flüchtlingen äußern könnte. Doch der Zulauf an freiwilligen Helfern und Unterstützern habe nicht abgenommen. Er hofft, dass auch nach den Ereignissen in Köln die Hilfsbereitschaft nicht zurückgeht.

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